Wurstdenken überwinden!

Von Josefine Geib und Merle Stöver

Dieser Beitrag entstand als Reaktion auf mehrere Artikel sowohl innerhalb als auch außerhalb unseres Verbandes und die daraus resultierende Debatte über den von den Grünen geforderten Veggie-Day. Während eine von uns sich seit zehn Jahren aus vielen Gründen vegetarisch ernährt, isst die andere nach wie vor Fleisch, trotzdem sehen wir viele Aspekte in dieser Diskussion ähnlich.

Zu allererst wollen wir ein paar Dinge klarstellen:

  • Wir wollen niemanden missionieren, umerziehen und belehren.
  • Die Gesundheit anderer Menschen geht uns nichts an und soll uns nicht als Argument dienen. Ob vegetarische Ernährung gesünder ist oder nicht, soll hier keine Rolle spielen.
  • Die gesamte Veggie-Debatte geht nicht nur Vegetarier_innen und Veganer_innen etwas an und sollte auch nicht dementsprechend geführt werden.
  • Wir lehnen Kampagnen wie die von PETA, in der Schlachthöfe mit der Shoa gleichgesetzt werden, ausdrücklich ab. Diese dürfen auch keine Rolle in der Debatte spielen.

Die Grünen fordern einen nationalen Veggie-Day und haben damit eine große politische Debatte hervorgerufen. Natürlich reagierten darauf auch die Jusos, unter anderem in den Artikeln “Ich lass mir meine Bratwurst nicht verbieten” und “Warum ich gern vegetarisch esse”.

Auch für uns ist klar, dass die Debatte um Fleischkonsum in einen linken Verband gehört und hier rational geführt werden sollte. Allerdings geschieht dies anstatt ernsthaft und zielorientiert, polemisch und emotionsgeladen. Auch entsteht bei vielen Jusos der Eindruck, man wolle sich betont und zwanghaft von der Grünen Jugend abgrenzen, obwohl das Thema “Bewusste Ernährung” für das gesamte linke Spektrum eine Rolle spielt und auch bei uns stärker diskutiert werden muss.

Als linke Jugendorganisation beschäftigen wir uns mit den Widersprüchen im kapitalistischen System und sehen es als unsere Aufgabe, auf die daraus resultierenden Fragen Antworten zu finden. Die Analyse, was Fleischkonsum für die Gesellschaft bedeutet, unter welchen Arbeitsbedingungen Menschen in der Fleischindustrie beschäftigt sind und unter wie Lebensmittel – und vor allem Fleisch – produziert werden, ist vorhanden. Es ist unser Anspruch, es nicht bei der Analyse zu belassen. Jedoch fehlt als logischer Schluss die sich daraus ergebende und formulierte Konsequenz in die Tat umzusetzen.

Erinnert man sich an den Juso-Bundeskongress im November 2012 in Magdeburg und schaut ins Beschlussbuch, so findet man den Antrag U18 “Ernährungspolitik”. In diesem werden Fleischkonsum und bewusste Ernährung sowohl thematisiert, als auch analysiert und teils werden sogar Handlunsmöglichkeiten aufgezeigt. Demokratische Beschlüsse spiegeln die Meinung der Mehrheit des Verbandes wider und werden so zu richtungweisenden Positionen. Wieso erwähnt eigentlich niemand unsere Beschlusslagen in dieser Debatte?

Deshalb hier unsere grundsätzlichen Feststellungen, die in diesem Antrag zu finden sind:

„Für uns Jusos spielt Nachhaltigkeit auch im Bereich Ernährung eine große Rolle für eine gerechte Gesellschaft. Auf dem Weg zu Lösungsansätzen wollen wir auf die aktuell bestehenden Probleme aufmerksam machen und Zusammenhänge aufzeigen. Wir wollen Lösungen finden, die sowohl den weltweiten Überfluss als auch Mangel an Lebensmitteln lindert.“ (Z. 22-26)

„So fließt das Wasser aus Entwicklungsländern in großem Maße in die Fleischproduktion der Industriestaaten.“ (Z. 104, 105)

„Wir wollen eine Gesellschaft, die nachhaltig und bewusst mit Lebensmitteln umgeht.“ (Z. 667)

Laut Juso-Beschlusslage sind wir übrigens auch gegen Massentierhaltung! Dieses wird ebenso in oben zitiertem Antrag ausgeführt.

„Der Pro-Kopf-Jahresfleischverbrauch ist in Deutschland seit 1950 von etwa 26kg auf über 60kg im Jahr 2010 gestiegen und soll nach OECD-Studien innerhalb der nächsten Jahre auf über 70kg ansteigen. Durch die mangelnde Nachfrage nach höherwertigen und damit teureren Fleischprodukten, nimmt die Produktion von günstigen Fleischprodukten immer weiter zu.“

„So kommt es, dass analog zu den Monokulturen der hohe Fleischkonsum in den Industriestaaten dazu führt, dass immer mehr Mastanlagen und Massentierhaltungen entstehen.“ (Z.162ff.)

Auch hier findet man eine klare Analyse, wodurch Massentierhaltung begünstigt wird, aber eben auch die Aufforderung zu einem öffentlichen Diskurs, wie ihn die Grünen mit ihrer Forderung nun angestoßen haben.

„Hier muss man sich über die Folgen solcher Entscheidungen auch Gedanken machen, denn zur Herstellung von einem Kilogramm Rindfleisch werden rund 15.000 Liter Wasser benötigt. So gern wir uns an Fleischprodukte gewöhnt haben, so nötig ist es, einen öffentlichen Diskurs über die ökologischen, wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen des aktuellen Fleischkonsums zu führen.“ (Z. 168-172)

Außerdem haben wir aus dieser Analyse folgend eine konsequente Ablehnung von Massentierhaltung beschlossen. Selbst der Titel des entsprechenden Absatzes lautet: “Gegen Massentierhaltung – für nachhaltige und artgerechte Tierhaltung”. Als Probleme werden in diesem Absatz vor allem das Massensterben in Ställen, der unverhältnismäßige Einsatz von Antibiotika, die unhygienischen Zustände in Mastanlagen und die daraus resultierende Gefährdung der Konsument_innen aufgeführt. Infolgedessen wird erläutert, dass für uns Jusos ein Handeln notwendig ist, in der Massentierhaltung strengere Kontrollen eingeführt werden müssen und wir eine Abkehr von industrieller Tierproduktion hin zu bäuerlicher Landwirtschaft brauchen (nachzulesen in Z. 808-829).

Als linker Verband haben wir immer den Anspruch, Probleme nicht nur vor Ort und national zu betrachten, sondern auch im globalen Kontext zu sehen. Ebenso müssen wir unser Konsumverhalten in Zusammenhang mit dem Welthunger kritisch hinterfragen. In Bezug hierauf lohnt sich ein Blick in den Fleischatlas des Spiegels. Die Produktion des Fleisches, das in Deutschland konsumiert und verzehrt wird, und damit einhergehende Umweltzerstörung und Wasserverbrauch verlagern sich ins Ausland, sodass europäische Staaten die globalen Auswirkungen ihres eigenen Konsumverhaltens nicht leugnen können. Leute, wir essen auch auf Kosten der Dritten Welt.

In der Debatte fiel oft das Argument, dass Einzelne mit ihrer Ernährung nichts an der Gesamtsituation ändern könnten, sondern dass wir uns stattdessen lieber mit Umverteilungsfragen auseinandersetzen sollten. Gerade wir als Sozialist_innen und Sozialdemokrat_innen sind doch der Überzeugung, dass auch jede_r Einzelne durch das eigene Engagement und Handeln vieles bewirken kann! Wieso sollte dies in diesem Streitpunkt nicht zählen? Anstatt künstlich zwei Fronten aufzubauen, sollten wir lieber sachlich analysieren, uns an unsere Beschlusslage erinnern und dementsprechend Konsequenten daraus zu ziehen. Das Private ist politisch.

Ach, und die Beschlusslage?

„Dabei wird vom Verbraucher verkannt, dass sein Handeln auch Folgen für den Anbau und die Tierhaltung hat.“ (Z. 149, 150)

Gerne wird der Diskurs auch zur Verzichtsdebatte degradiert, die – zu Recht – auch von uns Jusos in der Beschlusslage abgelehnt wird. Denn es muss jedem Menschen möglich sein, weiterhin Fleisch zu konsumieren. Es geht nicht darum, Menschen vorschreiben zu wollen, wie sie zu leben haben. Es geht nicht darum, zu missionieren und umzuerziehen. Jedoch ist diese Debatte nicht mit wirklichen Verzichtsdebatten zu vergleichen. Bei Fleischkonsum handelt es sich nicht um eine Sucht wie bspw. beim Rauchen. Einen Tag in öffentlichen Kantinen und Mensen auf Fleisch zu verzichten fügt niemandem Schaden zu. Ein Rauchverbot würde Lebensweisen einschränken, während es beim Veggie-Day nicht darum geht, an einem Tag in der Woche die Fleischtheken in Supermärkten zu schließen. Es handelt sich nicht um einen Eingriff ins Private – es geht lediglich um öffentliche Einrichtungen. Wir als Jusos sind doch der Ansicht, dass man gesetzlich Denkanstöße geben kann und geben muss, wie wir es zum Beispiel mit der Geschlechterquote erreichen wollen. Gleiches gilt auch für Nachhaltigkeit und bewusste Ernährung.

400g Hähnchen-Ministeaks kosten bei Aldi 2,69 Euro. Ist das die Wertigkeit, die wir Fleisch zusprechen wollen? Die Beschlusslage der Jusos ist, dass Fleisch nicht zum Luxusprodukt werden darf (im Antrag Z.828f). Allerdings führt der geringe Wert von Fleisch oft dazu, dass es weggeworfen wird, womit wir wieder beim globalen Zusammenhang wären. Es muss uns wichtig sein, woher Fleisch kommt und wie es produziert wurde. Wir leben in einer Überflussgesellschaft, in der darauf wenig Acht gegeben wird. Vor allem täglicher Fleischkonsum ist schlichtweg nicht notwendig. Trotzdem fehlen in öffentlichen Mensen und Kantinen wirkliche vegetarische und vegane Alternativen. Dafür, wie viele Alternativen man zu fleischhaltigen Gerichten hat, fehlt in der Gesellschaft das Bewusstsein, weswegen auch hier wieder aus der Juso-Beschlusslage zitiert werden kann:

„Ernährungsbewusstsein stärken

Für eine aufgeklärte Gesellschaft, ist es immens wichtig, einen nachhaltig und bewusst mit Nahrungsmitteln umzugehen. Viele Menschen sind sich der Auswirkungen ihrer Ernährungsgewohnheiten nicht bewusst. Europa ist in der Pflicht, Millionen von Menschen „des Südens“ in einer maroden und inhumanen Wirtschaftsordnung eine Perspektive und soziale Sicherheit zu bieten. Dieses Handeln muss sich sowohl in der Bildung und Erziehung bereits bei Kindern als auch in den Medien, in der Werbung und in der Öffentlichkeit wiederfinden.“ (Z. 863-871)

Die Debatte wird nicht nur unsachlich und polemisch geführt, viele Gegner_innen greifen auf diskriminierende Argumentationsmuster zurück. Dass man sich selbst angegriffen fühlt, ist verständlich, wenn es um die eigene Lebensweise geht, jedoch legitimiert es nicht die Art und Weise, wie manche_r sich in dieser Debatte äußert.

Unter dem Facebook-Post einer Bekannten zum Veggie-Day, den sie befürwortet, äußerten sich mehrere Männer wie folgt:

Ein Bundestagsabgeordneter der FDP fühlte sich berufen, den Veggie-Day mit der Propaganda eines NSDAP-Plakats gleichzusetzen: Veggie-Day – FDP-Politiker greift zu Nazi-Vergleich

Die Debatte um einen vegetarischen Tag in der Mensa gab es Anfang des Jahres auch schon in der Uni Kiel, woraufhin sich eine Gruppe bildete, die mit dem Slogan „Kieler wehrt euch – esst nicht bei Vegetariern“ ein derart an antisemitische Propaganda angelehnte Schiene fuhr, die dem Faschismus-Vergleich des FDP-Politikers Lars Lindemann in nichts nachsteht.

Bei den angeführten Beispielen bedarf es keiner weiteren Erläuterung.

Wir würden uns wünschen, dass diese wichtige Debatte rational und ehrlich geführt wird. Es geht nicht darum, dass wir während des Essens darüber diskutieren müssen, wer was warum isst und wer sich dafür rechtfertigen muss, sondern vielmehr darum, dass wir die Debatte zurück auf eine sachliche Ebene holen.

Dieser Artikel soll ein erster Schritt in diese Richtung sein.

 

This entry was posted in Allgemein, Kapitalismus- / Gesellschaftskritik, Visionen / Utopien. Bookmark the permalink.

3 Responses to Wurstdenken überwinden!

  1. Patrick G. says:

    Ihr habt recht, dass man aus der Juso Beschlusslage ableiten kann, dass der Fleischkonsum gesenkt werden soll. Das finde ich auch richtig. Die Frage die sich mir stellt ist aber, ob so ein Veggie-Day dazu führt. Es besteht die große Gefahr, dass sich viele Menschen von einem ritualisierten von der Politik festgelegten tag an dem die Leute nur vegetarisches Essen bekommen bevormundet fühlen. Wenn man Vegetarismus als Pflicht propagiert, und genau als das nehmen viele diesen Tag wahr, muss man sich nicht wundern wenn Vegetarismus ein niedrigeres Ansehen bekommen.

    Würde es nicht viel mehr Sinn machen, wenn man dafür sorgen würde (von mir aus auch per Gesetz) dass im Schnitt einmal pro Woche halt einfach Vegetarische Gerichte angeboten werden. Das senkt den Fleischkonsum ohne das es die plakative Wirkung eines solchen Tages hat und entsprechende Reaktionen hervorruft. Die meisten werden es nicht mal merken.

    Ziel der Grünen ist es ausdrücklich durch den Veggie-Day ein Bewusstsein für Fleischlose Ernährung zu schaffen. So etwas mag bei Grünenwählern gut ankommen, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass außerhalb dieser Wählerschicht damit kein Blumentopf zu gewinnen ist, sondern das eher schadet(sowohl bei Wählerstimmen noch beim Fleischkonsum), deswegen sollten wir auf den Zug nicht mit aufspringen.

  2. Mark says:

    Nee, nicht einmal die Woche vegetarisches und veganes Angebot, sondern durchgehend mit Auflage zur Abwechslung bzw. entsprechender Eiweismindestgrenze. Ich finde es genauso eine Zumutung in Kantinen immer nur Fleisch vorgesetzt zu bekommen oder schlechte vegetarische Gerichte, wie Fleischesser den Zwang zum Vegetarismus schlecht finden. Klar kann ich da zu privaten AnbieterInnen gehen, aber in öffentlichen Kantinen muss das aus meiner Sicht gewährleistet sein.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.