„Wird man ja wohl noch sagen dürfen!“ – Aber man kann’s auch bleiben lassen…

Es geistern zurzeit einige „Das-wird-man-ja-wohl-noch-sagen-dürfen!“-Diskussionen in der Öffentlichkeit herum. Ein Beispiel ist die Debatte um Jakob Augstein, der wohl im Moment die Eisbergspitze des sich gesellschaftlich ausbreitenden Antisemitismus darstellt: „Also was Isreal da macht, ist ja schon kritisch. Wird man ja wohl noch sagen dürfen.“ Ein anderes gerade sehr präsentes Thema: die Frauenquote und Sätze wie „Wenn die Frauen nur wollen würden, dann würden sie auch die entsprechenden Jobs bekommen. Wird man ja wohl noch sagen dürfen.“

In den meisten Fällen wird der Ausdruck  „Das-wird-man-ja-wohl-noch-sagen-dürfen!“ implizit oder explizit als Totschlagargument  angebracht, das suggerieren soll, dass mensch die Meinungsfreiheit nicht akzeptiert, wenn dem widersprochen wird. Dieser sich ausbreitenden „Das-musste-mal-gesagt-werden“-Kultur verdanken wir aber auch die Unwörter der letzten Jahre „Dönermorde“ und „Opfer-Abo“, beides Zeugnisse davon, wie verkürzte stammtischtaugliche Verlautbarungen sich gesellschaftlich festsetzen.

Gerne wird ja das Argument gebracht, dass eine funktionierende demokratische Gesellschaft so was aushalten muss. Ich würde da entgegenhalten und deutlich sagen: Nein, menschenverachtende, stereotypisierende und populistische Rhetorik ist nichts, was eine öffentliche Debatte bereichert und damit gut verzichtbar. Die Vielfalt von Ideen und Meinungen ist sicherlich eine wichtige Grundlage und ein hohes Gut in einer demokratischen Gesellschaft. Aber: Verkürzte Parolen statt begründeter Standpunkte schränken gesellschaftliches Denken und Handeln ein. Je einfacher die Zusammenhänge dargestellt sind, desto geringer bleibt das Repertoire der in Betracht gezogene Konsequenzen und Lösungen.

Sicherlich liegt vieles auf den ersten Blick nahe, was einem im täglichen medialen Stimmenwirrwarr so um die Ohren fliegt. Oft ist es auch schlichtweg einfacher gedankliche Shortcuts zu verwenden, als sich die Mühe zu machen, Gedanken auch mal konsequent zu Ende zu denken. Das nämlich könnte den einen oder die andere aus der wohlbehüteten Gemütlichkeit holen und überraschende Ergebnisse hervorbringen – vielleicht nicht immer ganz widerspruchsfrei zum eigenen Weltbild, mit Sicherheit aber erfrischend.

Und das musste jetzt wirklich mal gesagt werden.

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