Wie man Faschist*in wird – Eine Anleitung!

Ein Gastbeitrag von Norbert Rupsch. Norbert, 31, war langjähriges SPD-Mitglied und ist seit drei Jahren bei den Falken in der Jugendarbeit aktiv.

Mit seiner monopolisierten Gewalt garantiert der Staat allen Bürgern*innen die Freiheit des Eigentums. Wer nicht über die nötigen Mittel zum Leben verfügt, ist von diesen also ausgeschlossen. Um an die nötigen Mittel zu kommen, ist die*der Einzelne gezwungen sich für die Eigentümer*innen nützlich zu machen, sprich für sie zu arbeiten. Da sich aber die zwei Interessen „möglichst viel Lohn zu kriegen“ und „möglichst wenig Lohn zu geben“ widersprechen, nötigt der Staat den Leuten Verträge auf (sog. Arbeitsverträge), um die Gegensätze zu befrieden. Ohne diese Gewalt käme niemand auf die Idee für einen Lohn, der kaum zum Leben reicht, arbeiten zu gehen.

In der kapitalistischen Geschäftsordnung treten sich alle Bürger*innen als Freie und Gleiche in der Konkurrenz gegenüber. Im Kampf für die Durchsetzung der eigenen Interessen kommt es dabei zwangsläufig zu Schädigungen anderer Interessen. Wenn Unternehmer*innen darüber befinden, wer einen Arbeitsplatz zugewiesen bekommt, können diese auf ein Heer an Eigentumslosen zurückgreifen und stellen diejenigen ein, aus denen sich der größte Gewinn schlagen lässt. Hier gilt es also die Ellenbogen auszufahren, um sich in der Konkurrenz behaupten zu können.

Doch anstatt nun den Staat für die, von ihm in Gang gesetzten, Prozesse verantwortlich zu machen, zollen die Bürger*innen ihm sogar Dank dafür, dass er, Kraft seiner Gewalt, ihnen Möglichkeiten und Chancen gibt, sich in der Gesellschaft, mit ihren Interessen und Mitteln, durchsetzen zu dürfen.

Auch die ihnen, per Recht, zugesprochenen Freiheiten der demokratischen Teilhabe wissen sie sehr zu schätzen. Im Gegensatz zu anderen Herrschaftssystemen haben die Bürger*innen hierzulande die Möglichkeit mit all ihren beschränkten Mitteln in dieser Gesellschaft mitzumachen. Dass es dennoch Herrschaft bleibt, die diese Geschäftsordnung, unter der sie leiden, Aufrecht erhält, ignorieren sie dabei völlig.

Dieses ungeprüfte „Dafür sein“ und „Mitmachen“ ist der erste Übergang. Der erste Schritt zum Nationalismus ist vollzogen.

Der zweite Schritt manifestiert sich an der Staatsangehörigkeit. Wieder per Gewaltakt legt der Staat fest, wer zu seinem Volk gehört und wer nicht. Wer zur Gruppe der Inländer*innen gehören darf, wird mit einem Pass und den vollen Bürger*innenrechten und -pflichten ausgestattet. Wer zu Gruppe der Ausländer*innen gezählt wird, erhält – mit dem Verweis, dass sie ja schon einer anderen Staatsmacht gehorchen – diese Privilegien nicht.

Wenn man die Leute fragt, warum sie es gut finden deutsch zu sein, erntet man zuerst ungläubige Blicke und dann meistens die Antwort „Ich bin doch Deutscher!“, um dann in Nachsätzen auf die gemeinsame Sprache, Kultur oder Geschichte zu verweisen. Befangen von der scheinbar natürlichen, gottgegebenen Gemeinsamkeit, der nationalen Identität, fällt der staatliche Akt der Einteilung glatt unter den Tisch. Dass es der Staat ist, der diese Identität erst konstruiert, geht an ihnen vorbei. Das z.B. die Varusschlacht in das kollektive Gedächtnis eingeschrieben wurde, ist vor allem Angela Merkel und Joachim Gauck zu verdanken. Von ihnen wird der Cherusker-Fürst Arminius sogar noch nachträglich dafür gewürdigt eine gute Tat für das deutsche Volk vollbracht zu haben. Von da aus war der Weg bis zur Gründung des Deutschen Reiches quasi vorgezeichnet!

Eingelullt in diese nationale Identität, in das wohlige Wir-Gefühl, lässt sich leicht etwas konstruieren, dass diesem „Wir“ entgegensteht. Gemeint sind die „Anderen / Fremden“ (Hautfarben / Religionen / Moralvorstellungen). Unter Herausstellung und Überhöhung der eigenen Identität wirken andere Identitäten minderwertiger. Der zweite Übergang, der zum Rassismus, ist vollzogen.

Wenn man verstehen will, warum die Leute Fremde für ihr schlechtes Abschneiden in der Gesellschaft verantwortlich machen, muss man sich angucken, wie Kritik in dieser Gesellschaft vorkommt:

Schon in der Schule werden den Leuten die demokratischen Spielregeln beigebracht. Diese beinhalten auch, dass wenn man Kritik vorzubringen hat, solle diese doch bitte konstruktiv, also im Sinne der Verbesserung eines bestimmten Systems oder Zusammenhangs, sein. Wenn diese jedoch, in den Augen der Adressat*innen, destruktiv erscheint, wird sie meist als unhaltbar, undifferenziert oder schlicht als Harmoniezerstörer*innen diffamiert und ignoriert.

Mit diesem guten Willen ausgestattet, stellen sie, wenn sie einmal Mängel an der Gesellschaft bemerkt haben, Forderungen an ihr zuständiges Herrschaftspersonal – in der Hoffnung diese würden die benannten Mängel beheben. Wenn die Leute nun feststellen müssen, dass die Politik ihren Forderungen selten oder gar nicht entgegenkommt oder sie sich von dieser verraten fühlen, kann es vorkommen, dass sie sich verbittert von ihr abwenden und der Demokratie ihren Dienst entsagen. Auf der Suche nach Gründen, für diesen Verrat, greifen einige auf ihr rassistisches Weltbild zurück und machen überall sog. Volksschädlinge (Ausländer*innen, Politiker*innen, Manager*innen, Jüd*innen) ausfindig, die die Umsetzung ihrer Forderungen stören. Der dritte Übergang, der faschistische, ist vollzogen. Von dem Standpunkt aus, ist es nicht mehr weit, bis einige Leute auf die Idee kommen sich die nötigen Gewaltmittel zu besorgen, um den Ruf nach “Ausländer raus!” praktisch werden zu lassen.

Literatur

– „Leitartikel – Staat, Nation und Volk“; In: Aber hier leben? Nein, Danke. – Beiträge gegen Staat, Nation & Kapital 1; GEGEN_KULTUR-Verlag; Stuttgart 2013.
http://301507.server.adminflex.de/sites/default/files/Staat%2C%20Volk%20%26%20Nation.pdf

– Freerk Huisken: „Der demokratische Schoß ist fruchtbar… – Das Elend der Kritik am (Neo-) Faschismus; VSA Verlag; Hamburg 2007.
https://www.youtube.com/watch?v=FWkLVqTLiZ4

– „Kritik – wie geht das?“; In: GegenStandpunkt 4-13; GegenStandpunktverlag; 2013.
http://www.argudiss.de/node/220

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2 Responses to Wie man Faschist*in wird – Eine Anleitung!

  1. KKK says:

    „Auch die ihnen, per Recht, zugesprochenen Freiheiten der demokratischen Teilhabe wissen sie sehr zu schätzen. Im Gegensatz zu anderen Herrschaftssystemen haben die Bürger*innen hierzulande die Möglichkeit mit all ihren beschränkten Mitteln in dieser Gesellschaft mitzumachen. Dass es dennoch Herrschaft bleibt, die diese Geschäftsordnung, unter der sie leiden, Aufrecht erhält, ignorieren sie dabei völlig.“

    Ich glaube , der Fehler an dieser Stelle ist zu meinen, die Leute wüssten nicht, dass auch der demokratische Staat eine Herrschaft über sie hat. Das wissen sie sehr wohl. Es stört sie aber nicht, weil sie diese Herrschaft eben gut finden. Der Bezug der lLute zur Demokratie ist doch nicht „Das ist keine Herrschaft“, sondern „Das ist ne Herrschaft, die geht aber vom Volke aus, hat damit den Zweck dem Volk zu dienen und deswegen ist sie eine Gute“. Wer gegen die Demokratie ins Feld führt, sei sei eine herrschaft, der wird von Demokraten nur Nicken und „Jaja, aber was für eine Tolle!“ zu hören bekommen.

  2. Cri says:

    Die Frage ist ja warum eine Demokratie eine derartiges Herrschaftssystem stützt und ob eine Demokratie nicht auch eine anderes (wirtschaftliches)System stützen kann

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