Welche Rolle spielt der Mindestlohn bei der Altersarmut?

Themenbild Rente(Bild: CC0 1.0 Universell (CC0 1.0) , https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de)

von unserem Gastautor Ilja Kantorovich.

Kürzlich wurde der Mindestlohn von der zuständigen Kommission für die nächsten zwei Jahre erhöht. Um die eigentliche Erhöhung soll es hier ausnahmsweise nicht gehen, sondern um die Kriterien nach denen wir die Höhe eines Mindestlohns bewerten sollten. Welche Ziele soll der Mindestlohn erfüllen?

Die Diskussion bislang

Zunächst geht es darum, gegen so niedrige Löhne vorzugehen, dass selbst Vollzeit arbeitende Menschen zum Amt gehen und ihr Gehalt aufstocken müssen. Dabei steht meistens ein Ausgleich von Kräften im Vordergrund: Häufig sind davon Branchen betroffen, die nicht besonders stark von Gewerkschaften durchdrungen sind. Dies führt zu einem Ungleichgewicht zu Gunsten des Arbeitgebers – er genießt Marktmacht. Dadurch sind die Löhne niedriger als sie eigentlich sein sollten. Durch eine Anhebung der Löhne sollte sich nicht nur das Lohnniveau erhöhen, sondern auch die Beschäftigung zunehmen – mehr Menschen sind bereit für diesen höheren Lohn zu arbeiten. Liegt diese Marktmacht jedoch nicht vor, kann eine Erhöhung des Lohnes zu einer Reduzierung der Beschäftigung führen – bislang ist dieser Effekt aber in Deutschland ausgeblieben.

Zum anderen geht es in der politischen Debatte darum, welches Konsumniveau das Minimum darstellt. Unter welche Schwelle sollte ein arbeitender Mensch (mit und ohne Familie) nicht fallen? Es ist ein Bedarfsargument, nachdem der (Mindest-)Lohn nicht dadurch bestimmt werden sollte, was der arbeitende Mensch leistet, sondern was dieser zum Leben benötigt. Um diesen Punkt wird viel diskutiert, vor allem die politische Konkurrenz von links würde das Minimum gerne höher ansetzen und weiß das Gefallen aller auf ihrer Seite, die zum Mindestlohn nicht arbeiten wollen würden oder ihn für zu niedrig für ein annehmbares Leben halten.

Der Mindestlohn – zu niedrig für die Rente

Diese beiden Argumente sind direkt mit dem Mindestlohn verbunden. Beide beziehen sich auf die unmittelbaren Folgen für alle, die zum Mindestlohn arbeiten müssen. Jedoch wird der Mindestlohn auch mit der Debatte zur Altersarmut verbunden. Meistens lautet die Forderung, dass der jetzige Mindestlohn nicht vor Altersarmut schütze und daher erhöht werden sollte. Dieser Zustand ist unserem jetzigen Rentensystem geschuldet, in dem die erhaltene Rente in einem festen Verhältnis zum Erwerbseinkommen steht. Wenn das Erwerbseinkommen niedrig ist, ist die spätere Rente niedrig und wenn das Erwerbseinkommen hoch ist, fällt auch die Rente höher aus.

Warum ist diese Forderung problematisch? Es basiert auf der Annahme, dass viele derjenigen, die von Altersarmut betroffen sind, solche sind, die ihr ganzes Leben zum Mindestlohn durchgearbeitet haben. Es wird dann ausgerechnet, wie hoch der Mindestlohn sein müsste um ein bestimmtes Rentenniveau zu erreichen, wenn 40 Jahre zum Mindestlohn gearbeitet wurde. Daran gibt es gleich mehrere Kritikpunkte. Zum einen sollte es das Ziel der Politik sein, Menschen nicht ihr ganzes Erwerbsleben zum Mindestlohn arbeiten zu lassen und diesen stattdessen Fortbildungen zu ermöglichen, die ein steigendes Einkommensprofil über das Erwerbsleben versprechen. Zum anderen ist die Frage, warum der Mindestlohn nach denen ausgerichtet werden sollte, die zumindest 40 Jahre gearbeitet haben? Menschen, die wegen Erwerbslücken ein niedriges Rentenniveau befürchten, wäre damit noch nicht geholfen. Sie bräuchten im Gegenzug einen noch höheren Mindestlohn, wenn sie nur zu diesem arbeiten. Vielleicht 15 Euro, vielleicht noch höher.

Spätestens an diesem Punkt kann es dazu führen, dass das Ziel der armutsfesten Rente im Konflikt steht mit den anderen beiden Prinzipien, Bedarf und Arbeitsplatzsicherheit. Ich möchte es niemandem verneiden von etwas mehr Geld im Monat zu leben, ganz im Gegenteil. Dadurch verändert der Mindestlohn jedoch seinen Charakter. Was vorher das Minimum sein sollte, könnte sich dadurch schnell dem Durchschnittslohn in einigen Bundesländern annähren. Dazu würde ein deutlich höherer Mindestlohn (> 12 €) wahrscheinlich die Sicherheit von Arbeitsplätzen gefährden. Es wäre sicherlich besser, wenn alle drei Prinzipien miteinander in Einklang gebracht werden könnten – hierfür wird aber ein zusätzliches Instrument benötigt. Es braucht eine Reform des Rentensystems.

Neue Wege gehen

Zum Beispiel könnte das jetzige Rentensystem degressiv gestaltet werden – d.h. Geringverdiener*Innen würden anteilig von ihrem Lohn deutlich mehr Rente bekommen. Einen ähnlichen Vorschlag äußert Marcel Fratzscher, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, im Interview auf SPON vom 12.05.2016 (http://www.spiegel.de/wirtschaft/marcel-fratzscher-regierung-ist-mitverantwortlich-fuer-aufstieg-der-afd-a-1091962.html). Ein solcher Vorschlag ist zielgerichteter als eine generelle Erhöhung des Rentenniveaus, da dadurch alle eine höhere Rente bekommen würden und daher auch deutlich höhere Beiträge eingesammelt werden müssten. Deshalb wäre eine Maßnahme, die nur die Renten für Geringverdiener*Innen erhöht, deutlich günstiger zu haben und für die Betroffenen auch viel effektiver. Ebenso würde anderen Ungerechtigkeiten im Rentensystem entgegengewirkt. Menschen mit geringem Einkommen bekommen nicht nur weniger Rente, sondern sie leben auch kürzer. So kurz, dass sie am Ende mehr einzahlen als sie rausbekommen.

Der Mindestlohn könnte am Ende immer noch höher ausfallen (auch wenn der Mindestlohn nicht dauerhaft politisiert werden sollte) – man müsste aber diese Entscheidung nur noch unter der Abwägung zwischen den Effekten auf dem Arbeitsmarkt und dem erreichten Konsumniveau abwägen. Damit wäre ärmeren Menschen am besten geholfen.

Ilja Kantorovich promoviert in Barcelona in der VWL mit dem Schwerpunkt Vermögensblasen und Makroökonomie.

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2 Responses to Welche Rolle spielt der Mindestlohn bei der Altersarmut?

  1. Ralf says:

    In dem Artikel müssen einige Dinge richtig gestellt werden. 1.) In der Einleitung wird behauptet, dass durch ein höherer Lohn mehr Menschen arbeiten wollen. Voraussetzung: Sie haben eine Wahl. Im Hartz System wird aber dem ungelernte Arbeitnehmer jegliche Verhandlungsmacht über die Sanktionsmechanismus genommen. 2.) Es fehlt eine wirkliche Stellungnahme zum Konsumniveau. Wäre es nicht sinnvoll, wenn man von seiner Hände Arbeit leben könnte und auch ohne Transferleistungen eine Familie ernähren kann? 3.) Das abgeflachte Äquivalenzprinzip (Wer mehr einzahlt, soll auch mehr herausbekommen) ist bereits vom Verfassungsgericht festgeschrieben. Kinder, Bundeswehr/Zivi, sowie 3 Jahre Studium werden ja schon von der Rentenkasse anerkannt. Soll Lohndumping wirklich auch gefördert werden? 4.) Natürlich muss man definitorisch einen Eckrenter definieren um die Rentenberechnung durchzuführen. Wer weniger gearbeitet/verdient hat wird dann konsequenterweise auch weniger bekommen.4.) „Dazu würde ein deutlich höherer Mindestlohn (> 12 €) wahrscheinlich die Sicherheit von Arbeitsplätzen gefährden.“ Bisher ist das genaue Gegenteil eingetreten. Wie anders sollen wir denn unsere Exportüberschüsse abbauen? Was ist mit dann eintretender Inflation? 5.) „Es braucht eine Reform des Rentensystems.“ Absolut richtig, nur steht dazu nichts Richtige im Artikel. Ich gebe mal ein paar richtige Stichworte dazu: Beitragsbemessungsgrenze, Ausweitung der Renteneinzahlungen auf Zinserträge, Ausweitung auf Selbstständige und Beamte… 6.) Fratscher zu zitieren ist der traurige Höhepunkt unter der Rubrik: „Wie spiele ich die Mittelschicht erfolgreich gegen die Unterschicht aus.“ Die Mindestlohn-Bezieher fallen genau genommen sowieso meistens in die Grundsicherung. Damit sind sie dann Teil des Steuertopfs. Genau, dass will Fratscher nicht, da dann die Unternehmen und Reichen ihren Anteil am Gemeinwohl mitfinanzieren müssen. 8.) Fratscher bezeichnet ja auch die Rente mit 63, Mütterrente, Mindestlohn und Mietpreisbremse als „Geschenke“. Damit sollte auch für den durchschnittlich intelligenten Leser klar sein, wo er politisch zu verorten ist.

  2. Ilja Kantorovitch says:

    Danke Ralf, für deinen Kommentar. Ich gehe auf die meisten deiner Punkte nochmal ein:

    1.) In der Einleitung wird behauptet, dass durch ein höherer Lohn mehr Menschen arbeiten wollen. Voraussetzung: Sie haben eine Wahl. Im Hartz System wird aber dem ungelernte Arbeitnehmer jegliche Verhandlungsmacht über die Sanktionsmechanismus genommen.

    Das stimmt zum größten Teil. Jedoch gibt es trotzdem Menschen, die derzeit nicht nach Arbeit suchen, weil es sich in ihren Augen nicht lohnt: Paare in denen nur ein Partner arbeitet z.B.. Natürlich ist es nicht der einzige Faktor der eine Rolle für diese Entscheidung spielt, sondern auch z.B. das Angebot und der Preis der Kinderbetreuung.

    2.) Es fehlt eine wirkliche Stellungnahme zum Konsumniveau. Wäre es nicht sinnvoll, wenn man von seiner Hände Arbeit leben könnte und auch ohne Transferleistungen eine Familie ernähren kann?

    Ja, das stimmt so. Ich fasse das zusammen unter dem Bedarfsprinzip. Im Hinblick auf Transferleistungen ist anzumerken, dass viele Leistungen, die Familien erhalten, essentiell ebenfalls Transferleistungen sind: Kindergeld, Elterngeld, bald das Familiengeld, Ehegattensplitting usw..

    3.) Das abgeflachte Äquivalenzprinzip (Wer mehr einzahlt, soll auch mehr herausbekommen) ist bereits vom Verfassungsgericht festgeschrieben. Kinder, Bundeswehr/Zivi, sowie 3 Jahre Studium werden ja schon von der Rentenkasse anerkannt. Soll Lohndumping wirklich auch gefördert werden?

    Tatsächlich steht das Äquivalenzprinzip dem Vorschlag entgegen. Dennoch, wer mehr einzahlt würde auch weiterhin eine höhere Rente erhalten, aber dies würde eben nicht mehr 1:1 erfolgen, sondern der Effekt würde mit jedem zusätzlich eingezahlten Euro abnehmen.

    Die Frage, die ich aufwerfe, ist: Was ist Lohndumping? Wenn der Lohn zum Ernähren einer Familie reicht, aber keine auskömmliche Rente garantiert, ist das dann ein Dumpinglohn?

    4.) Natürlich muss man definitorisch einen Eckrenter definieren um die Rentenberechnung durchzuführen. Wer weniger gearbeitet/verdient hat wird dann konsequenterweise auch weniger bekommen.

    5.) „Dazu würde ein deutlich höherer Mindestlohn (> 12 €) wahrscheinlich die Sicherheit von Arbeitsplätzen gefährden.“ Bisher ist das genaue Gegenteil eingetreten. Wie anders sollen wir denn unsere Exportüberschüsse abbauen? Was ist mit dann eintretender Inflation?

    Ich habe auch angemerkt, dass bislang dieser Effekt ausgeblieben ist. Jedoch ist es intuitiv, dass ab einer bestimmten Höhe der Mindestlohn Arbeitsplätze gefährden muss. Wie schon vorher erwähnt, kann ein Mindestlohn, der niedriger liegt, sogar die Beschäftigung erhöhen. Daher ist die eigentliche Frage wo diese Schranke ist.

    Die Exportüberschüsse müssten durch Lohnerhöhungen in der Fläche abgebaut werden. Meist werden Exportgüter nicht durch Beschäftigte hergestellt, die zum Mindestlohn arbeiten. Je nachdem wie stark die Lohnerhöhungen ausfallen, kann auch die Inflation in Deutschland steigen.

    6.) „Es braucht eine Reform des Rentensystems.“ Absolut richtig, nur steht dazu nichts Richtige im Artikel. Ich gebe mal ein paar richtige Stichworte dazu: Beitragsbemessungsgrenze, Ausweitung der Renteneinzahlungen auf Zinserträge, Ausweitung auf Selbstständige und Beamte…

    Richtig, in meinem Post steht leider nicht viel darüber. Das Ziel war eher theoretisch zu argumentieren, warum eher das Rentensystem verändert werden sollte, als den Mindestlohn so lange anzupassen, bis das jetzige Rentensystem funktioniert wie es soll. Im Übrigen, Fratzscher stimmt mit der Ausweitung auf Selbstständige und Beamte überein.

    7.) Fratscher zu zitieren ist der traurige Höhepunkt unter der Rubrik: „Wie spiele ich die Mittelschicht erfolgreich gegen die Unterschicht aus.“ Die Mindestlohn-Bezieher fallen genau genommen sowieso meistens in die Grundsicherung. Damit sind sie dann Teil des Steuertopfs. Genau, dass will Fratscher nicht, da dann die Unternehmen und Reichen ihren Anteil am Gemeinwohl mitfinanzieren müssen.

    8.) Fratscher bezeichnet ja auch die Rente mit 63, Mütterrente, Mindestlohn und Mietpreisbremse als „Geschenke“. Damit sollte auch für den durchschnittlich intelligenten Leser klar sein, wo er politisch zu verorten ist.

    Hier stimme ich nicht mit dir überein: Fratzscher ist auch Berater Sigmar Gabriels. Es ergibt sich gerade daraus ein Mehrwert über die Vorschläge eines Beraters nachzudenken, wenn man nicht mit allem übereinstimmt. Ein Berater, der einem nur nach dem Mund redet, ist wertlos. Ansonsten ist dieser Verweis auch überflüssig und zielt nur darauf ab, sich die Auseinandersetzung mit seinen Vorschlägen zu ersparen.

    Der Vorschlag würde gerade BesserverdienerInnen einbeziehen, da die Rentenerträge für diese leicht sinken sollten wovon GeringverdienerInnen profitieren sollten. Unternehmen und Reiche sollten durch ein gerechtes Steuersystem ihren angemessenen Beitrag für das Gemeinwohl leisten. Dadurch können Verteilungsfragen auf zufriedenstellende Weise gelöst werden, ohne Menschen in der Grundsicherung belassen zu wollen, um auch sie in den Genuss von Steuermitteln kommen zu lassen.

    Fratzscher bezeichnet diese Maßnahmen als Wahlgeschenke in dem Sinne, dass für bestimmte Klientelgruppen etwas geleistet werden sollte. Durchaus kann argumentiert werden, dass die gesamte Gesellschaft davon profitiert, wenn Verteilungsfragen gerecht gelöst werden. Es bleibt aber zu hinterfragen, ob alle Maßnahmen den Bedürftigten helfen oder ohnehin gutgestellten Wählergruppen zusätzlich etwas gegeben wird.

    Damit möchte Fratzscher jedoch die Aufmerksamkeit auf Reformen lenken, die die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands insgesamt befördern. Um ihn zu zitieren: „Zweitens sollten wir uns mehr auf Reformen konzentrieren, die den Kuchen größer machen, als uns darum zu streiten, wer welches Stück vom Kuchen bekommt.“ Zwar bleibt die Frage, wem eine höhere Wirtschaftsleistung zu Gute kommt – jedoch bleibt es so, dass auch dann mehr Masse da ist, um Verteilungsfragen zufriedenstellend zu klären.

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