Warum wir Juso-SchülerInnen brauchen

Parallel zur Landtagswahl fand in Niedersachsen auch eine Juniorwahl statt, bei der alle unter 18-Jährigen ihre Stimmen abgeben durften. Die SPD gewann diese Juniorwahl klar mit 26,8 %, gefolgt von den Grünen (22,1 %) und der CDU (21,4 %). Wer hat da gewählt? Logischerweise vor allem Schülerinnen und Schüler. Zum ersten ist es natürlich erfreulich, dass wir bei jungen Leuten wieder gut ankommen und sie mit der SPD ihre Interessen am ehesten vertreten sehen. Und zum zweiten bedeutet das, dass es Sinn macht, einen stärkeren Fokus auf Jusos im SchülerInnenalter in unserem Verband zu setzen.

Ich kam 2010 zum ersten Mal in Kontakt mit den Juso-SchülerInnen. Ich bin damals spontan zum Gründungstreffen nach Göttingen gefahren, ohne zu wissen, was mich dort erwartet. Dort waren dann SchülerInnen aus dem gesamten Bundesgebiet versammelt, die ihre Aktivität bei den Jusos vereinte. Wir haben diskutiert, uns ausgetauscht, erste Anträge verfasst – und heraus kam, was wir uns unter einem gerechten Schulsystem vorstellten. Und nachdem auch klar war, wie wir uns organisieren wollten und in Folge dessen die Wahl einer dreiköpfigen, gleichberechtigen Bundeskoordination stattfand, fuhr ich zurück – und war Bundeskoordinatorin der Juso-SchülerInnen.

Ich bin es geblieben. Und seit 2010 hat sich viel getan. In fast allen Bundesländern haben wir inzwischen aktive Juso-SchülerInnengruppen, die sich auf Bezirks-, Landes- und eben auch Bundesebene organisieren. Wir sind für die JSG in den Juso-Bundesvorstand kooptiert, wir sind Mitglied des Gesprächskreises für Bildung des Parteivorstandes, sind auf Kongressen der Jusos und der SPD mit Workshops und Beiträgen vertreten, stellen Anträge auf dem Bundeskongress der Jusos, haben einmal im Jahr einen Basiskongress und eine Juso-SchülerInnen-Bundeskonferenz, bauen gerade ein neues, bundesweites Bildungsbündnis mit vielen PartnerInnen auf, sprich: Wir haben es geschafft, den SchülerInnen in unserem Verband wieder eine Stimme zu geben und Sprachrohr auch in die Partei zu sein. Stark sind wir aber einzig deshalb, weil die vielen Juso-SchülerInnen vor Ort in ihren Bezirken so gute Arbeit leisten, und dabei von ihren Landesverbänden unterstützt werden. Ohne eine starke Basis auch keine starke Bundesebene. Übrigens können bei den Juso-SchülerInnen auch Nicht-Jusos Mitglied sein.

Es macht mich immer wieder stolz, zu sehen, wie viele junge Menschen die Juso-SchülerInnen zusammenbringen, es besteht ein Gemeinschaftsgefühl, das über die begrenzte Zeit der Juso-SchülerInnen-Mitgliedschaft (die logischerweise mit dem Beenden der Schule aufhört) hinaus bestehen bleibt und uns auch für die Weiterarbeit bei den Jusos und in der SPD stark macht.
Doch es gibt einen Punkt, der mich immer wieder traurig und auch wütend macht. Ich bin jetzt in meiner dritten und letzten Amtszeit Juso-SchülerInnen-Bundeskoordinatorin. Seit drei Jahren darf ich diese tollen jungen Menschen in ihrer Arbeit in ganz Deutschland unterstützen und mit ihnen gemeinsam für eine bessere Bildungspolitik kämpfen. Ich habe auf Bundeseben den dazu nötigen Rückhalt. Nur nicht den meines eigenen Landesverbandes, der Jusos Baden-Württemberg. Mir ist klar, dass ich inhaltlich nur selten mit der Mehrheitsmeinung in meinem Landesverband übereinstimme und daraus diverse Differenzen entstehen.

Ja, es finden gelegentlich sog. „Vernetzungstreffen für Jusos im SchülerInnenalter“ statt, das ist aber auch alles. Seit drei Jahren darf ich mir dieselben drei Argumente, die aus Sicht des Landesverbandes klar gegen eine Juso-SchülerInnengruppe auf Landesebene sprechen, anhören: 1. Parallelstruktur, 2. Geringes Interesse im Verband und 3. Die Jusos setzen sich doch schon mit Bildungspolitik auseinander. Warum das meiner Ansicht nach haltlose Argumente sind?

1. Die Juso-SchülerInnen sind eine Parallelstruktur? Hier genügt es, einen Blick auf die gut funktionierende und in den Verband integrierte Juso-Hochschulgruppe zu werfen, die mensch überhaupt gut mit der JSG vergleichen kann: Die HSGen vertreten die Interessen der Studierenden bei den Jusos, beschäftigen sich intensiv mit Hochschulpolitik und fungieren so als Sprachrohr der Jusos in den Universitäten. Die JSGen vertreten die Interessen der SchülerInnen bei den Jusos, beschäftigen sich intensiv mit Schulpolitik und fungieren so als Sprachrohr der Jusos in den Schulen.
Zumal das Argument der Parallelstruktur ohnehin absurd ist, denn wenn die VertreterInnen dieser Argumentation sich selbst einmal ernstnehmen und konsequent zu Ende denken würden, würde ihnen klar werden , dass auch die Jusos letztlich nur eine Parallelstruktur der SPD sind.
In Anbetracht dessen ergibt sich für mich keine Grundlage für eine solche Argumentation.

2. Es besteht ein zu geringes Interesse im Verband an einer Juso-SchülerInnengruppe? Ich erlebe ganz im Gegenteil sehr großes Interesse der SchülerInnen bei den Jusos Baden-Württemberg. In Stuttgart und Mannheim bestehen bereits JSGen, andere sind in Planung, wenn ich auf Verbandswochenenden mit jungen Mitgliedern darüber spreche, erlebe ich Begeisterung für die Juso-SchülerInnen. Unabhängig davon weiß doch jede/r, dass alles einmal klein anfängt, oder? Wieviele Juso-Kreisverbände, die zu fünft anfingen, zählen heute auf ihren Mitgliederversammlungen mehr als 30 Leute? Und selbst wenn nicht, kann mensch nicht auch zu fünft sehr gut arbeiten und Impulse setzen? Es kommt doch nicht auf die Zahl der Leute an, sondern auf die Qualität der Arbeit, oder? Wenn die Jusos Baden-Württemberg das anders sehen, gibt es eine ganze Menge Kreisverbände, die sich – aufgrund zu geringen Interesses – konsequenterweise auflösen müssten. Und gerade die, die am schnellsten auf die Barrikaden gehen, wenn es darum geht, Juso-SchülerInnen auf Landeseben zu verhindern, kommen oft aus Kreisverbänden, die bei ihren Mitgliedsversammlungen 7 Leute zählen, von denen 6 im Vorstand sind, um mal ein Beispiel zu nennen.
Auch wir auf Bundesebene haben klein anfangen. Und innerhalb dreier Jahre sind im ganzen Bundesgebiet neue Juso-SchülerInnengruppen entstanden. Das übrigens auch in Bundesländern, die viel größere strukturelle Probleme aufzuweisen haben, als Baden-Württemberg. Reicht das als positives Beispiel nicht aus?

3. Die Jusos setzen sich doch schon mit Bildungspoilitik auseinander? Ja, das stimmt. Und das ist auch gut so. Die SPD setzt sich aber auch mit dem Thema Jugend auseinander. Und es ist trotzdem wichtig, dass es uns Jusos gibt, oder? Genau, weil wir die Jugend sind und sehr viel genauer wissen, was junge Menschen bewegt, welche Probleme sie haben und was politisch für sie wichtig ist. Wir sind ExpertInnen für Jugend, weil wir jung sind. Sehr viel größere ExpertInnen, als alle JugendexpertInnen. Deshalb ist es wichtig, dass wir der Jugend in der SPD eine Stimme geben. Genauso sind SchülerInnen ExpertInnen für Bildungspolitik, sehr viel größere als alle BildungsexpertInnen.. Und zwar deshalb, weil sie die Probleme des Schulsystemes jeden Tag selbst erleben. Es ist also nur sinnvoll, ihnen innerhalb der Jusos selbstständige Organisation zu ermöglichen, damit sie die Bildungspolitik aus Sicht der Betroffenen beleuchten und Impulse im Verband setzen können.
Dass das gut funktioniert, habe ich ja eingangs geschildert.

Es gibt also offensichtlich genug Gründe und Beispiele, die diese Argumente widerlegen. Es bleibt mir ergo nichts anderes übrig, als zu dem Schluss zu kommen, dass die Juso-SchülerInnen in Baden-Württemberg in Wahrheit nicht aufgrund dieser Scheinargumentation verhindert werden, sondern aus politischen Gründen. Weil ich und die Kreisverbände, die die Schülis unterstützen, nicht mit der Mehrheitsmeinung im Verband übereinstimmen. Und das ist meiner Ansicht nach ein Armutszeugnis für diesen Landesverband. Denn wenn junge GenossInnen, die sich engagieren und für eine Sache einsetzen, blockiert werden, ist das nicht nur politisch unklug, sondern auch fatal für eine so große politische Vereinigung junger Menschen.

Meine Zeit bei den Juso-SchülerInnen naht sich dem Ende, auch wenn dieses vorerst noch in der Ferne liegt. Doch das bedeutet nicht, dass ich nach meiner Zeit als Juso-SchülerInnen-Bundeskoordination aufhören werde, in BaWü für die JSG zu kämpfen.

Und ich hoffe, dass die Jusos Baden-Württemberg eines Tages einmal ehrlich zu sich selbst sind, die Absurdität ihrer Argumentation erkennen und endlich beginnen, das Engagement junger Menschen im Verband zu unterstützen – und zwar egal, ob die Interessierten aus 5 oder 30 Leuten bestehen. Weil Juso-SchülerInnen immer eine Bereicherung sind.

Falls sie Tipps dafür benötigen, sind sie bei mir und sicher auch bei allen anderen Landesverbänden immer herzlich willkommen.

Zum Schluss möchte ich noch ein paar der Juso-SchülerInnen aus dem Bundesgebiet zu Wort kommen lassen, die sich die Mühe gemacht haben, in ein paar Sätzen darzustellen, warum wir Juso-SchülerInnen brauchen:

– „Baden-Württemberg braucht eine starke Juso-SchülerInnenorganisation, damit gerechte Bildung auch dort einen Platz finden kann!“ (Oleg Shevchenko, JSG Thüringen)

– „Wir sind ExpertInnen im Bereich Schule, da wir täglich selbst damit konfrontiert werden. Wie es derzeit wirklich aussieht, können nur wir Juso-SchülerInnen wissen. Wenn Potenzial da ist, dann ist eine JSG genau der richtige Weg für den Austausch und Verbesserungsvorschläge!“ (Sandra Brendel, JSG Sachsen)

– „Wir brauchen Juso-SchülerInnen, weil Bildungspolitik von denen gemacht werden muss, die es jeden Tag betrifft.“ (Heike Hoffmann, JSG Berlin)

– „JSG-Arbeit leistet das, was Schule leider vernachlässigt: Die politische Bildung! Deshalb ist es umso wichtiger, dass sich mehr junge Menschen politisch engagieren, und das so früh wie möglich. In NRW haben sich eine Vielzahl von lokalen JSGen gegründet, welche gute Arbeit leisten und sich in regelmäßigen Abständen mit anderen JSGen austauschen, diskutieren und Positionen finden. So etwas sollte es in allen Bundesländern geben!“ (Maurice Weinheimer, JSG NRW, Bundeskoordinator)

– „Die JSG ist aus dreierlei Gründen notwendig: 1. Sie ist die Interessenvertretung von SchülerInnen innerhalb der Jusos, 2. trägt sie dazu bei, die Gesellschaft progressiv zu gestalten. Dadurch, dass linke SchülerInnen gestärkt an ihre Schulen gehen, trägt sie durch ihr alltägliches Handeln linke Inhalte in die Schulen und 3. sind die JSGen wichtigstes Instrument, um junge, fähige Leute langfristig an die Jusos zu binden.“ (Johannes Barsch, JSG Mecklenburg-Vorpommern)

– „Der Aufbau von Juso-SchülerInnengruppen ist notwendig, da sie zu einer politisch bewussten und demokratisch engagierten SchülerInnenschaft beitragen, die durch ihr Engagement die vorherrschene Bildungspolitik kritisch verfolgt und Alternativen für eine gerechte und pädagogische Bildung aufweist.“ (Sercan Alkaya, JSG Bremen, Bundeskoordinator)

– „Wir Juso-SchülerInnen werden gebraucht, weil wir am allerbesten wissen, wie es an den Schulen zugeht, wie SchülerInnen ticken und was verändert werden muss. Wir sind vor Ort, verbinden Jusos der verschiedenen Schulen und können so die beste, schulbezogene Politik gestalten. Auch in Rheinland-Pfalz muss noch viel getan werden, was unseren Schulalltag betrifft. Wir Juso-SchülerInnen werden aktiv, denn nur wir haben mit den Auswirkungen der Mainzer Studienstufe (MSS) zu leben , die überarbeitunsgwürdig ist. Des Weiteren muss sich unentwegt um die Demokratisierung an Schulen im ganzen Bundesgebiet gekümmert werden, auch hier wird sich noch viel verändern müssen! Dazu wollen wir beitragen.“ (Johanna Ferber, JSG Rheinland-Pfalz)

– „Ohne die JSG wäre ich bei den Jusos wohl ziemlich schnell wieder in der Versenkung verschwunden, die Schülis haben mich erst dazu gebracht, aktiv zu werden. Bei den Jusos ist die JSG eine tolle Möglichkeit, SchülerInnen in die Strukturen reinwachsen zu lassen und dabei interessante und relevante Themen zu behandeln. Bei uns in Bayern arbeiten wir reibungslos mit dem LaVo und den Bezirken zusammen, und gewinnen durch Seminare, Veranstaltungen und unsere Zeitschrift viele Mitglieder im SchülerInnenalter. Außerdem haben die SchülerInnenvertretungen so AnsprechpartnerInnen bei den Jusos. Wir arbeiten auch mit der AfB und der AG „Selbst Aktiv“ zusammen, um den SchülerInnen mehr Gewicht in der BayernSPD zu verleihen und beim bildungspolitischen Konzept mitreden zu lassen.“ (Felix Fleckenstein, JSG Bayern)

Auch Julia Söhne, stellvertretende Landesvorsitzende der Jusos Baden-Württemberg sieht in den Juso-SchülerInnen eine Bereicherung, ist damit allerdings im Landesvorstand fast alleine:

„Als stellv. Juso-Landesvorsitzene in BaWü kämpfe ich schon seit langem dafür, dass es endlich auch hier eine Juso-SchülerInnengruppe gibt. Gerade durch die Wahlaltersenkung wird es noch wichtiger, eine Interessenvertretung zu haben, die Bildungspolitik jeden Tag direkt erlebt! Wenn ich in andere Bundesländer schaue, bestärkt sich meine Meinung, dass alle Jusos von einer SchülerInnengruppe profitieren können. Warum also nicht endlich auch hier?“

 

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