Von Zivilcourage keine Spur

Am Freitagabend fuhr ich von Frankfurt nach Stuttgart zurück.
Kurz vor Mannheim, wo ich umsteigen wollte, blieb der ICE stehen: Oberleitung ausgefallen, Strom im Zug ausgefallen, infolgedessen kein Licht und keine Klimaanlage. Wir standen 3 Stunden auf der Stelle, in einem überhitzten und dunklen Zug, bis wir evakuiert wurden und endlich in Mannheim ankamen. Es war nach 23:00, ich beschloss, auf dem Bahnhofvorplatz auf meine Mutter zu warten, die einen Termin in der Nähe von Mannheim hatte und mich mit nach Stuttgart nehmen wollte. Ich war nervlich total am Ende nach dieser Zugfahrt und wollte einfach nur noch einen Kaffee und nach Hause. Ich war nicht alleine auf dem hell beleuchteten Platz, überall standen Menschen, in kleinen Gruppen und auch alleine, Partygänger_innen, Taxifahrer_innen, Wartende. Plötzlich stand ein Mann neben mir, bestimmt zwei Köpfe größer als ich, der nett lächelte und mich um Feuer bat. Ich kam seinem Wunsch nach, er bedankte sich und ging.
Ich war froh, nicht in eine Unterhaltung verwickelt worden zu sein und steckte mir demonstrativ die Kopfhörer ins Ohr. Ein paar Minuten später stand der Mann wieder neben mir. Ob ich aus Mannheim sei, fragte er. Ich antwortete kurz und abgehakt, höflich, aber so, dass er merken musste, dass ich definitiv keine Lust hatte, mich mit ihm zu unterhalten. Schon da fühlte es sich komisch an und ich schaute um mich, zur Sicherheit. Erleichtert registrierte ich, dass ich immer noch von Menschen umgeben war.
Ob er mir irgendwie helfen könne, fragte er. Ich sagte: Nein.
Ob er mich kennenlernen dürfe. Nein.
Ich versuchte, meine Mutter anzurufen. Er blieb eine Weile ruhig. Ich ging einen Schritt weg, erreichte meine Mutter nicht, schrieb ein paar Leuten, vom Zug-Unglück und diesem strangen Typen. Mein Handyakku war fast leer.
Der Mann kam wieder näher.
Als er nicht aufhörte, mich anzumachen, bat ich ihn, mich in Ruhe zu lassen.
Er kam dieser Aufforderung nicht nach. Als ich ihn daraufhin bat, zu gehen, machte er ebenfalls keine Anstalten, dieser Bitte Folge zu leisten. Ich beschloss, einfach wegzugehen, wenn er das partout nicht tun wollte und sagte: Hey, ich hab gesagt, du sollst mich in Ruhe lassen, das hast du schon verstanden, glaube ich! Schönen Abend noch!
Ich nahm noch ein paar merkwürdige Blicke Umstehender wahr, als er mich plötzlich am Arm festhielt und daran hinderte, zu gehen. Ich kann nicht mehr genau sagen, was in diesem Moment in meinem Kopf vorging, aber es überraschte mich, machte mich für einen kurzen Moment wehrlos. Ich versuchte, mich aus seinem
Griff zu befreien, sagte, er solle mich sofort loslassen, was nur dazu führte, dass er mich fester packte. Er war einfach stärker als ich. Ich hatte keine Chance.
Alle Selbstverteidigungstricks die ich in der 5. Klasse irgendwann mal gelernt hatte, waren umsonst, weil ich zu spät reagiert hatte. Und plötzlich hatte ich Angst. So richtig Angst, wie schon lange nicht mehr.
Ich schrie um Hilfe. Auf dem hell beleuchteten Bahnhofsplatz, auf dem ich nicht alleine war. Keine/r der Umstehenden reagierte. Gut, einige standen weiter weg, aber es war ausgeschlossen, dass sie mich nicht sehen oder hören konnten. Da erst wurde die Angst real. Er ließ mich immer noch nicht los. Sei still, sagte er. Bleib doch mal locker. Ich konnte schreien so oft ich wollte, keine Reaktion.
Irgendwie schaffte ich es, mich zu befreien, indem ich ihn ein bisschen trat, irgendwann ließ er mich los und ich konnte weglaufen. Ich drehte mich nicht um, lief Richtung Taxis und blieb stehen. Mein Kopf war leer. Als ich schaute, sah ich dass der Mann sich Richtung Bahn bewegte. Wut machte sich in mir breit.
Das Ganze hat nicht lange gedauert, spielte sich in relativ kurzer Zeit ab, aber ich habe mich noch sie so derart hilflos und ohnmächtig gefühlt. Ich schaute mir die Menschen an, sah ihre Gesichter. Ein paar musterten mich betreten. Mir war schlecht. Mein Handyakku war fast leer und ich fühlte mich schrecklich allein. Ich dachte, das kann nicht wahr sein.
Klar, ich kannte die Geschichten, dass die meisten Menschen im Zweifelsfall lieber wegschauen, als auch nur irgendetwas zu tun. Aber ich war der Überzeugung, dass es immer irgendjemandem geben würde, der nicht wegschaut. Zivilcourage zeigen nennt man das. Am Freitagabend gab es keine Zivilcourage. Erst jetzt, im Nachhinein, frage ich mich, was wohl passiert wäre, wenn ich es nicht geschafft hätte, mich zu befreien. Was wäre dann passiert? Hätte irgendjemand reagiert ab einem gewissen Punkt? Oder hätten die Leute weiterhin so getan, als würden sie nichts sehen?
Die Frage quält mich, wie Menschen so sein können. Warum? Was hätte noch passieren müssen, damit jemand nicht mehr anders kann, als eingreifen? Wenn ich so eine Situation beobachten würde, jemanden, der/die um Hilfe schreit, dann würde ich doch etwas tun, und wenn es nur wäre, dass ich die Polizei rufe. Oder?
Den Tipp, von dem viele mir jetzt wieder erzählen, kannte ich, dass man am besten gezielt Personen anspricht, dass sie einem helfen sollen. Dass ich den Mann hätte siezen sollen, um deutlicher zu machen, dass wir uns nicht kennen. Aber das ist mir in diesem Moment nicht eingefallen, auch wenn ich Leute direkt angeschaut habe. In so einer Situation ist man alles andere als rational. Wieso ist es Realität in unserer Gesellschaft, dass ich mit Pfefferspray in der Tasche rumlaufen muss, um mich zumindest halbwegs sicher zu fühlen? Wieso passiert mir so etwas auf einem hell beleuchteten, nicht menschenleerem Bahnhofsplatz? Muss ich mich mit dieser Realität abfinden?
Nein. Mir ist bewusst, dass wir nicht von heute auf morgen dafür sorgen können, dass Zivilcourage zur Selbstverständlichkeit wird. Aber wir können Aufklärungsarbeit leisten, Schutzräume schaffen und Menschen Mut geben. Wir können Zivilcourage mehr fördern und stärken, hin zu einer solidarischen Gesellschaft, in der niemand auf beleuchteten öffentlichen Plätzen Angst haben muss, dass ihm/ihr sowas passiert.
Am Tag danach habe ich mich dazu entschlossen, das nicht für mich zu behalten. Weil ich fürchte, dass viel zu viele solche Geschichten für sich behalten, sich vielleicht sogar selbst Schuld daran geben, sich schwach fühlen und sich vielleicht schlicht nicht trauen, dass publik zu machen. Auch ich habe mich im Nachhinein gefragt, ob ich mich vielleicht stärker hätte wehren müssen. Aber das ist falsch.
Und mir geht’s gut, ich bin an diesem Abend noch heil nach Hause gekommen, mir ist nichts passiert. Nichts Schlimmes. Andere haben da viel krassere Dinge erlebt. Und gerade deshalb ist es so wichtig, dass wir über so etwas reden. Raum dafür schaffen, darüber zu reden, welche Ursachen es hat, dass Menschen in solchen Situationen offensichtlich lieber wegschauen, als einzugreifen. Und wie wir dafür sorgen können, dass das anders wird. Da geht es auch um Alltagssexismus und #Aufschrei. In dieser Debatte haben viele Frauen von solchen und ähnlichen, schlimmeren Situationen und Vorfällen berichtet, die gezeigt haben, wie oft es auch so ist, dass Menschen der Ansicht sind, mit so etwas müsse man nunmal rechnen, wenn man eine Frau sei, dass so etwas quasi normal sei. So wie manche behaupten, wenn Frauen in kurzen Röcken rumlaufen, würden sie ja damit rechnen müssen, vergewaltigt zu werden. Das heißt aber auch, zu behaupten, Männer seien qua ihres Geschlechts irgendwelchen Trieben unterlegen, und könnten gar nicht anders.
Das ist Schwachsinn. Und über all das müssen wir immer wieder reden und vor allem aber müssen wir etwas tun. Die Sexismus-Debatte war da vielleicht ein Anfang, der manchen Menschen die Augen geöffnet hat.
Ich bin jedenfalls froh, viele Menschen, Frauen und Männer zu kennen, die in so einer Situation auf irgendeine Art und Weise eingegriffen hätten. Ich bitte euch alle: Schaut nicht weg.
Vorsicht ist besser als Nachsicht. Es ist klar, dass man nicht immer sicher einschätzen kann, ob man helfen sollte oder nicht, aber wegschauen ist da keine Lösung.
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