Und langsam wird es Routine…

Wie die Terroranschläge von Brüssel Nichts und damit Alles verändern

Gestern Morgen detonierten in Europas Hauptstadt Brüssel mehrere Sprengsätze . Die Anschläge auf den Flughafen und die U-Bahn-Station Maelbeek forderten mindestens 31 Menschenleben und ließen hunderte verletzt und traumatisiert zurück. Ein Anschlag in Gehweite vor den Einrichtungen der europäischen Union, ein Anschlag auf einem europäischen Flughafen. Diese Ereignisse sollten eine historische Zäsur darstellen, tun sie aber nicht.

Fakt ist, dass die Anschläge von Brüssel nicht so viele Opfer forderten wie die Anschläge in Paris im Herbst letzten Jahres und weniger symbolträchtig waren wie der Angriff auf die Charlie-Hebdo-Redaktion Anfang 2015. Es war nicht der erste Anschlag auf europäische Infrastruktur (siehe die furchtbaren Anschläge von Madrid 2004 und London 2005) und Belgien galt keinesfalls als Staat, in dem terroristische Aktivitäten nicht bekannt waren. Im Gegenteil, es gab viele Hinweise, dass es in Belgien zu einem Zwischenfall kommen könnte: Die extrem starke und gut vernetzte radikal-islamistische Szene in Brüssel (vorwiegend im Stadtteil Molenbeek), die den Paris-Attentäter Salah Abdeslam problemlos vier Monate lang in seiner Heimatstadt verstecken konnte, sowie die immer wieder vorkommenden Razzien, bei denen oft Waffen und Sprengstoff gefunden wurden. Es war kein Geheimnis, dass Brüssel ein Knotenpunkt des islamistischen Terrorismus in Europa ist. Und es war auch abzusehen, dass die Verhaftung von Abdeslam eine Reaktion in der islamistischen Szene Belgiens hervorrufen würde. Dies hat zwei Gründe: Erstens mussten nach der Verhaftung Abdeslams viele Unterstützer um ihre Freiheit fürchten, ihnen stellten sich nur die Möglichkeiten unterzutauchen, was nach der Verhaftung selbst in den einschlägigen Stadtvierteln Belgiens mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden war oder ihren fanatischen Glaubensbrüdern in den Märtyrertod zu folgen. Eine Option, für die sich am gestrigen Tag mindestens zwei Männer entschieden. Der zweite Grund ist, dass die Verhaftung Salah Abdeslams durchaus eine gewisse Symbolik in sich trägt. Abdeslam war nach den Anschlägen von Paris der medial präsenteste Attentäter. Sein Name und sein Gesicht haben sich in das Bewusstsein der europäischen Öffentlichkeit eingeprägt, wie zuvor Mohammed Atta. Salah Abdeslams Verhaftung stellt einen Schlag gegen den islamistischen Terrorismus in Westeuropa da und es war daher wahrscheinlich, dass sich die islamistische Terrorszene in Belgien dafür rächen würde.

Der Begriff Normalität und seine fatale Wirkung

Das wirklich außergewöhnliche an den Anschlägen von Belgien ist, dass sie nicht außergewöhnlich sind. Natürlich rief die Nachricht aus Brüssel weltweite Bestürzung hervor, europaweit wurden die Sicherheitsmaßnahmen verschärft und Krisenstäbe einberufen. Im Jahr 2016 sind uns diese Dynamiken jedoch schon ausreichend bekannt. Die Aufarbeitung von Terror in Westeuropa hat sich gewissen Mechanismen untergeordnet. Direkt nach den jeweiligen Anschlägen erscheinen die Hashtags #prayforbrussels #prayforparis #jesuischarlie, etc auf Twitter und Facebook, Freund*innen werden als in Sicherheit markiert, dann kommen die offiziellen Reaktionen. Hollande spricht von Krieg, den mensch entschlossen führen müsse, Obama von Europäisch-Amerikanischer Freundschaft und Merkel von Solidarität und Mitgefühl. Die mediale Aufarbeitung vollzieht sich in den folgenden Tagen, leuchtet die Hintergründe der Täter*innen und ihrer Netzwerke aus und versucht zu interpretieren, welche Konsequenzen die Anschläge auf Europa haben. Nach dem dritten großen Anschlag in Westeuropa innerhalb von zwei Jahren sind diese Abläufe hinreichend bekannt. Es beginnt ein Prozess, der Terror zur Routine für Europa werden lässt (zumindest für jene, die nicht direkt von ihm betroffen sind). Natürlich ist diese Routine nicht vergleichbar mit der Alltäglichkeit von Terror in Staaten wie Syrien, Afghanistan oder dem Irak. Doch wäre es überholt zu sagen, dass Terroranschläge in Europa singuläre Ereignisse wären.

So bestürzend und deprimierend die Einsicht sein mag, dass Terror in Europa im Jahr 2016 keinesfalls mehr ein einzigartiges Ereignis ist, müssen wir dennoch sehen, welche Auswirkungen dieser Prozess auf die gesellschaftliche Öffentlichkeit Europas hat. Ein, so zynisch das klingen mag, positiver Effekt dieses aufkommenden Alltagsgefühls ist der Rückgang von kopflosem Aktionismus im Kampf gegen den Terror. Politiker wie Innenminister Thomas de Maziére oder Horst Seehofer stellten sich nach den Anschlägen von Paris vor die Kameras und wollten am besten noch am selben Tag neue Gesetze erlassen, die den Datenschutz und die Persönlichkeitsrechte des einzelnen erheblich beschnitten hätten. Dieser kopflose Aktionismus wird einer langfristigen Handlungsstrategie weichen, wenn der Innenminister nicht mehr von ZDF-Korrespondenten panisch gefragt wird, was er als Reaktion zu tun gedenke, was natürlich nicht heißt, dass er es nach Brüssel nicht erneut getan hätte. Die Einsicht, dass Terrorismus in Westeuropa einerseits durch ein effizientes und angemessenes Sicherheitssystem und andererseits durch soziale und gesellschaftliche Integration bekämpft werden kann, wird sich langfristig in den europäischen Hauptstädten durchsetzen. Wenngleich dieser Prozess durch rechtspopulistische Strömungen gefährdet ist, die massiv von Terroranschlägen profitieren.

Die Folgen einer omnipräsenten Gefahr

Die Auswirkungen dieses alltäglichen Terrors sind katastrophal. So wie die kollektive Aufregung sinkt wird das Unsicherheitsgefühl des/der Einzelnen steigen. Irgendwann wird es Berlin erwischen, vielleicht auch Frankfurt, irgendwann wäre selbst Stuttgart kein außergewöhnliches Ziel mehr. Der Gedanke, dass es gar kein extrem außergewöhnliches Ereignis wäre, wenn sich ein Mensch am S-Bahnhof einer mittelgroßen europäischen Stadt in die Luft sprengt verändert etwas in den Köpfen der Menschen. Die Angst um die eigene Sicherheit wird wachsen. Angst ist für politische Entwicklungen ein extrem kontraproduktives Gefühl. Angst erzeugt irrationales Handeln. Manche Menschen wählen aus Angst rechts, ohne über die Folgen ihres Handelns nachzudenken. Wenn Menschen Angst haben wünschen sie sich mehr Sicherheit und sind in diesem Moment durchaus bereit Teile ihrer Freiheit der vermeintlichen Sicherheit zu opfern.

Es ist die Aufgabe der europäischen Politik, mit diesen Entwicklungen richtig umzugehen. 2016 ist Terror in Europa ein Fakt und die daraus resultierenden Prozesse ebenso. Es ist und bleibt Aufgabe der Politik sich nicht von diesen Entwicklungen mitreißen zu lassen, sondern nach grundlegender Analyse angemessene, maßvolle und langfristige Maßnahmen zu treffen, um dafür zu sorgen, dass Terror in Europa wieder zur absoluten Ausnahme wird.

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