Über Rape culture in sozialen Netzwerken.


(Bild: CC0 1.0 Universell (CC0 1.0) , https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de)

Oder: Warum mir Männer sagen, dass ich Vergewaltigungswitze lustig finden muss.

Ein Gastbeitrag von Svenja Friess.

Schon meine Englischlehrerin in der Oberstufe merkte an: „Also Svenja, sie haben schon einen merkwürdigen Humor.“ Mag sein. War jedenfalls nicht letzte Person die mir etwas Derartiges gesagt hat.
Heute fiel mir ein Post der Facebook-Seite „Best of Jodel“ wie ein Dorn ins Auge. Für alle die es nicht kennen (ich gehörte bis vor ein paar Monaten auch dazu), Jodel ist eine App, die sich besonders unter Studierenden großer Beliebtheit erfreut. Hier kann jede*r anonym Statements, zum Beispiel über lustige oder seltsame Alltagsbegebenheiten loswerden. Diese können dann von anderen kommentiert und bewertet werden (up-/downvoten). Manches finde ich lustiger, anderes weniger. Unspektakulär.
Bei dem folgenden „Witz“ war jedoch meine Humorgrenze mehr als überschritten und ich habe meine Meinung der Netzöffentlichkeit kund getan:

20160724 JodelBild: Screenshot der Autorin.

Daraufhin erreichte mich ein mittlerer Shitstorm. Irgendwie hab ich dem weißen, heterosexuellen, deutschen Jodelfan empfindlich den Spaß gestört. Ups. Tut mir nicht leid.
Denn die Reaktionen auf meinen Missmut offenbaren – wieder einmal – strukturelle Abgründe über unsere heutige Gesellschaft und ihre kulturellen Normen. Im Folgenden will ich versuchen zu erklären, warum das KEIN harmloser Witz ist und wo der eigentliche Kern des Problems liegt. (Spoiler: Es heißt „rape culture“.)

Typische Reaktionen sobald sich erdreistet wird, gendersensible Kritik im Netz zu äußern. Ein Best-of:

1. Der Klassiker: „Sie hat keinen Humor / versteht den Witz nicht“
Denn es gibt nur eine universelle Definition von Humor: die eigene! Davon abgesehen, dass Humor ja bekanntlich unterschiedlich geartet ist, impliziert diese Behauptung einen gezielten Versuch das Gegenüber sozial zu isolieren und als sonderbare, humorlose oder dumme Person darzustellen. Mein Favorit heute war „humorbehindert“, da gab’s die Diskriminierung von Menschen mit Handicap gratis obendrauf. Sometimes you can have it all…

2. Ein weiterer Klassiker und fließender Übergang: „Jetzt üüüübertreib nicht, fahr mal runter!“
Und schon wieder greift sich der cis -Mann die Deutungshoheit über was angemessen ist und was nicht. Dabei ist das ja auch wieder eine Frage des individuellen Empfindens. [1]

3. „Fresse!“
Ein kultivierter Beitrag. Bravo. Warum provoziert Kritik mit Bezug zu Gleichstellung und Gender-Themen eigentlich fast immer ein solches Aggressionspotenzial bei Männern? Und warum glauben diese, dass eine solche Reaktion legitim ist? Diese bereits verbal artikulierte Gewaltbereitschaft ist ein Abbild der strukturellen Frauen*feindlichkeit in unserer Gesellschaft.

4. „Dann geh doch / ignorier es doch einfach?!“
Wer etwas auf einer öffentlichen Plattform postet, muss auch mit potenziell negativer Resonanz rechnen und diese aushalten – das ist im Internet oftmals Segen und Fluch zu gleich.

5. „Femi-Nazi“
Ja es stimmt, ich würde mich selbstbewusst als Feministin bezeichnen. Ja, mit „Gender-Themen“ macht mensch sich nicht gerade beliebt. Aber es stört mich nicht im Geringsten der Buhmann bzw. die Buhfrau zu sein, denn augenscheinlich ist das Problembewusstsein kaum vorhanden. Der junge Herr, welcher mir diesen netten Titel gab, ist meiner investigativen Recherche nach, dem Klick auf sein Profil, Polizist. Ein Landesbeamter. Über was er privat lacht ist mir völlig gleich, aber statt einem Funken Empathie für reale Ängste der Bürger*innen, kam nur eine Beschimpfung. Die Polizei – dein Freund und Helfer. Nicht!

6. „Wo ist eigentlich das Problem? / Nur weil ich das lustig finde, heißt das doch lange nicht, dass ich Vergewaltigungen befürworte“
Nein, die meisten von euch sind „anständige Kerle“ und womöglich sogar ganz passable Freunde, Söhne, Enkel, Brüder etc. Wirklich Keine*r hat auch nur mit einem Wort etwas anderes behauptet! Keine*r hat euch einen persönlichen Vorwurf gemacht und euch unterstellt, ihr würdet Frauen Gewalt antun, weil ihr solche Sprüche lustig findet, geschweige denn alle Männer unter Generalverdacht gestellt, Sexualstraftäter zu sein. Trotzdem ist die Grenze zwischen Spaß und Ernst oftmals fließend. Hier kommen wir aber zum eigentlichen und strukturellen Problem an solchen „Witzen“ und dem Titel dieses Beitrags: rape culture.

Was bedeutet der Begriff rape culture?

Unschwer zu erkennen, kommt er aus der englischen Sprache und setzt sich aus den zwei Worten „rape“ (dt. Vergewaltigung) und „culture“ (dt. Kultur) zusammen und bezeichnet demzufolge eine sog. „Vergewaltigungskultur“.
Was soll das denn sein? Was hat das mit unserer Gesellschaft und diesem „Witz“ zu tun?

„In einer Vergewaltigungskultur erleben Frauen eine Dauerschleife von angedrohter Gewalt, die von sexuellen Anspielungen bis hin zu sexuellen Übergriffen und Vergewaltigung selbst reicht. Eine Vergewaltigungskultur duldet physischen und emotionalen Terrorismus gegen Frauen als die Norm.
In einer Rape culture nehmen Männer und Frauen sexuelle Gewalt als gegeben an – wie der Tod und Steuern unvermeidbar. Diese Gewalt ist aber weder biologisch noch göttlich gegeben. Vieles von dem, was wir als unausweichlich akzeptieren sind eigentlich Ansichten und Einstellungen, die veränderbar sind.“ [2]
Bereits seit 2006 regelt Paragraph 3 Abs. 4 des Allgemeinen Gleichstellungsgesetzes (AGG) dass die Definition sexueller Belästigung schon bei sexuell bestimmten und unerwünschten Äußerungen, Gesten und Blicken beginnt. Justitia ist unserer praktischen Realität meilenweit voraus.
Rape culture beinhaltet also nicht nur bloßen Akt roher Gewalt und manifestiert sich ganz unterschwellig in unserem Alltag. Unter anderem darin, welche Witze als salonfähig (guter, schwarzer, legitimer Humor) gelten, wie Frauen in den Medien z.B. Werbekampagnen [3] oder Filmen dargestellt werden oder auch darin wie die mediale Berichterstattung über angezeigte Vergewaltigungen erfolgt. Ein aktuelles Beispiel stellt der Fall Gina-Lisa Lohfink dar. Diese wird im Zusammenhang mit ihrem Gerichtsprozess in den großen Medien als „Blondine“ oder „Partygirl“ bezeichnet. Solche Zuschreibungen implizieren eine Täter-Opfer-Umkehrung, etwa: „Sie ist ja bekannt für ihren ausschweifenden Lebensstil und so wie sie sich präsentiert muss sie sich nicht wundern….“ Der Fachbegriff dafür lautet >>victim blaming<<. In einer patriarchal geprägten Gesellschaft, deren Wertesystem ein überwiegend männlich dominiertes ist, kämpfen Vergewaltigungsopfer sehr häufig gegen diese Art Vorurteile („sie hatte ja einen wirklich kurzen Rock an“ etc.), das ihnen eine Mitschuld an einer Vergewaltigung vorwirft. Diese Art Häme und Anschuldigungen sind unter anderem Gründe, warum viele Frauen nicht den Mut haben, ihnen widerfahrene Gewalttaten anzuzeigen. Darum ein für alle Mal: NEIN! Es ist NIE das Opfer eines sexuellen Übergriffs daran schuld, es ist IMMER der Täter. Punkt.

Zurück zu dem konkreten „Witz“

Wie bereits im Absatz davor angeführt, ist victim blaming fundamentaler Bestandteil der rape culture. Hier wird der vermeintliche Widerspruch aufgezeigt, dass die Frau per se heutzutage viel Aufmerksamkeit und das Mitverfolgen ihrer Aktivitäten in den sozialen Netzwerken möchten und artikulieren. Nachts hingegen, allein in einer Seitengasse möchten sie urplötzlich nicht mehr, dass man(n) ihnen folgt. Diese Frauen, wissen einfach nicht was sie wollen, soll die mal einer verstehen… *Achtung: Ironie!*.
Es ist weiter ein gravierender Unterschied WO ich einen Witz mache, ob unter Freunden beim Bier oder in der Öffentlichkeit des Internets. Hier ist die Reichweite weitaus größer und somit unkontrollierbar.
Daher kann ich auch nicht kontrollieren wer da so alles über meinen Witz lacht. Die Facebookseite „Best of Jodel“ hat über 320.000 likes. Wenn davon ca. die Hälfte männlich* sind, ist es sehr wahrscheinlich, dass unter dieser Gruppe auch einige Männer sind, die tatsächlich zu sexueller Gewalt neigen. Indem also „normale“ Männer und leider auch Frauen Vergewaltigungswitze liken, teilen oder Leute wie mich, die ihren Unmut äußern verspotten oder beschimpfen, stellen sie sich in dieser Angelegenheit lachend auf die Seite von Sexualstraftätern, auch wenn sie selbst niemals eine Frau vergewaltigen würden. Sie bestätigen damit das Weltbild der Vergewaltiger, die daraus schließen können: alle Männer sind wie ich und ich bin normal.
Darüber hinaus sind diese Witze weitaus weniger harmlos als gedacht, auch bezüglich ihrer Auswirkungen auf „normale“ Menschen. Studien belegen, dass das bereits die bloße Präsenz von sexistischem Humor zu einem Klima beiträgt, wo frauenfeindliche Einstellungen und sogar Diskriminierung normalisiert werden.[4]

Der/die Verfasser*in dieses Jodels hat sich wahrscheinlich nichts Böses gedacht, aber rape culture beginnt wie erläutert eben schon viel früher, in der Sprache die wir verwenden und bei den Witzen die wir für normal und lustig befinden und hört bei physischen Gewalttaten auf.
Um den Status quo zu verändern müssen wir die Sensibilität für diese Art kultureller Praxis schaffen. Deswegen ist immer Schweigen und bloßes Ignorieren solcher Witze, ob persönlich oder im Internet auch nicht der Weg, der in eine Gesellschaft frei von sexistischer Kackscheiße führt!

Ich möchte nachts ohne Angst eine dunkele Seitengasse langgehen können, auch wenn das Pfefferspray mal nicht dabei ist. Ich möchte keine SMS von Freundinnen bekommen, dass sie „sicher daheim angekommen“ sind und ich möchte auch nicht, dass diese Ängste verharmlost und verspottet werden.
Ja, ich schmeiße 1 Euro ins Phrasenschwein, aber es gilt noch immer:
** Wer die menschliche Gesellschaft will, muss die männliche überwinden! **

[1] „Cis“ (diesseits) bezeichnet, dass eine Person in Übereinstimmung mit ihrem zugewiesenen Geschlecht lebt. Cis-geschlechtlich zu sein entspricht, im Gegensatz zu trans*geschlechtlich, der Norm. (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Cisgender)
[2] http://feminismus101.de/rape-culture/
[3] Darstellung einer Gruppenvergewaltigung bei der Luxusmarke D&G: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/en/6/60/1_dolce_gabbana.jpg
[4] https://www.sciencedaily.com/releases/2007/11/071106083038.htm

Unsere Autorin Svenja ist 23 Jahre jung und studiert VWL in Heidelberg. Sie engagiert sich unter anderem im Landesvorstand der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen (ASF) Baden-Württemberg.

This entry was posted in Allgemein, Gleichstellung, Kapitalismus- / Gesellschaftskritik and tagged , , , , , . Bookmark the permalink.

One Response to Über Rape culture in sozialen Netzwerken.

  1. Chrissi says:

    Liebe Svenja,
    um das gleich am Anfang klarzustellen, ob du einen seltsamen Humor hast, kann ich nicht bewerten und es ist mir auch egal. Was mir jedoch nicht egal ist, ist wie Du hier den Humor von anderen angreifst. Zunächsteinmal ist der Post (unabhängig von Geschmacksfragen) ein guter Witz – soll heißen er baut eine gewisse Erwartungshaltung auf um dann in absurder Weise mit ihr zu brechen. Darüber hinaus ist der Post, so einfach er strukturiert ist, doch vielfacher Interpretation zugänglich. So könnte man ihn als Kritik an einer Gesellschaft verstehen, in der man jeden Fremden dazu auffordert in öffentlich gemachte Teile des Privatlebens einzudringen… aber das nur nebenbei. Was hier sicher nicht versucht wurde, ist Vergewaltigung zu verharmlosen, diese wird erstens mit keinem Wort erwähnt und auch die Angst von einem Fremden Verfolgt zu werden (die tatsächlich erwähnt wird) wird nicht als lächerlich dargestellt. Vielmehr handelt es sich um ein einfaches Wortspiel mit dem Wort folgen, dass einmal in einem modernen Kontext positiv und in einem anderen negativ konnotiert ist. Niemand hat behauptet, dass Vergewaltigungen lustig wären und das wäre auch absurd. Auch die Auffassung, wir würden in einer Vergewaltigungskultur leben, kann ich nicht teilen. Vergewaltiger sind ganz im Gegenteil hier die am meisten verachtetste Gruppe von Kriminellen (da genießen selbst Serienkiller mehr Sympathie). Also absolut niemand bekommt in dieser Gesellschaft vermittelt Vergewaltigung wäre in Ordnung oder gar cool sicherlich auch nicht durch diesen Post. Um zu Deinem zentralen Anliegen zurückzukommen: Nein man sollte die Menschen nicht dadurch versuchen zu steuern, dass man in Sprache und Humor Einschränkungen vornimmt. Und in Bezug auf die Überschrift in kursiv: Nein keiner hat dir zu sagen was du lustig finden darfst/kannst/sollst oder gar musst, das empfindest du zurecht als ungerecht. Aber auch du darfst keinem sagen was er lustig zu finden hat und was nicht. Du solltest daher aufpassen, dass Du nicht mit zweierlei Maß misst. Doch ich bin mir sicher auch Du hast dir dabei nichts böses gedacht.
    LG

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.