*Sternchen für’s gendern*

Ständig höre ich sie – diese Fragen:

 

Warum denn gendern? Das stört mich total in meinem Lesefluss! Das Binnen-I geht ja gerade noch, aber was willst du denn jetzt mit dem _ und deinen *-Sternchen?

 

Findest du es denn nicht ein bisschen übertrieben nur noch „mensch sagt“, anstatt „man sagt“ zu schreiben? Das ist echt total lächerlich!

Immer diese FemistInnen /Feminist*inne / Feminist_innen, die überhöhen derart die Bedeutung von Sprache, dass man/mensch nicht mehr lesen kann, was sie schreiben.

Könnt ihr euch nicht um die realen Probleme, wie die ungleiche Bezahlung von Mann und Frau kümmern? Ihr lenkt mit so Diskussionen um gendersensible/-gerechte Sprache den Fokus weg von den TATSÄCHLICHEN Problemen. (Aber Quoten sind trotzdem nicht so gut, weil es um die Leistung gehen sollte!)

Und wenn mensch/man dachte, es kann nicht mehr schlimmer kommen, dann ist alles sozial konstruiert – alles gelernt, alles anerzogen, alles selbst reproduziert.

 

Hört sich fast so an als wäre mensch*man in Rollen gefangen, wie in einem Spinnennetz voller Binnen-I’s, Gaps und *Sternchen*.

Hm, und dann sitze ich wieder da und denke nach:

Darüber, ob die Fragensteller*innen tatsächlich glauben, dass Geschlechterverhältnisse vom Himmel fallen?

Frei nach dem Motto: „Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn, und schuf sie als Mann und Frau“ (1.Mose 1,27). (Damit wäre ja schon geklärt, dass es nur zwei Geschlechter – Mann & Frau – gibt. Alles andere ist nun einmal nicht im Schöpfungsplan vorgesehen. Also weg mit _ und ***Sternchen. Höchstens das Binnen-I ist in Ordnung.) Doch, dass die Frau dem Mann untergeordnet ist, ergibt sich nicht nur aus der Bibel, sondern ist auch historische Tatsache (na ja, fast immer und fast überall). Das ist so, weil die Frau “von Natur aus” hilflos und schwach ist und der Mann stark und klug. Deswegen ist die Frau geschaffen sich um Haushalt und Kind(er) zu kümmern, während der Mann der Ernährer ist. Die Einteilung in private und öffentliche Sphäre mit klarer Rollenverteilung ist ja quasi auch schon antik. Aber immer noch aktuell!

Klar, Frauen und Männer sind vor dem Grundgesetz gleich. Die Sklavin wurde in die Eigenständigkeit entlassen (Wortbedeutung Emanzipation) und hat nun gleiche Rechte. Das scheint aber offensichtlich nicht auszureichen, um die Gleichstellung der Geschlechter herzustellen. Vielleicht ist also doch etwas dran am „Wesen“ des Mannes/der Frau? Fallen die Geschlechterverhältnisse vom Himmel, sind also in der „Biologie“ – der biologischen Differenz der Geschlechter zu finden?

Nein, sagen nun diejenigen, die nicht akzeptieren wollen, dass es in der Natur des Mädchens liegt nur mit Barbie-Puppen zu spielen und die Jungs nicht zum „starken Kerl“ erziehen wollen. Das ist alles konstruiert! Die Frau wird zur Frau gemacht! Der Mann wird zum Mann gemacht! An dieser Stelle kommen dann auch die Rollen ins Spiel. Dazu trennen wir einfach sex und gender, also das biologische Geschlecht und die geschlechtsspezifischen Zuschreibungen, um zu zeigen, dass Konzepte von “Weiblichkeit” und “Männlichkeit” nicht vom Himmel fallen. Sie sind erlernt, anerzogen und jeder Mensch trägt dazu bei sie ständig neu zu schaffen.

Ja? Ja! Denn das Beste für die Entwicklung des Kindes ist doch (auf jeden Fall unter 3 Jahren), wenn sich Mama um das Kind kümmert, das Ehegattensplitting ist toll, weil sich Steuervorteile durch den Ernährerhaushalt ergeben und Frauen haben sowieso ein Einstellungsrisko, weil sie ja ständig schwanger werden könnten. Der Mann, der in Elternzeit geht ist tendenziell ein Weichei und Jungs in rosa Klamotten befremdlich, während Mädchen viel Glitzer mögen. Glitzern wie kleine * (Sternchen).

Dreht mensch all diese Äußerungen vom Fuß auf den Kopf (also bedient sich des Verstandes) – voila da haben wir gerade “Zuschreibungen” und “Rollen” dekonstruiert. Es war lustig und doch ist es irgendwie traurig. Und wenn ich jetzt weinen würde, wäre das folgerichtig, weil ich als Frau nah am Wasser gebaut bin. Da ich aber erfolgreich sein will, trainiere ich mir alle Sachen ab, die “typisch weiblich” sind und versuche mich im “showing balls”. Trotzdem stoße ich mit meinem Kopf an die “gläserne Decke” und stelle fest, dass die Ungerechtigkeit zwischen den Geschlechtern auch irgendwie strukturell ist. Wenn ich mir dann den schmerzenden Kopf zerbreche, wie diese strukturelle Ungerechtigkeit  entsteht / entstanden ist, komme ich wieder zur Bibel, zur Geschichte, zur Konstruktion, zu Rollenerwartungen etc.

An dieser Stelle merke ich, dass ich bereits vieles geschrieben habe. Einige Themen gestreift, Text produziert, Worte in Sätzen eine Bedeutung verliehen- kurz mich meiner Sprache bedient. Ich denke, also schreibe ich und ich sage/schreibe, was ich denke und was ich höre, verarbeite ich auch, denke also wieder. Und mir fällt auf, dass fast alle meine sozialen Handlungen auf Kommunikation beruhen. Auffällig oft auf sprachlicher Kommunikation.

Wenn ich sage, was ich denke, wie kann ich dann etwas mitmeinen, was ich nicht sage? Also prinzipiell. Nicht nur so als Kommunikationsunfall. Wie kann etwas immer mit angesprochen sein, ohne es jemals zu benennen? Klar, das generische Maskulinum ist eine grammatikalische Regel. Doch woher kommt eigentlich diese Regel? Ist die auch schon Bestandteil des Wort Gottes oder hat sich prinzipiell nicht jedes gesagte und geschriebene Wort und ihr Bedeutungsinhalt aus ihrem gesellschaftlichen Kontext entwickelt? Sprache ist nie statisch. Sprache ist Veränderung. Es werden Unwörter des Jahres geboren, nicht weil sie in ihren Bestandteilen unbedingt neu erfunden wurden, sondern weil sie einen neuen Bedeutungszusammenhang im gesellschaftlichen Kontext erhalten haben. „Schleckerfrauen“, „Herdprämie“ oder auch „Dönermorde“. Sprachkritik und ein Bewusstsein für den sensiblen Umgang mit Sprache müssten elementare Bestandteile der eigenen Reflexion sein. Begriffe sagen etwas aus, sie zeigen den gesellschaftlichen Kontext, eine Denkweise – und produzieren sie auch in der eigenen Verwendung.

Was sagt es aber über Menschen aus, die mich dafür kritisieren, dass ich in meinen Aussagen darauf hinweisen will, dass ich mindestens zwei Geschlechter ansprechen will? Oder sogar noch weiter gehe, wenn ich darauf aufmerksam machen will, dass die Einteilung in zwei Geschlechter gar nicht so unproblematisch ist? Denn auf der Bedeutungsebene drücke ich mich sprachlich deutlich präziser als als diejenigen, die das unterlassen.

Okay, ich gebe abschließend zu: Veränderungen fallen auf. Das ist aber nicht unbedingt etwas schlechtes. Geschlechtergerechte Sprache mag beim ersten Zusammentreffen erst einmal komisch wirken. Dann fragt mensch sich: Warum wird das so geschrieben und informiert sich. Nicht nur über das konkret groß geschriebene I oder Sternchen, sondern auch über  die Intention, die Strukturen, Bedeutung von Sprache etc. Mit dieser neuen Erkenntnis fällt das Lesen eines zweiten und dritten Textes mit geschlechtergerechten Sprache schon deutlich leichter. Nach einigem mal lesen, fällt es nicht mehr auf. Es ist halt so. Normal. Mensch macht das so. Und ganz nebenbei wurde ein neues Bewusstsein geschaffen. Das sind doch mal ein paar Sternchen wert!

 

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Anmerkungen:

Die kursiv gekennzeichnete Textstellen entsprechen nicht meiner persönlichen Meinung, sondern sind freie (und gelegentlich überspitzte) Widergaben von Standardaussagen / -fragen rund um jede Gleichstellungs-/ Genderdiskussion. Sollte das den Lesefluss beeinträchtigen, so ist das gewollt.

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15 Responses to *Sternchen für’s gendern*

  1. Bettina says:

    Das Sprache das Denken verändert, ist logisch. Doch wie spreche ich bitte korrekt ein Sternchen aus? LG Bettina

  2. Luisa Boos says:

    😀 Wie auch das _ ist ein Sternchen eher für den schriftlichen Gebrauch vorgesehen.

  3. Name says:

    Dafür, dass es sich hier um einen Text über Sprachsensibilität handelt, haust du die 3 Unworte aber ganz schön ungeniert raus. Nur mal so als Anmerkung, von der ständigen Verwendung, auch durch eigentlich wohlmeinende Menschen, können sich ebenfalls Leute angegriffen fühlen. Solche Triggerworte kann man, wenn man sie denn verwenden muss, verfremden oder allerwenigstens in Anführungszeichen setzen, um zu zeigen, dass man sich nicht als „normalen“ Sprachgebrauch akzeptiert.

  4. Name says:

    Es muss „sie nicht“ im letzten Halbsatz heißen …

  5. Julian Ruess says:

    Die ersten 4 Absätze sind absolut korrekt.

  6. Julia says:

    Sehr schöner Artikel, der wunderbar deutlich macht, wie schwierig es immernoch ist, auf die Ungleichbehandlung der Geschlechter in unserer Gesellschaft aufmerksam zu machen und auf wieviel Widerstand mensch nach wie vor stößt, beim Versuch Gleichstellungen auf allen Ebenen zu erreichen – ja auch sprachlich! Denn vielleicht fühlt sich der eine oder die andere beim Lesefluss gestört. Das Ausblenden und Ignorieren aller nicht-männlichen Personen, allerdings ist Diskriminierung! Meiner Ansicht nach wiegt das weit schwerer als ein gestörter Lesefluss.

  7. J. says:

    Gut geschrieben.
    Alleine die Idee, mit der „Emanzipation durch beruflichen Erfolg“, die du ja ansatzweise anklingen lässt, kann ich nicht teilen. Denn, was ist beruflicher Erfolg? Beruficher Erfolg wird in den heutigen kapitalistischen Gesellschaften mit viel Arbeit, bzw. „Leistung“ gleichgesetzt. Als Maßstab, mit dem mensch alles messen kann, dient Geld.
    Klar, der Gender-Pay-Gap geht gar nicht, aber er zeigt auch nur einmal mehr die Ungerechtigkeiten auf, zu die der Kapitalismus führt. Im Kapitalismus hat der Mann* anscheinend einen höheren Marktwert, da die Wahrscheinlichkeit eines Berufausfalls durch Schwangerschaft erheblich geringer ist als bei einer Frau*. Habe dafür jetzt keine Quelle, klingt aber für mich leistungsideologisch plausibel. Naja, jedenfalls sollten alle Menschen (Frauen, Männer,**) in der Lage sein ein würdevolles Leben zu führen in dem mensch eigenständige Entscheidungen fällen kann.
    Deshalb: wieso meinen viele Frauen, Emanzipation nur dadurch zu erlangen indem sie zwanghaft versuchen in irgendwelche Führungspositionen zu gelangen und so de facto dem kapitalistischen System untertänig zu sein? Denn letzteres muss mensch zweifelsohne, will er/sie* denn in der heutigen Konsum- und Leistungsgesellschaft etwas ganz tolles werden/eine Führungspos. einnehmen…

    Diesen Gedanken des Feminismus – mehr Feminismus durch mehr Leistung von Frauen sehe ich sehr problematisch.
    So wird imo die kapitalistische Leistungsideologie weiter befeuert und die Frau tanzt nicht mehr mit der Gleichstellung, sondern mit dem Kapitalismus. Darunter haben dann weniger priviligierte Frauen, die nicht von beruflichem Megaerfolg, sondern von sozialer Sicherheit und einem Leben ohne Zwänge und mit freien Entscheidungen träumen, eventuell zu leiden.
    Deshalb meine Frage: Geht vollständiger Feminismus in einem kapitalistischen Leistungssystem? Ich meine nein und finde letzteres müsste zuerst abgeschafft werden um eine volle und zufriedenstellende Gelichstellung von Menschen zu erarbeiten.

  8. Julia says:

    Der Zugang zur Erwerbstätigkeit ist eine urfeministische Forderung, daher ist es feministisch gesehen nur konsequent auch den vollständigen Zugang zu allen Ebenen zu fordern. Am Ende ist es ja auch eine Machtfrage, wer die hohen Positionen innehat (daher natürlich auch der ernorme Widerstand). Die Forderung fallen zu lassen, mit dem Hinweis darauf, dass die damit einhergehende Unterdrückung durch den Kapitalismus nicht wünschenswert ist, wäre für mich dann in so fern schwierig, als das die Männer dann weiterhin die (kapitalistische) Welt alleine beherrschten.
    Davon ab wäre es mir natürlich auch am Liebsten, wenn weder Mann noch Frau sich oder andere für den Kapitalismus ausbeuten lassen müssten.

  9. Luisa Boos says:

    Vielen Dank für eure Kommentare und Hinweise:

    „Name“, Ich bin davon ausgegangen, dass durch die explizite Deklarierung der „Unwörter“ als Unwörter mein Umgang mit ihnen deutlich wäre. Da dies offensichtlich nicht so ist, vielen Dank für den Hinweis. Ich werde sie im Anschluss an diesen Kommentar in Anführungszeichen setzen.

    Julian: Dann einfach auch mal noch über die ersten vier Absätze hinaus lesen. 🙂

    J: Ich wollte mit dem Absatz, den du ansprichst, deutlich machen, dass selbst WENN ich mich als Frau dem Marktmechanismus unterwerfe UND mich möglichst, nach den Rollenkonzepten, „unweiblich verhalte, ich trotzdem noch auf strukturelle Hindernisse, wie die gläserne Decke stoße, die ja vielfältige Ursachen hat.

    Zu deiner Frage, ob Feminismus im Kapitalismus möglich ist, nur ein paar persönliche Anmerkungen. Die Frage ist für mich eher, welche Gleichstellung im Kapitalismus eigentlich möglich ist. Die Marktlogik in Extremform zu Ende gedacht, führt zu einem Ende langfristiger menschlicher Beziehungen, wie z.B. die Institution der Ehe. Da Kinder ebenfalls die Mobilität und Flexibilität einschränken, würde das in der Konsequenz zu einer kinderlosen Gesellschaft führen. (vgl. auch Beck/Beck-Gernsheim: Das ganz normale Chaos der Liebe) Damit würden sich einige „Gleichstellungsprobleme“ von alleine lösen… Um es überspitzt auf den Punkt zu bringen: Gleichstellung ist mit einer extremen Marktlogik möglich, aber auch das Ende von Gemeinschaft und Gesellschaft. In welchem Stadium dieses Prozesses wir uns vielleicht gerade befinden, wäre auch einmal eine spannende Diskussion.
    Ansonsten kann ich mich der Argumentation von Julia in ihrem letzten Kommentar nur anschließen.

    • J. says:

      Stimmt. Du kennst dich mit den Begrifflichkeiten einfach gut aus. Das Problem, das du aufzeigst, sehe ich genauso, hätte es aber nicht so gut auf den Punkt bringen können. Wäre wirklich mal interessant das Stadium zwischen Flexibilität/Leistungsgedanke und Gemeinschaft (2 nahezu komplementäre Begriffe imo.) in dem unsere Gesellschaft sich befindet, näher zu beleuchten.
      Trotzdem lasse ich mich irgendwie nicht von dem Gedanken abbringen, dass in erster Linie der Kapitalismus die Unterdrückung von Frauen und * bedingt. Eine Wechselwirkung lässt sich aber wohl auch nicht ausblenden.

  10. Julian Ruess says:

    @Luisa: Habe ich 😉 Mich kann Mensch einfach noch nicht so richtig für das Gendern begeistern 🙂

  11. erol diyor ki: 05 Ekim 2012, 21:50özelleştirme,taşeronlaştırma..yani kısacası kölelik şartlarında çalışma..işçilerin kaderi olamayacaktır.bütün emek güçleri biraraya geldiğinde ne taşeron ve işbirlikçileri kalacaktır. katılımın düşük olduğu bandırma gerçekliği içinde düşünülürse doğru değil.3-5 kişiyle yapılan basın açıklamalrınıda gördü bu memleket..

  12. http://www./ says:

    If the read the Baltimore Sun, they are getting the old Maryland Democratic Party line regularly.Consider sending them the Washington Times for 90 days. This might be a really good 90 days to do it.Sometimes a change of reading material can have influence.(I quit reading newspapers soon after moving to the Washington Suburbs in 1984, I caught the WaPo spreading front page lies. I took the WashTImes for a while and then the internet became available and I no longer get a newspaper but occasionally. I read Gates of Vienna much more often than all the newspapers I read.

  13. I’m out of league here. Too much brain power on display!

  14. Der Stern_in says:

    Interessant werden diese Diskussionen er erst wenn auch Gott*inn gegendert wird 🙂
    Wird lustig, speziell für die gendernden „christlichen “ Parteien. Aber so ist das halt in die Welt_in 😀

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