Sexismusdebatte – Und wieder sitzen die Frauen nur auf der Reservebank

C. Schwarz – pixelio.de

Ein Gastbeitrag von Jessica Rauch

Die Sexismus-Debatte, die durch die Veröffentlichung der anzüglichen Kommentare Rainer Brüderles gegenüber der Stern-Journalistin Laura Himmelreich losgetreten wurde, hält nun schon seit zwei Wochen die deutschen Medien in Atem. In Presse und Talkshows wird darüber diskutiert, ob es nun sexistisch war, was Brüderle getan hat, ob ein Sexismus-Problem in der deutschen Gesellschaft besteht und ob es überhaupt gar so etwas wie Sexismus gäbe. Allein diese Fragen zeigen, dass die Debatte nicht selten am wirklichen Kern des Problems vorbeigeht.

Darüber hinaus offenbart sie uns, wer in unserer Gesellschaft und insbesondere in der Medienlandschaft, die Diskursdominanz innehält. Warum wird immer noch daran gezweifelt, dass Sexismus in unserer Gesellschaft weitverbreitet ist und ein tatsächliches Problem darstellt? Sind die mittlerweile 60.000 Erfahrungsberichte auf Twitter zu #Aufschrei nicht schon Beweis genug? Oder eine Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, nach der 58% der Frauen angeben, bereits von Sexismus direkt betroffen gewesen zu sein?[1] (Überhaupt: Warum wird das erst jetzt bekannt und thematisiert, anstatt direkt nach der Veröffentlichung des Berichts?) Anne Will stellte ihre Sendung in der vergangenen Woche gar unter den Titel „Sexismus-Aufschrei – hysterisch oder notwendig?“ Die Unterstellung der Hysterie kennen wie bereits aus der Antike, ein beliebter Vorwurf um vermeintliche weibliche Überreaktionen ins Lächerliche, ja sogar Krankhafte zu ziehen, und so Frauen zu diskreditieren. Warum scheint es so schwer zu akzeptieren, dass Sexismus ein reales Problem ist? Warum wurde in den bisherigen Talkrunden nicht sofort über konkrete Lösungen gesprochen? Stattdessen wurden von den Frauen immer weitere Beweise für ihre alltäglichen Erfahrungen mit Sexismus gefordert. Sie müssen sich geradezu rechtfertigen, warum sie denn nun der Gesellschaft dieses ach so unnötige Thema aufgezwungen haben.

Die Ursache dieses Phänomens liegt ganz klar auf der Hand. Die schwerfällige Anerkennung des Problems ist eine Folge der männlichen (weißen-) Diskursdominanz. (Ein weiteres Beispiel dafür ist die Kinderbuch-Debatte, die nach einem ganz ähnlichen Schema verläuft. Hierbei wird jedoch die Verletzungen nicht anerkannt, die das „N“-Wort Menschen zufügen kann). Sie bestimmt, aus welcher Perspektive wir auf Probleme blicken. Fordert nun aber eine andere Gruppe Raum für eine neue Betrachtungsweise, so lässt der Protest nicht lange auf sich warten. Die männlich-weiße Meinungshoheit wird verteidigt und zu diesem Zweck wird die Perspektive, in diesem Fall die der von Sexismus betroffenen Frauen, geschmälert, herabgesetzt und ins Lächerliche gezogen. Es wird versucht den Betroffenen das Wichtigste zu nehmen, das sie besitzen: Ihre Glaubwürdigkeit. Dazu zählt auch, dass in der Diskussion von meist männlicher Seite Definitionen von Sexismus aufgestellt werden, die nicht selten der gebräuchlichen Begriffsbestimmungen fremd sind, wie sie im Duden und in der Wissenschaft gebraucht werden. (Um das klarzustellen: Sexismus bedeutet die Reduzierung einer Person auf ihr Geschlecht und darauf beruhende Zuschreibungen von Fähigkeiten, Stereotypen und Anforderungen.) Wir erleben hier folglich Männer, die Frauen vorschreiben wollen, was Sexismus zu sein hat und was nicht. Wollen wir aber, dass sich in unserer Gesellschaft Dinge zum Besseren ändern, so müssen wir auch lernen, unbeliebte Perspektiven zuzulassen und die Betroffenen ernst nehmen. Dass so viele Frauen bei #Aufschrei den Mut fanden zu erzählen, was sie bereits erlebten, ist nur damit zu erklären, dass sie wussten: Hier werde ich mit meinen Erfahrungen ernst genommen! Dass dort das ewige Dementieren, das „Stell dich doch nicht so an!“ oder das „Das hast du sicher falsch verstanden!“, nicht fortgesetzt wird. Denn das Nicht-glauben-wollen, das Herunterspielen als auch das nie enden wollende Einfordern von Beweisen, ist bereits eine sexistische Struktur. Das geschlechtsspezifische Machtgefälle im öffentlichen Diskurs wird hier evident. Wir alle sollten uns dies bewusst machen!

Frauen allein fällt es schwer, Themen zu setzen, die mit der Ernsthaftigkeit, die sie verdient haben, diskutiert werden. Nun, wie können wir das ändern? Genau hier beißt sich die Katze in den Schwanz, denn selbst die Lösung des Problems spiegelt die patriarchale Gesellschaftsordnung wider. Nach der Erkenntnis, dass der alleinige Aufschrei der Frauen auch nichts nützt, müssen wir uns wohl leider eingestehen, dass das wohl effektivste Mittel, um in dieser Sache etwas zu bewegen, in einer breiten Unterstützung seitens der Männer liegt.  Diese Lösung gefällt mir nicht, weil wir hier die patriarchalen Strukturen unterstützen, wie ich sie oben geschildert habe. Sie macht mich wütend und führt mir drastisch vor Augen, wie weit entfernt unsere Gesellschaft von einer gleichberechtigten Teilhabe ist. Doch wir können in der Sexismus-Debatte nicht voranschreiten, wenn Sexismus nicht als ein real-existierendes Problem anerkannt wird. Auf die Solidarität der im Diskurs dominanten Gruppen angewiesen zu sein, ist wie als Spieler*in auf der Reservebank sitzen zu müssen, mit der Hoffnung doch noch irgendwann auf das Spielfeld gelassen zu werden.

Es ist Zeit, uns dafür einzusetzen, dass alle gesellschaftlichen Gruppen mitspielen dürfen. Jede Perspektive hat es verdient, Raum zu erhalten, egal ob es um die von Frauen geht, die von Menschen mit Migrationshintergrund, Menschen mit einer anderen Hautfarbe, Menschen mit Behinderung, etc. Nur so können wir die männlich-weiße-(etc.)-Diskursdominanz überwinden und gesamtgesellschaftliche Debatten führen, in denen alle gleichberechtigt zu Wort kommen. Sexismus betrifft uns alle. Er schränkt uns ein, indem er uns Rollenbilder aufzwängt, stereotype Eigenschaften anhängt, uns verletzt oder ausgrenzt. Es wird Zeit, dass wir gemeinsam und zielorientiert über genau dies reden. Jetzt und nicht später. Unter Rücksichtnahme aller Perspektiven, die dieses facettenreiche Thema bietet.


[1] http://www.bmfsfj.de/RedaktionBMFSFJ/Abteilung4/Pdf-Anlagen/pressemat-studie-gewalt-frauen-lebenssituation,property=pdf,bereich=,rwb=true.pdf

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2 Responses to Sexismusdebatte – Und wieder sitzen die Frauen nur auf der Reservebank

  1. Johannah says:

    puuh, ich glaube mit deiner schlußfolgerung kann ich nicht wirklich d’accord gehen. beim kampf gegen sexismus sind frauen doch nicht vom gutdünken und der unterstüzung der männer abhängig! deren unterstützung wäre zwar mehr als wünschenswert, aber wer veränderungen will, muss diese eben auch eingefordern. das passiert in der regel durch diejenigen, die betroffenen sind von der vorherrschenden unterdrückenden strukturen – in diesem fall den frauen.

    auf kleindrei.org wurden unter dem Stichwort „Was können wir denn nun tun?“ vorschläge gesammelt:

    „Ich sehe hier vor allem eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung, die wir – Männer und Frauen – endlich alle zusammen ernst- und wahrnehmen müssen. Nur zusammen können wir es schaffen, dass Zwischenmenschlichkeiten nicht mehr als Machtinstrument missbraucht werden, dass sie keine Angst und stattdessen Spaß machen.
    Wir müssen wegkommen von einer Kultur des „Du willst es doch auch!“ und hin zu einer Kultur des „Willst du auch?“

    Fürs Private bedeutet das u.a.:
    – Einen respektvollen Umgang von euch und euren Mitmenschen einzufordern. Redet miteinander und hört euch zu, anstatt direkt in blinde Verteidigungshaltungen zu verfallen.
    – Reflektiert eure eigenen Äußerungen und Handlungen vor dem hier dargestellten Hintergrund und zieht entsprechende Konsequenzen.
    – Zivilcourage zu zeigen und euch offen dagegen zu stellen, wenn Ihr Zeuge oder Zeugin eines sexistischen Übergriffs werdet – ob verbal oder körperlich, auf der Straße wie auf der Arbeit, in der Schule oder der Uni.
    – Es in Bezug auf Kindererziehung eben z.B. nicht mehr als völlig normal zu erachten, wenn Jungs Mädchen ärgern und sie dann damit zu entschuldigen, dass sie auf diesem Wege lediglich zeigen, wie sehr sie ein Mädchen mögen.

    Für Medien und Werbung heißt das z.B.:
    – Dass wir als Konsumentinnen und Konsumenten immer noch bestimmen können, ob wir etwas Sexistisches kaufen/lesen/konsumieren oder nicht, anstatt es mit einem faulen „[XYZ] ist halt so“ zu quittieren und damit wieder den Status Quo zu stärken.

    Für die Politik heißt das u.a.:
    – Endlich die Frauenquote als notwendigen Hack des Systems einzusetzen, um ein ausgewogenes und damit weniger sexistisches Geschlechterverhältnis am Arbeitsplatz zu schaffen.
    – Lohngleichheit ebenfalls als eigenes Thema auf die Agenda zu setzen.“

    Zu finden hier: http://kleinerdrei.org/2013/02/was-ihr-schon-immer-uber-aufschrei-wissen-wolltet-und-bisher-auch-zu-fragen-wagtet-ein-faq-versuch/

    für mich persönlich bedeutet die sexismus-debatte in der konsequenz vor allem: sichtbar machen des problems, informieren, (politsche) aktionen starten, demos organisieren…

  2. Fabian K.T. says:

    „Nach der Erkenntnis, dass der alleinige Aufschrei der Frauen auch nichts nützt, müssen wir uns wohl leider eingestehen, dass das wohl effektivste Mittel, um in dieser Sache etwas zu bewegen, in einer breiten Unterstützung seitens der Männer liegt. Diese Lösung gefällt mir nicht, weil wir hier die patriarchalen Strukturen unterstützen, wie ich sie oben geschildert habe.“

    Bis auf diese Passage finde ich den Artikel sehr gelungen. Selbst wenn mensch die heroische Annahme trifft, dass nur Frauen Opfer von Sexismus sind, empfinde ich das von Dir Geschriebene selbst sexistisch. Als ob nur Frauen gegen Sexismus sein könnten und Männer dies stets gut finden. Ich selbst beobachte Sexismus von Männern gegenüber Frauen fast täglich und finde ihn zutiefst widerwärtig.
    Du musst „LEIDER eingestehen“, dass dafür auch das männliche Geschlecht benötigt wird. Damit betonst du eher, dass es zwei grundlegend verschiedene Geschlechter gibt und verstärlst damit sexistisches Denken.
    Männer können auch gegen Sexismus sein, wie sie auch Feminist sein, Kinder erziehen und den Haushalt erledigen können.

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