Organize!

von Julian Wiedmann, Vorsitzender des Landesbezirksjugendvorstands der ver.di Jugend Baden-Württemberg

Seit dem Ende des Kalten Krieges hat der Kapitalismus in der westlichen Welt (in all seinen Ausprägungen) den Turbogang eingelegt. Das Diktat der neoliberalen Wirtschaftsideologie sorgte dafür, dass nicht nur bürgerliche Kräfte „Liberalisierungen“ anstrebten, sondern auch sozialistische Parteien in ganz Europa. Vorneweg marschierten die deutsche Sozialdemokratie und die britische Labour Party, die sich jüngst noch gegen ein anderes Prinzip der internationalen sozialistischen Bewegung, den  Internationalismus, wandte.

Die großen Umbrüche, die es in der Arbeiter/-innenbewegung gab, gingen auch an den Gewerkschaften nicht spurlos vorbei. Durch die immer stärker werdende Individualisierung der Gesellschaft, die durch  Arbeitsteilung, eine höhere Technologisierung und den Reichtumszuwachs möglich wurde und eine starke Verschiebung der Wirtschaftssektoren von Industrie zu Dienstleistungen in den westlichen Marktwirtschaften, verloren die Gewerkschaften immer mehr das Gut, welches für sie am Wichtigsten ist. Aktive Mitglieder. 

Der Anteil der Organisierten in den Betrieben sank von 34% im Jahr 1960 auf 21% der abhängig Beschäftigten zur Jahrtausendwende. Da Gewerkschaften immer nur so stark sind wie ihre Mitglieder, hatte das auch gerade auf den sich wandelnden und stark wachsenden Dienstleistungssektor Auswirkungen. Durch eine immer kleinere Gliederung der Betriebe erschwerte sich die Organisation der Kolleg/-innen, weil kleine Betriebe im Gegensatz zu einer großen Metallverarbeitungsbude  wesentlich schwieriger zu organisieren sind.

Diese Individualisierung, hat zur Folge, dass es für Menschen immer weniger attraktiv wird sich  den sogenannten Massenorganisationen verschreiben oder gar zu engagieren. Davon betroffen sind nicht nur Gewerkschaften, sondern auch Parteien wie SPD und CDU.

Gerade in den letzten Jahren haben sich in vielen Bereichen die Arbeitsbedingungen prekarisiert. Leih- und Zeitarbeit, Minijobs und ein geschwächter Kündigungsschutz sorgten für Arbeitsverhältnisse, die die individuelle Ausübung von gewerkschaftlicher Arbeit schwierig gestalten. Es wurde mancher Orts auch verlernt, was gemeinsam alles erreicht werden kann.

Es ergibt sich aus den Entwicklungen der letzten Jahre von selbst, dass etwas an der Arbeit der Gewerkschaften verändert werden muss. Die IG Metall und die ver.di befinden sich in Prozessen, in denen die eigene Arbeit evaluiert wird, um dann gestärkt in die Zukunft blicken zu können. Bei der IG Metall konnte bereits der Mitgliedertrend in eine positive Richtung gewendet werden, was vermutlich in den kommenden Jahren auch bei der ver.di geschehen wird.

Moderne Gewerkschaftsarbeit, und das musste erst gelernt werden, kann sich nicht mehr darauf ausruhen, dass sich die Menschen bei Beginn der Ausbildung automatisch organisieren. Früher legte der/die Ausbilder/-in eine Beitrittserklärung für eine Gewerkschaft dem/der Auszubildenden noch am ersten Arbeitstag vor und wies darauf hin, wie wichtig die Organisation für jede/-n Beschäftigte/-n ist und bestand darauf, dass die Beitrittserklärung ausgefüllt wird.

In einer Zeit, in der die Menschen individualistisch erzogen werden und oft den Wert der Gemeinschaft vergessen wurde, ist es unabdingbar Gewerkschaftsarbeit anders zu gestalten als noch vor einigen Jahrzehnten. Neben der gezielten Ansprache und Präsenz im Betrieb bedeutet das heute vor allem bei jungen Menschen: Solidarität muss wieder gelernt werden.

Warum heute noch gewerkschaftlich organisieren?

Viele Auszubildende kommen heute aus der Schule und sind Ellenbogenkämpfe und Leistungsdenken gewohnt, was ein solidarisches Denken verkümmern lässt. Das macht es schwieriger junge Menschen für sich zu gewinnen, aber nicht unmöglich.

Es muss in wieder in das Bewusstsein der Bevölkerung kommen, dass im Falle eines Konfliktes im Betrieb, einer Tarifrunde oder bei politischen Entscheidungen, die sich negativ auf die sozialen Verhältnisse auswirken, nur eine starke Gewerkschaft dazu in der Lage ist auch den notwendigen Druck auf die Entscheider/-innen auszuüben. Solidarität ist immer noch die Waffe derer, die alleine schwach wären.

Es ist vermutlich noch zu früh, die Sozialpartnerschaft für gescheitert zu erklären, auch wenn sie vor allem im Dienstleistungsbereich in vielen Betrieben und Unternehmen nicht mehr wirklich existiert. In der Gesellschaft müssen wieder Normen tradiert werden und ein Klima eintreten, in denen der/die schlechte Arbeitgeber/-in geächtet wird, und es zur Selbstverständlichkeit gehört, dass Beschäftigte mit Respekt und Anerkennung (in unserer Gesellschaft vor allem über die Entlohnung) behandelt werden.

Die Politik muss dafür sorgen, dass die gesetzlichen Rahmenbedingungen derart beschaffen sind, dass prekäre Beschäftigung gar nicht erst möglich wird. Dabei muss von gewerkschaftlicher Seite Hilfestellung geleistet, aber auch Druck aufgebaut werden.

Wichtige inhaltliche Projekte sind immer noch die Übernahme von Auszubildenden, Lehrmittelfreiheit, ein gesetzlicher Mindestlohn und in Baden-Württemberg das Tariftreuegesetz und der Bildungsurlaub. Über all dem steht natürlich die Demokratisierung der Wirtschaft.

Nach einem Tief der Gewerkschaftsbewegung in Deutschland erholt sie sich nach einem langen Jahrzehnt wieder und ist dabei in einem veränderten Zustand voranzuschreiten. Die letzten Tarifrunden der DGB Gewerkschaften haben gezeigt, dass bei entsprechender Organisation und Kampfbereitschaft immer noch gute Ergebnisse zu erwarten sind.

Es bleibt wichtig, und es muss auch wieder normal werden, dass abhängig Beschäftigte sich mit der Organisationsfrage auseinandersetzen. Denn im schlimmsten Fall gibt es neben den Gewerkschaften niemanden der hilft, helfen kann oder helfen will.

 

Mann der Arbeit, aufgewacht!
Und erkenne deine Macht!
Alle Räder stehen still.
Wenn dein starker Arm es will.

Deiner Dränger Schar erblaßt,
Wenn du, müde deiner Last,
In die Ecke stellst den Pflug.
Wenn du rufst: Es ist genug!

 Brecht das Doppeljoch entzwei!
Brecht die Not der Sklaverei!
Brecht die Sklaverei der Not!
Brot ist Freiheit, Freiheit Brot!

– Georg Herwegh –

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One Response to Organize!

  1. Daniel Reymann says:

    Solidarität erlent mensch aus konkreter Solidaritätserfahrung und diese am ehesten bei konkreten politischen, sozialen und gewerkschaftlichen Auseinandersetzungen. Das war im 19. Jahrhundert so, im 20. Jahrhundert und das bleibt auch im 21. Jahrhundert so. Deshalb finde ich es nicht besonders hilfreich, die sog. Individualisierung als Wurzel allen Übels auszumachen und als Lösung Werte und Normen zu propagieren. Miserable Arbeitsbedingungen und Lohndumping kommen nämlich nicht davon dass der Arbeitgeber einen schlechten Charakter hat und deshalb gesellschaftlich diszipliniert werden muss, sondern sind direkte Folgen des Profitstrebens. Ein Arbeitgeber strebt aber nicht nach Profit, um sich selbst zu bereichern, sondern weil in der Marktwirtschaft der Erfolg des Waren- und Dienstleistungsaustauschs eben geldwert als Profit ausgedrückt wird und die Profite reinverstiert werden müssen um konkurrenzfähig zu bleiben. Das kann mensch im übrigen schon bei Adam Smith nachlesen. Mit moralischen Apellen kommt man da nicht weiter, sondern nur mit der sozialen Regulierung der Marktprozesse. Ein gutes Beispiel wird dazu ja genannt – der Kampf um Tariftreue bei der öffentlichen Auftragsvergabe – der in jeder Stadt und Gemeinde geführt werden muss, damit defizitärer Haushalte nicht auch noch als Begründung für Lohndumping dienen. Gerade der ver.di als Gewerkschaft, die die Beschäftigten in den kommunalen Verwaltungen organisiert, kommt hier eine besondere Bedeutung zu in jeder „Amtsstube“ Missstände öffentlich zu machen und Brüche der Tariftreue zu verhindern.

    Das Organisationproblem ist ebenfalls kein Werteproblem. Fordistische Organisationsformen (d.h. in erster Linie über eine Unzahl von Hierarchieebenen verfügende Bürokratien, Verbände und Unternehmen) haben das Problem, dass sie aus ihrer inneren Logik heraus tendenziell intransparent und antidemokratisch sind und vorallem die eigenen Arbeitspotentiale schlichtweg durch die eigene Organisationsform blockieren. Das verwundert auch nicht, wenn man bedenkt, dass historisch das fordistische Organisationsmodell auch aus den Notwendigkeiten der Kriegswirtschaft folgte und quasi militärische Strukturen von Befehl und Gehorsam auf Unternehmen, Verwaltungen, Organisationen, Vereine und Verbände übertragen wurden. Anstatt zu beklagen, dass Menschen sich heutzutage solchen Strukturen nur noch ungern anschließen, sollte das besser als Auftrag verstanden wissen, etwas zu ändern. Transparenz, Projektorientierung, flache Hierarchien, Demokratisierung sind einige der Stichworte zur Weiterentwicklung der überlieferten Organisationsformen. Zum Beispiel könnte man lokale Kampagnenzentren aufbauen, die den Menschen die Möglichkeit bieten, sich direkt an sozialen, politischen und gewerkschaftlichen Auseinandersetzungen zu beteiligen. Womit sich dann der Kreis wieder schließt zur konkreten Solidaritätserfahrung durch die mensch Solidarität lernt.

    Und noch eine Anmerkung: Alle Parteien sind ja ähnlich aufgebaut – auch Grüne und Linke. Deren Mitgliedschaft liegt irgendwo so um die jeweils 65.000 im Vergleich zu den jeweils etwa noch 500.000 der „großen“ Parteien. D.h. als „jüngere“ Parteien in der Parteienlandschaft, aber nach dem selben Prinzipien aufgebaut wie die „alten“ sind sie ebenso betroffen, nur dass die Menschen sich ihnen erst gar nicht angeschlossen haben, sondern gleich weggeblieben sind. Auch das ist Ausdruck meines Erachtens fehlerhafter Antworten auf die „Organisationsfrage“.

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