„Leistung muss sich lohnen“…

Ein Gastbeitrag von Juri Opitz aus dem Sprecher*innen-Kreis der Jusos Heidelberg

Siegfried Fries – pixelio.de

…fordern längst nicht mehr nur marktradikale Politiker*innen. Auch innerhalb der Sozialdemokratie ist dieser Spruch in z.T. leicht abgewandelter Form (z.B. „Arbeit muss sich lohnen“[1]) en vogue geworden. An dieser Stelle kann man naiv fragen: „Schön und gut, aber wie misst mensch den gerechten Lohn von Arbeit, was ist der Maßstab für sich lohnende Arbeit?“.

Wie einfach lässt sich guter Lohn für gute Arbeit fordern, klingt dieser Satz so höchst vernünftig und menschenwürdig. Leider wissen viele politische Eliten diesen Satz gekonnt nicht zu Ende zu denken. Ungern macht Politiker*in sich Gedanken um ein konkretes Konzept von guter Arbeit und gerechtem Lohn. Denn werde der Lohn zu gerecht, komme es nach öffentlicher Meinung zum Konjunktureinbruch, worunter auch wiederum die Arbeitnehmer*innen zu leiden hätten. Der allseits herbeigesehnte Trickle-Down-Effekt bliebe jetzt erst recht aus.  Plakativ: Heutige Unternehmen sind am Profitmaximum orientiert und haben dennoch gleichzeitig das Wohl aller Mitarbeiter*innen im Auge. Sie geben Arbeit, Geld und Brot. Um das zu erhalten, müsse der/die Arbeitnehmer*in gelegentlich Abstriche hinnehmen. Unter einer Einmischung des Staates hätten alle nur noch mehr zu leiden. Der Staat orientiere sich bei wirtschaftspolitischen Fragen also bitte an der Expertise, den Wirtschaftseliten, das sei für alle das Beste. Da am dunklen Horizont stets die schlechten Wirtschaftszahlen und Arbeitslosigkeit drohen, mögen die sukzessiv an Macht verlierenden und abhängigen Belegschaften (s.u.) also bestenfalls im Voraus Lohnstagnation, höheres Arbeitsvolumen und steigende Lebenserhaltungskosten akzeptieren.

Trotzdem wagte die Sozialdemokratie jüngst einen Schuss ins Blaue und fordert nun konkret einen gerechten Mindestlohn von 8,50 Euro. Der benutzte Maßstab für Lohngerechtigkeit ist Geld. Gut, was auch sonst? Kommen wir zum Maß. 8,50 Euro – ein Maß also für gute Arbeit? Andersherum gedacht: Ist Arbeit, die mit einem Stundenlohn von 8,50 Euro entlohnt wird, nicht gut? Welche Vorstellungen haben unsere Führungseliten vom Wert der Arbeit? Haben sie überhaupt Vorstellungen darüber? Darüber nachzudenken ist kein einfaches Vorhaben. Vielleicht lässt sich auch deshalb für das geübte Auge eine Art Verantwortungsdiffusion bei vielen politischen Führungseliten beobachten, was die Verantwortung für die in Deutschland lebenden Menschen angeht. Hinzu kommt, dass sich heute der Wert von Arbeit nicht mehr einfach am Wert des Produktes, bzw. an der in die Herstellung des Produktes investierten Zeit orientiert. Beispielsweise produziert die Finanzbranche, in der stündlich Milliardensummen umgesetzt werden: Zahlen. Einigen der vielen Zweige der Branche wird dennoch der Nutzen zugeschrieben, die produktive Wirtschaft und Forschung zu erhalten. Damit hätte auch diese Art von Arbeit vielleicht ihren Wert im anthropologischen Sinne. Die starke Divergenz von Löhnen zwischen und innerhalb von Realwirtschaft und Finanzbranche kann jedoch auf diese Weise nicht erklärt werden. Marktradikale machen es sich leicht und verweisen auf Preis und Nachfrage. Nur verdrängen diese mächtigen Akteure lediglich, dass der Mensch keine Maschine ist.

Von eher sozial eingestellten Menschen werden nun an dieser Stelle Begriffe wie Relevanz oder Verantwortung eingeführt. Sigmar Gabriel 2007:  „Es ist nicht korrekt, wenn so ein Lokführer, der wirklich viel Verantwortung trägt, 1500 Euro netto bekommt. (…) Wenn die mich mit 300 Sachen durchs Land fahren, möchte ich nicht, dass die sich mit Existenzsorgen quälen.“[2] Leider gibt Sigmar Gabriel im weiteren Text keinen Hinweis darauf, was denn für ihn ein der Verantwortung angemessener Lohn für den Lokführer ist. Allgemein, in vielen Berufen scheint der niedrige Lohn allein durch die leicht zu ersetzenden Arbeitnehmer*innen begründet. Die Liberalisierung des Arbeitsmarktes infolge der Agenda 2010 tat das Übrige. Eine Mixtur aus Existenzangst und Sachzwang zum Unternehmertum[3] bedeutet heute den ultimativen Brennstoff für Niedriglohnsektor und Lohndumping. An dieser Stelle geistert kurz Marx vorbei: „Die Überarbeit des beschäftigten Teils der Arbeiterklasse schwellt die Reihen ihrer Reserve, während umgekehrt der vermehrte Druck, den die letztere durch ihre Konkurrenz auf die erstere ausübt, diese zur Überarbeit und Unterwerfung unter die Diktate des Kapitals zwingt.“[4] Was Marx schon damals beschreibt, stellt heute in abstrahierter Form eine der Haupttriebfedern dar, durch die Endsolidarisierung und  Wettbewerbsdenken innerhalb unserer Gesellschaft weit fortgeschritten sind. Arbeitnehmer*innen verstehen sich nur noch selten als Klasse gemeinsamer Interessen. Dadurch schließt sich der Teufelskreis, denn, wie jede*r Gewerkschaftler*in weiß: „allein machen’se dich ein“.

Je länger der Text wird, desto diffuser wird der Gegenstand. Es wird klar: Es kann keine vollumfänglich zufriedenstellende Definition von Begriffen guter Arbeit und gerechtem Lohn erarbeitet werden. Daraus den Schluss zu ziehen, jegliche Gedanken über den Wert der Arbeit heute seien obsolet, ist jedoch – obwohl oft gezogen – falsch. Das Mandat zur Suche dieser Definitionen und zum Erarbeiten der sich daraus ergebenden Agenda obliegt unseren politischen Führungseliten, insbesondere denen der SPD, deren Wurzeln nicht von ungefähr im Humanismus und Marxismus zu verorten sind. Zwei Weltanschauungen, die einer politischen Fixierung auf bürgerliche Leistungsideologie zutiefst widersprechen. Deshalb ist es wichtig, sich wieder auf sozialdemokratische Wurzeln zu besinnen und ganz grundsätzliche Fragen anzugehen. Was ist soziale Gerechtigkeit heute? Inwiefern korreliert soziale Ungerechtigkeit mit der Ökonomisierung aller Lebensbereiche? Wie stehen wir heute zum Wert von Arbeit? Was sind sozial gerechte Maßstäbe?


[1]http://www.spd.de/scalableImageBlob/82046/data/20121124_pkonv2012_beschluss_ar1_rente-data.pdf. 7.12.12

[2]http://www.stern.de/presse/vorab/stern-interview-gabriel-unterstuetzt-die-lokfuehrer-594760.html. 7.12.12

[3]http://www.mem-wirtschaftsethik.de/fileadmin/user_upload/mem-denkfabrik/Dokumente/Max_Weber_und_der_Sachzwang_zum_Unternehmertum.pdf. 7.12.12

[4]K. Marx, Kapital I.: S. 665.

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One Response to „Leistung muss sich lohnen“…

  1. Benedikt Fischer says:

    Man muss erst die sprachliche Barriere, in die der Autor seine Ausführungen kleidet, überwinden, um zum vermeindlichen Inhalt zu gelangen, der dann trotzdem frei interpretierbar bleiben muss.
    Schade, eine schöne Gelegenheit zur kritischen Betrachtung unseres Verständnisses von Arbeit wurde auslassen.

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