Kritik der Kritik – die aktuelle Debatte zum Antisemitismus

Ein Gastbeitrag von Miriam Duttweiler

Einen Artikel zur Antisemitismus-Debatte? Oh ja, warum eigentlich nicht? Habe mich ja in den letzten Monaten auch ausgiebig damit beschäftigt und würde sowieso gerne mal richtig Dampf ablassen, wo es in diesem Land mitsamt seinen Intellektuellen, Zeitungen und vermeintlichen „Ich hab ja nichts gegen…, ABER“-Behauptungen stinkt.

Wo fange ich jetzt damit an? Was heißt eigentlich Antisemitismus und wo hört er auf? Und warum zur Hölle hat eigentlich JEDE/R eine Meinung zu Israel? Hey, was ist eigentlich deine Meinung zum Kosovo-Konflikt? Wie analysierst du die aktuelle Lage in Nordirland? Wie stehst du im Pakistan-Indien-Konflikt? Wie? Keine Ahnung? Aber hey, was Israel da macht, ist so kriegstreibend und menschenverachtend. Das muss ja mal gesagt werden. Auch wenn in vielen Fällen keine wirkliche oder nur oberflächliche Auseinandersetzung stattgefunden hat.

Ich möchte an dieser Stelle die Diskussion um den Konflikt nicht weiter vertiefen, denn das würde zu weit führen. Zudem musste ich leider die Erfahrung machen, dass sobald ich ansatzweise eine Israel-freundliche Meinung äußere, enormen Gegenwind erfahre und emotionalen Angriffen ausgesetzt werde.

Und genau da fängt meiner Meinung nach schon Antisemitismus an[1]. Bei keinem anderen ethnischen, religiösen oder sonstwas Konflikt auf dieser Welt würde in der Diskussion so die  Fetzen fliegen wie beim Thema Nah-Ost. Das finde ich schon bemerkenswert. Wenn ich in einer Diskussion zwischen gebildeten Menschen den Satz „Nur weil man einmal Opfer war, muss man sich nicht zum Täter machen“ lesen muss und dieser unwidersprochen stehen gelassen wird, läuten bei mir die Alarmglocken. Aber das ist ja klar: Wenn die einstigen „Opfer“ sich nun selbst schändlich machen, dann ist der von den Deutschen begangene Holocaust auch leichter zu ertragen. Frei nach dem Motto „nobody’s perfect‘. Leider habe ich immer wieder mitbekommen, dass „Jude“ in den Schulen wieder ein Schimpfwort ist. Das kann und möchte ich nicht stehen lassen!

Aber, warte mal. Das nervt doch. Immer dieser ständige Antisemitismus-Vorwurf. Ja, das kriegt mensch in letzter Zeit oft zu hören und zu lesen. AntisemitInnen sind nämlich immer die bösen Nazis, weil die ja auch die Juden vernichten wollten, oder? Und nur weil hier jetzt mal Israel kritisiert wird, ist gleich das Geschrei wieder da: „Antisemit!“. Ich sehe hier aber allerdings vor allem eins: moralische Überlegenheit in einem komplexen Konflikt und immer wieder das leidenschaftliche Herumhacken auf Israel als Unruhestifter. Das hat schon was Verschwörerisches. Die Juden als Brandstifter, die dem Iran einfach eine Atombombe unterstellen, damit sie ihre Machtstellung ausbauen können. Dies ist ein klares, judenfeindliches Stereotyp! Aber hey, das muss halt mal gesagt werden. Es gibt ja sonst keine schlimmeren Provokateure auf der Welt, die womöglich einen Krieg anzetteln könnten. Hendryk M. Broder hat mal den schönen Satz geschrieben: „So haben Antisemitismus und Körpergeruch etwas gemeinsam: Stinken tun immer die anderen.“

Ich will nicht schweigen, wenn jemand von Juden als Tätern und nutznießenden Opfern spricht. Ich kann das nicht hinnehmen, wenn Jakob Augstein mit Hingabe ständig auf Israel rumhackt und sogar Israel selbst die Schuld am wachsenden Antisemitismus zuweist und ich will eine unreflektierte und das Existenzrecht Israels absprechende Meinung nicht gelten lassen. Grass spricht von einer Gefährdung des Weltfriedens durch Israel. Das ist mehr als anmaßend den Weltfrieden von einem kleinen, bedrohtem Land abhängig zu machen und nicht etwa von Konfliktfeldern wie Nordkorea oder terroristischen Gruppierungen.

Ich finde, das stinkt! Wehret den Anfängen! Antisemitismus heißt nicht Judenvernichtung. Antisemitismus fängt schon viel früher an. Die Verharmlosung vermeintlicher „Israel-Kritik“ ist furchtbar. Auch angesichts der Studie der FES sollten wir wach werden und erkennen, dass rechte, fremdenfeindliche und antisemitische „Meinungen“ bis in die Mitte unserer Gesellschaft reichen.

Achso, und eins noch: Ja, Israel darf kritisiert werden, aber warum wollen das so viele? Ich fange jetzt mal mit Deutschland-Kritik an.

 

[1] Definition des „European Forum on Antisemitism“:

„Der Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort oder Tat gegen jüdische oder nicht-jüdische Einzelpersonen und / oder deren Eigentum, sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen oder religiöse Einrichtungen.

Darüber hinaus kann auch der Staat Israel, der dabei als jüdisches Kollektiv verstanden wird, Ziel solcher Angriffe sein. Oft enthalten antisemitische Äußerungen die Anschuldigung, die Juden betrieben eine gegen die Menschheit gerichtete Verschwörung und seien dafür verantwortlich, dass „die Dinge nicht richtig laufen“. Der Antisemitismus manifestiert sich in Wort, Schrift und Bild sowie in anderen Handlungsformen, er benutzt negative Stereotype und unterstellt negative Charakterzüge.“

http://www.european-forum-on-antisemitism.org/working-definition-of-antisemitism/deutsch-german/

 

 

 

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One Response to Kritik der Kritik – die aktuelle Debatte zum Antisemitismus

  1. Kritik der Kritik der Kritik says:

    Liebe Miriam,

    du verweist auf die Antsemitismus-Definition des „European Forum on Antisemitism“. Die Definition die du anführst sagt:
    „Der Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort oder Tat gegen jüdische oder nicht-jüdische Einzelpersonen und / oder deren Eigentum, sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen oder religiöse Einrichtungen.
    Darüber hinaus kann auch der Staat Israel, der dabei als jüdisches Kollektiv verstanden wird, Ziel solcher Angriffe sein.“

    Fällt aber zum Beispiel der Staat Israel unter den Begriff der „jüdische Gemeindeinstitutionen“. Dann wäre nach diesem Teil der Definition jegliche Israelkritik zugleich Antisemitismus. Ob Israel ein jüdischer Staat oder der Judenstaat ist, dazu gibt es aber auch in Israel selbst verschiedene Meinungen. Und das geht nicht zuletzt auf die Gründung Israels als Staat der (oder besser für?) Juden und das Buch „Der Judenstaat“ des Zionisten Theodor Herzl zurück.

    Ich finde also, dass du der schwierigen Selbst- und -fremddarstellung/-wahrnehmung Israels in deinen Betrachtungen zu wenig Aufmerksamkeit schenkst, weil ich da den Kern der Debatte sehe, den du leider so nicht ansprichst.

    Wichtig ist doch vor allem die Unterscheidung zwischen dem Handeln des Staates Israel und dem der Juden. In Israel selbst und bei uns genauso. Die Juden handeln genausowenig wie jede andere Gruppe als kollektiv Haftbarmachende. Sobald aber das Handeln Israels als das der Juden verallgemeinert wird, muss mensch meiner Meinung nach von Antisemitismus sprechen. Diesen verallgemeinernden Fehler hat Jakob Augstein gemacht und auch seine Auslassung über die jüdischen Lobbygruppen in Amerika, deren Unterstützung mensch sich vor der Präsident*innenwahl verischern muss, hat natürlich seinen Urspruch im klar antisemitischen Kampfbegriff der „jüdischen Weltverschwörung“.

    Der weitere Text der Definition hilft weiter und spricht genau diesen Punkt an: „Beispiele von Antisemitismus im Zusammenhang mit dem Staat Israel und unter Berücksichtigung des Gesamtkontextes können folgende Verhaltensformen einschließen, ohne auf diese beschränkt zu sein:
    […]Das Bestreben, alle Juden kollektiv für Handlungen des Staates Israel verantwortlich zu machen.“

    Ich finde aber, dass mensch hinzufügen muss, dass der Staat Israel in den Medien oft als Judenstaat, jüdischer Staat oder Staat der Juden bezeichnet wird. Und es gibt auch zahlreiche Beispiele, wo diese Vergemeinsamung von Religion und Staat von prominenten Juden geteilt und propagiert wird. Und gerade diese unsäkulare Selbst-/und Fremddarstellung macht die nicht-antisemitische Unterscheidung zwischen Israel und „den Juden“ schwer und manchmal unmöglich.

    Und dann sollte mensch in dieser Debatte natürlich noch reflektieren, wie diejenigen, die aus Israel heraus Israel selbst als Judenstaat/jüdischen Staat darstellen in dieser Debatte wirken und ob diese Verquickung gar bewusst und interessensgeleitet ist. Aber das sollten dann tatsächlich innerisraelische Debatten sein, in die ich mich nicht einmischen möchte. Aber begrüßen würde ich sie.

    Und schließlich muss ich denjenigen, also auch dir, die diesen Aspekt der Selbst- und -fremddarstellung/-wahrnehmung Israels nicht in die Debatte einbeziehen, eine verkürzte Debatte ohne Vorstoß zu den großen Problemen und Missverständnissen vorwerfen. Immerhin aber muss, wer Israel, aus welchen Gründen auch immer, nicht kritisieren will, das nicht tun. Das ist doch immerhin was. Das musste auch mal gesagt werden und ist dabei politisch noch korrekt.

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