Hunger im Überfluss

– entstanden in Kooperation mit Anaïck Geißel (Vorstandsmitglied der Jusos Stuttgart)

„Es gibt so viele Gründe für den Hunger in der Welt, wie Hände, ihn zu beseitigen: Zwei davon gehören dir.“ (Brot für die Welt)

Du kennst das: Du bist unterwegs – und hast Hunger. Also ein kurzer Snack. Oder doch lieber was „Richtiges“? Vielleicht auch nur ’ne Pommes bei McDonald’s. Andererseits ist da doch auch diese gute Dönerbude um die Ecke. Die Qual der Wahl? Nein, Leben im Überfluss.

Schon mal drüber nachgedacht, wie absurd das ist? Weltweit leiden knapp eine Milliarde Menschen an Hunger. Und du schmeißt deinen Döner weg, weil er kalt geworden ist.

Du kennst das: Du bist unterwegs – und hast Hunger. Du beschließt, heute mal selbst zu kochen (am besten was Gesundes!). Weil dein Kühlschrank aber leer ist, gehst du erstmal in den Supermarkt. Einkaufen. Und natürlich möchtest du Auswahl im Regal vor dir, nicht nur ein Produkt von einer Marke. Du willst Selektion. Die Qual der Wahl? Nein, Leben im Überfluss.

Schon mal drüber nachgedacht, wie absurd das ist? Supermärkte bestellen mehr, als sie verkaufen. Und entsorgen das, was übrigbleibt. Kleines Beispiel: Supermärkte wissen, sie werden nur 5 Tüten Milch verkaufen, bestellen aber 7. Damit das Regal voller aussieht und der/die KundIn nicht das Gefühl hat, es sei nichts mehr da. Und du bist diese/r KundIn.

Du kennst das: Du bist Zuhause – und hast für heute Abend FreundInnen zum Essen eingeladen. Zum Nachtisch willst du Joghurt mit Früchten servieren. Aber als du in den Kühlschrank schaust, siehst du, dass der Joghurt das Haltbarkeitsdatum schon überschritten hat. Also schmeißt du ihn weg. Auch das: Leben im Überfluss.

Schon mal drüber nachgedacht, wie absurd das ist? Das Mindesthaltbarkeitsdatum gibt nicht das Verfallsdatum an. Das heißt, dass Lebensmittel ist auch nach Überschreitung des Mindeshaltbarkeitsdatums noch „verzehrfähig“. Du hättest den Joghurt also ohne Probleme als Nachtisch servieren können. In Deutschland werden pro Kopf jährlich 85kg noch verzehrsfähiger Lebensmittel weggeschmissen. Und du bist einer dieser Köpfe.

Nach einer Studie der Vereinten Nationen(„Global Food Losses and Food Waste“ -http://www.fao.org/docrep/014/mb060e/mb060e00.pdf) gehen weltweit jährlich etwa 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel verloren oder werden entsorgt. Dies entspricht etwa einem Drittel der gesamten weltweiten Jahresproduktion. Allein mit den Lebensmitteln, die in Europa und Nordamerika weggeworfen werden (etwa 115 kg pro Kopf), könnten alle Hungernden der Welt dreimal satt werden. Nach Einschätzung der Initiative „Save Food“ (http://www.save-food.org/index.php) könnten von der weltweiten Produktion etwa 12 Milliarden Menschen ernährt werden, würde dieser Anteil nicht weggeworfen oder vernichtet werden.

40% der Nahrungsmittelverluste in den Industriestaaten unserer Erde bestehen aus völlig genießbaren Lebensmitteln, die von HändlerInnen oder KonsumentInnen aus verschiedenen Gründen entsorgt werden (in Österreich zB sind 6-12% des Abfalls aus Haushalten Lebensmittel). Auf diese Weise werfen die Industriestaaten jedes Jahr etwa 220 Millionen Tonnen genießbarer Lebensmittel weg, was etwa der gesamten Nahrungsmittelproduktion aller afrikanischen Länder südlich der Sahara entspricht.

Um dies einmal zu veranschaulichen: In der gesamten EU werden jedes Jahr rund 90 Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen (allein ein einzelner Supermarkt in Frankreich wirft jedes Jahr rund 500 Tonnen Lebensmittel weg). Dies würde in LKWs geladen etwa einer Kolonne einmal um den Äquator entsprechen. Davon sind etwa 3 Millionen Tonnen Brot. Womit man ganz Spanien ernähren könnte.
Doch wieso ist das so? Warst du schon mal abends Brot kaufen? Große Bäckerei-Ketten haben die Vorschrift, dass ihre Regale bis 18:00 voll befüllt sein müssen. Natürlich wissen sie, dass 80% dieser Ware weggeschmissen werden. Aber sie wissen auch, dass für die VebraucherInnen große Auswahl wichtig ist, und diese sonst vielleicht zur Bäckerei nebenan gehen würden. Wenn du mit dem Brot, das noch übrig ist, zufrieden wärst, anstatt auf deine Baugette zu bestehen, dann wäre das vielleicht anders. Den du bist VerbaucherIn.

Ein besonders krasser Fakt ist auch, dass es in Deutschland Bäckereien gibt, die mit dem Brot vom Vortag heizen. Nein, das ist kein schlechter Witz: Brot hat einen ähnlich hohen Heizwert wie Holz. So sparen die Bäckereien mit rund 4 Tonnen alter Brote etwa 900 Liter Heizöl ein.

Schlimmer noch ist es aber in Supermärkten. Ein Beispiel: In einem Großmarkt in Frankreich werden 8,5 Tonnen Orangen vernichtet, weil mensch sich nicht die Mühe machen möchte, die einzelnen überreifen Früchte aus den Kisten auszusortieren. Hört sich pervers an, oder? Ist aber so. Noch ein Beispiel: Die Milch muss zwei Tage vor Ablauf des Mindeshaltbarkeitsdatums aus dem Regal genommen werden, wenn du also einen Liter Milch kaufst, zahlst du anteilig die Entsorgungskosten des Supermarktes mit. Und: Weil die Entsorgung von Lebensmitteln subventioniert wurde, war es für Supermärkte günstiger, die mehr oder weniger abgelaufenen Lebensmittel zu entsorgen, als diese bspw. zu spenden.

 

Bestimmt hast du schon mal vom Prinzip des „Containerns“ gehört: Leute nehmen noch essbare Lebensmittel aus Mülleimern der Supermärkte und verwenden diese. Nachhaltigkeit findet also in Wahrheit – Überraschung! – nicht innerhalb, sondern außerhalb der Supermärkte statt. Um dem vorzubeugen, sperren die Supermärkte ihren Müll inzwischen weg, machen ihn unzugänglich, damit die Lebensmittel auch garantiert vorschriftsgemäß vernichtet werden.

Aber all dies beginnt schon sehr viel früher: Nämlich bei der Produktion. Ein/eine Bauer/Bäuerin in Deutschland muss bei der Kartoffelernte rund 50 Prozent der Kartoffeln bereits auf dem Feld aussortieren und unterpflügen, da sie nicht dem Industrie-Standard in Form oder Aussehen entsprechen. Bei Tomaten ist es nicht anders: Es gibt Farbtabellen für Früchte. So wird die Farbe einer Tomate per Computer gescannt und diese aussortiert, falls das Rot etwas heller oder dunkler als vorgeschrieben ist.

Und gehen wir noch weiter weg: Ein Großteil unserer Lebensmittel kommt ja nicht von unserem Kontinent oder aus unserem Land, geschweige denn aus unserer Region: Menschen in armen Ländern können sich das Essen nicht leisten, das sie produzieren, weil wir durch Importe die Preise steigern – um es dann anschließend wegzuschmeißen. Das Wegwerfen von Lebensmitteln führt zudem zu einer Verknappung der Güter, so verstärken wir indirekt den weltweiten Hunger. Hilaire Tsimi Zoa von einer Bananenplantage in Kamerun sagt in der Reportage „Taste the Waste“, dass 8% der Ernte schon vor Ort aussortiert würden. Alles, was nicht den Standards entspricht, wird entweder zurückgeschickt oder entsorgt.

Hinzu kommt übrigens noch, dass es in der EU verboten ist, Speisereste und Supermarktabfälle als Tierfutter zu nutzen. Deshalb müssen für Tierfutter 5 Millionen Tonnen Getreide jährlich zusätzlich angebaut werden, was ungefähr der Gesamternte von Österreich entspricht.

Kommen wir noch einmal auf die Müllentsorgung zurück: Bei der Entsorgung von organischem Abfall in Mülldeponien entsteht auf den Halden Methan. Das ist 25-mal so schädlich wie das Treibhausgas CO₂ und entweicht in die Atmosphäre. Bei der Kompostierung von organischem Abfall wäre die Belastung schon deutlich geringer und bei der Verwertung in bspw. einer Biogasanlage kann aus dem Müll sogar noch Energie gewonnen werden. Allein der Lebensmittel-Müll produziert rund 15 Prozent der globalen Methan-Emission. Würde mensch den Lebensmittel-Müll also nur halbieren, würde dies ungefähr ebenso viele Klimagase verhindern, wie die Stilllegung von 50 Prozent aller Autos.

Die Wertschätzung gegenüber unserer Nahrung geht also durch den grenzenlosen Zugang verloren.

Wir haben uns überlegt, was mensch dagegen tun könnte.

Mögliche Lösungen wären, dass sich die Bauern und Bäuerinnen besser vernetzen. Durch gemeinsame Gesellschaften könnten die landwirtschaftlichen Produkte besser vermarktet und die KleinunternehmerInnen konkurrenzfähiger gegenüber den großen Agrarunternehmen werden.

Weil die Mindesthaltbarkeitsdaten heute oftmals zu kurz bemessen sind, müssten diese verlängert werden. Auch das wäre ein weiterer, wichtiger Schritt.

Auf umwelt- und klimaschädliche Produkte sollte eine spezielle Umsatzsteuer eingeführt werden.

Weil aber Veränderung bei jeder und jedem Einzelnen beginnen muss, und damit am meisten getan wäre, müssen wir in den Schulen damit anfangen, über die Konsequenzen unseres verschwenderischen Umgangs mit Lebensmitteln aufzuklären und ein Bewusstsein für nachhaltigen Konsum zu schaffen. Zudem wäre die Einführung eines Veggiedays pro Woche in Schulen und öffentlichen Kantinen, an dem ausschließlich vegetarisches Essen ausgegeben wird, sinnvoll und diesem Zweck förderlich.

Unser Leben im Überfluss basiert auf dem Hungerleiden anderer Menschen. Auf dem Hungerleiden von knapp einer Milliarde Menschen.

Jetzt, wo auch du die Fakten kennst, fange an, bewusster zu essen – und bewusster zu leben. Wenn du das nächste Mal einkaufen gehst, wenn du das nächste Mal Lebensmittel wegschmeißt – dann sei dir der Konsequenzen deines Handelns bewusst.
Denn: „Es gibt so viele Gründe für den Hunger in der Welt, wie Hände, ihn zu beseitigen: Zwei davon gehören dir.“

 

 

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One Response to Hunger im Überfluss

  1. Nach... says:

    … meiner Rechung gibt es sehr viel mehr Hände um den Hunger zu beseitigen als Gründe für Hunger! Die „vielen“ Gründe lenken nur von der fundamentalen Säule des Hunges ab: Kapitalismus. Dahingehend hätte ich mir auch ein bisschen weniger anklagende Du’s im Text gewünscht. Der*Die Einzelne kann nämlich nicht viel alleine auf die Beine stellen. Im Gegenteil, oft hat der einzelne Mensch gar keine andere Wahl als das System zu unterstützen.
    Die Lösung des Problems Hunger sind daher imo keine vielen Hände, wie es die Christen (Brot für die Welt) formulieren Die Lösung ist viel eher die Nahrungsmittelproduktion aus den Klauen profitgeiler Unternehmen zu reißen und die staatliche Kontrolle wieder darüber zu gewinnen.

    lg
    Sonst ist der Text ok und ich fidne es gut, dass ihr über solche Sachen wie Mdhbkdaten aufmerksam macht. Aber nur der letzte, konsequente Gedanke fehlt mir eben, der Appell an den einzelnen Mensch wird mir zu übergewichtet gegenüber dem Appell an die Politik! Hunger wird nicht durch die Methodik von Brot für die Welt überwunden überwunden wenn die Nahrungsmittelproduktion weiter in den Händen von am Profitmaximum orientierten Unternehmen bleibt.

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