Heimatfront

Wie die französische Regierung soziale Probleme zu internationalen machen möchte. 

Und wieder trifft es Frankreich. Der Amoklauf eines (islamistischen) Attentäters in Nizza ist nun schon der dritte radikal-islamistische Terroranschlag in Frankreich in den letzten zwei Jahren. In diesem Zeitraum gab es im restlichen Europa insgesamt gerade mal einen anderen Terroranschlag. In Belgien, dem nördlichen Nachbarn Frankreichs. Frankreich steht im besonderen Fokus der Terrorist*innen- so viel steht fest. Doch wieso ist das so? Präsident Hollande stellte sich noch in der Nacht des Anschlags vor die Kameras und sprach davon, den Kampf gegen den Terror in Syrien noch entschiedener führen zu wollen. Diese Aussage mag sinnig klingen, doch sie zeigt, was im französischen Anti-Terror-Kampf schief läuft.

Ein Sozialist denkt national….

Frankreich ist ein Land mit einer sehr vielschichtigen außenpolitischen Geschichte. Seien es die ehemaligen Kolonien, die die französische Gesellschaft genauso prägen wie die französische Afrika-Politik, oder die tragende Rolle Frankreichs in Bündnissen wie der NATO oder der EU. Frankreich möchte eine friedensschaffende und stabilisierende Kraft im internationalen System sein und dafür, so könnte man meinen, zahlen sie einen hohen Preis.

Dass Francois Hollande am Abend des Anschlags mit seiner Rede primär den Bezug zum Syrien-Konflikt herstellt verdeutlicht, wie wenig er das Phänomen islamistischer Terrorismus verstehen kann oder will. Zu glauben, Terrorismus könne in erster Linie in Syrien bekämpft werden, legt den Schluss nahe, dass Terrorismus in Westeuropa etwas „Importiertes“ wäre, dass Frankreich aufgrund seiner Rolle in der Weltgemeinschaft von pan-staatlichen Organisationen aus dem nahen Osten angegriffen wird. Ein Schluss, der nicht nur brandgefährlich für den politischen Diskurs ist, da er Terrorismus mit Migration verknüpft, was Wasser auf Le Pens Mühlen ist, sondern auch, weil er nachgewiesenermaßen falsch ist.

Wer Wind sät wird Sturm ernten

Um das zu erklären genügt es, sich genau vor Augen zu führen, wer die Menschen sind, die in den letzten zwei Jahren in Frankreich mehr als 200 Menschen im Namen Gottes umgebracht haben. Da wären zuallererst einmal die Brüder Saïd und Chérif Kouachi, sowie Amédy Coulibaly, die drei Attentäter der Charlie-Hebdo-Anschläge im Januar 2015. Die Brüder Kouachi hatten eine unbeschwerte und gute Jugend, ihre Biographien erleiden erst einen Knacks als ihnen bewusst wird, dass sie als schlecht ausgebildete Menschen mit Migrationshintergrund keine Chance in Frankreichs Gesellschaft haben. Erst zu diesem Zeitpunkt werden sie Islamisten. Als sie wegen des Versuches in den Djihad zu ziehen festgenommen werden, kommen sie in Haft. Hier treffen sie Djamal Berghal, einen alten Getreuen Osama Bin Ladens, es ist ihm ein Leichtes die Brüder in den unmenschlichen Haftbedingungen endgültig von der französischen Gesellschaft zu lösen und sie zusammen mit dem „gewöhnlichen“ Kriminellen Coulibaly zu einer aktionsfähigen Terrorzelle zu formen.

Der Kopf hinter den Bataclan-Anschlägen am 13. November 2015, Abdelhamid Abaaoud, hat eine ähnliche Biographie wie die Charlie Hebdo-Attentäter. Aufgewachsen in Belgien, war auch für ihn eine Integration in die westeuropäische Gesellschaft nicht möglich; er radikalisierte sich und zog sich in die Parallelgesellschaften der islamistischen Szene in Brüssel-Moelenbeek zurück. Seine ersten direkten Kontakte zu Terrormilizen im Nahen Osten hatte auch er erst als vollausgebildeter Attentäter.

Auch der Attentäter von Nizza, Mohamed Lahouaiej Bouhlel, war nicht etwa ein rekrutierter Söldner aus dem Nahen Osten, im Gegenteil: Er war ein Franzose tunesischer Abstammung, der sein ganzes Leben in Nizza gelebt hatte. Er war laut Medienberichten Einzeltäter und hat in seiner Heimatstadt getötet. Auch wenn von seiner Biographie zu diesem Zeitpunkt noch wenig bekannt ist, legen Herkunft, Wohnort und das bisher Bekannte nahe, dass auch er in das Muster französischer Terroristen passen könnte. Dass allerdings immer noch nicht klar ist, ob Bouhlels Tat tatsächlich religiös motiviert war zeigt einmal mehr die Kopflosigkeit der französischen Regierung.

Allah? Gott? Jehova? Egal!

Die Biographien zeigen, dass die Menschen, die Europa mit Terror überziehen keinesfalls syrische Märtyrer sind, die bei einer ihrer Mekka-Reisen eine salafistische Erleuchtung hatten; sondern Franzosen, die nicht mehr sein wollten als französische Bürger- aber dies einfach nicht schafften.

Diese Menschen haben Anschläge auf eine Gesellschaft verübt, die sie zurückgelassen hat. Ob sie das im Namen Allahs, Jehovas oder des fliegenden Spaghettimonsters gemacht haben, ist ihnen in letzter Instanz wahrscheinlich egal. Der IS und auch Al-Quaida sind nur Dienstleister, sie bieten Unterstützung und einen Grund, Europäer*innen zu töten. Wenn Präsident Hollande also als Reaktion auf den Anschlag von Nizza den IS in Syrien noch mehr bekämpfen will, ist das gut und richtig, aber es wird die Terrorgefahr in Europa nicht spürbar senken. Um zu verhindern, dass Menschen andere Menschen hier im Namen Gottes töten, muss die europäische Gesellschaft eine sein, die keinen Menschen zurücklässt, integriert statt ghettoisiert und allen Menschen ein gutes Leben ermöglicht. Dafür brauchen wir keine Waffen, dafür brauchen wir Mut.

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One Response to Heimatfront

  1. Dibar says:

    Franzose? Nein, Tunesier!
    Warum ungeprüft einfach eine Falschmeldung „verarbeiten“?
    Arbeitet so ein redlicher Journalist?

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