Gleichstellung leben!

 

“Feminismus? Brauch’ ich nicht”, bekomme ich zu hören, wenn ich versuche, mit Gleichaltrigen über Gleichstellung zu reden. “Emanzipiert sind wir doch schon lange!” sagen meine Freundinnen – und: “Diese FeministInnen sind doch alle nur Kampfemanzen!”.

Daraus lässt sich nur schließen, dass eine Generation heranwächst, die die Gleichstellung von Frauen und Männern quasi als erledigt erachtet und die Gleichberechtigung und Gleichstellung gleichzusetzen scheint. Eine Beobachtung, die ich besorgniserregend finde.
Doch woran liegt das?

Wir Jusos sind ein feministischer Richtungsverband, geschlechtersensible Sprache ist bei uns Standard – oder sollte es zumindest sein -, sexistische Äußerungen scheinbar verpönt und quotierte Redelisten die Regel.
Weil aber auch in unserem betont antisexistischen Verband längst nicht alles so feministisch abläuft, wie wir behaupten, glauben, meinen oder uns wünschen, beschäftigen wir Juso-SchülerInnen uns seit unserer letzten Bundeskonferenz intensiv mit dem Thema Gleichstellung, im Besonderen aber mit Fokus auf “Gleichstellung in der Schule”. Wir haben eine Projektgruppe Feminismus ins Leben gerufen und eine Facebookpage erstellt mit dem Titel “Wer braucht schon Feminismus”, auf der wir zur Diskussion anregen und die Menschen bitten, uns zu sagen, weshalb sie Feminismus brauchen.

Aber es reicht nicht, dass wir uns mit dieser Thematik auseinandersetzen. Wie können wir es schaffen, Feminismus bzw. Gleichstellung wieder zu einer “coolen Sache” zu machen? Wie erreichen wir junge Menschen? Wie können wir Mädchen und jungen Frauen darauf vorbereiten, dass sie spätestens im Berufsleben auf die Barrieren treffen werden, die ihnen bisher nicht begegnet sind, weil sie ihnen schlichtweg nicht aufgefallen sind, aufgrunddessen, dass diese Barrieren als selbstverständlich und nicht als geschlechtsspezifisch wahrgenommen werden? Wie können wir gesellschaftlich etablieren, das es vollkommen normal ist, als Mann in Elternzeit zu gehen?

 

 

Wie schaffen wir es, dass junge Menschen mit Feminismus nicht mehr nur Alice Schwarzer, vermeintliche Emanzen und ein vergangenes Jahrhundert verbinden?

Wir müssen dort anfangen, wo junge Menschen lernen. Auf den Schulhöfen, wo Sexismus Alltag ist, in den Schulen, wo MathelehrerInnen, wenn es um räumliches Denken geht, sagen “Da hätten wir dann wieder das typische Problem mit den Chromosomen”, bei der LehrerInnenausbildung, wo die klassischen Rollenbilder immer noch existieren – kurz: Wir müssen bei der Bildung ansetzen. Da, wo die Menschen ausgebildet werden, die später unsere Gesellschaft mit all ihren Werten und Vorstellungen prägen werden.
In manchen Schulen gibt es bereits Gleichstellungsbeauftragte. Aber das reicht nicht aus, da diese oft nur pro forma existieren und nicht präsent in der Schulgemeinschaft sind.
Die Geschichte und Entwicklung des Feminismus muss im Unterricht eine größere Rolle spielen und es muss mehr Raum sein für Diskussionen über Gleichstellung aus heutigen Gesichtspunkten. In Schulen sollte geschlechtersensible Sprache Standard werden, von den Unterrichtsmaterialien bis zu den Lehrenden, denn unsere Sprache verändert unser Denken und unser Denken beeinflusst unser Handeln. In der Schule müssen die veralteten Rollenbilder aufgebrochen werden, weg von der einseitigen Darstellung von sog. Frauen- und Männerberufen, weg von veralteten Klischees – und hin zu neuen Wegen.
In Schulen sollten Projekte zum Thema Gleichstellung stattfinden, Podiumsdiskussionen und Aktionen. Weil es aber nicht darum gehen sollte, die Zweigeschlechtergesellschaft zu reproduzieren, muss sogenannten “alternativen Lebensentwürfe” Raum geboten werden, Lebensentwürfen weit ab von Mann und Frau.
Nur wenn Gleichstellung gelehrt wird, wenn sie “normal” wird, wenn sie Querschnittsthema ist, wird sie auch gelebt werden. Nur wenn wir so früh wie möglich damit anfangen, werden die BürgerInnen von Morgen ein neues Verständnis von Geschlechtern, eine neue Vorstellung von Familie und Beruf, eine neue Vision für ihr Leben mitbringen, eine Vision für ein selbstbestimmtes Leben, das befreit ist von der Reduzierung auf Geschlechterrollen.

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