Gegenwelt

von Julia Lück, stellv. Landesvorsitzende der SJD – Die Falken Baden Württemberg

Unsere Gesellschaft ist geprägt von Leistungs- und Konkurrenzdruck. Das bekommen auch schon die Jüngsten zu spüren. Jahrzehntelange vorangetriebene neoliberale Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik hinterlässt mehr als nur Spuren, sie durchzieht und bestimmt unser aller Leben – von klein auf. Die Umstände, die uns prägen, zu erkennen, sich ihnen entschieden entgegen zu stellen, Alternativen aufzuzeigen und diese schließlich auch zu leben – das muss der Anspruch einer emanzipatorischen linken Bewegung sein.

Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt

Kein Tag vergeht ohne neue Meldungen im Kontext der Finanz- und Wirtschaftskrise, die gerne auch als „Schuldenkrise“ betitelt wird. Nun sind Sprache und Denken eng verbunden, weshalb der Begriff Schuldenkrise eine ganz bestimmte Erklärung für die Krise impliziert. Der Ausdruck verspricht zugleich die Lösung. Wenn Schulden verantwortlich für die Krise sind, dann erledigt sich diese, wenn nur die Schulden abgebaut würden. Sparen, Verzicht und Maß halten – weil wir dies in den letzten Jahren versäumt haben, sind wir verantwortlich für die Misere. Was der Begriff, genauso wie der der Finanz- und Wirtschaftskrise, nicht impliziert oder sogar bewusst zu verschleiern versucht, ist, dass die Probleme viel tiefer liegen. Es ist nicht allein das Gerüst, das wackelt und einfach wieder stabilisiert werden muss – nein, es ist bereits das Fundament, das faul ist.Im Kampf um gesellschaftliche Deutungshoheit sind Begrifflichkeiten ein ganz Element, denn sie bestimmen Denken und in der Konsequenz daraus auch Handeln. Konservativen und Neoliberalen ist es in den vergangenen Jahrzehnten besser gelungen, die Begrifflichkeiten ihrer Diskurse durchzusetzen und gesellschaftlich zu verankern, auch indem sie linke Begrifflichkeit mit Angst- und Verlustvisionen belegt haben. Das reicht von der Diffamierung der Gemeinschaftsschule als Einheitsschule, bis hin zur permanenten Gleichsetzung von Sozialismus mit einem Abkehr von Wohlstand und Freiheit.

Das Kind beim Namen zu nennen, ist darum dringend notwendig. Wir befinden uns im Kapitalismus und das impliziert weit mehr als eine vorrübergehende Dürreperiode, denn Krisen sind diesem System immanent. Selbst der Begriff Kapitalismuskrise kann an dieser Stelle insofern fehlleiten, als das er impliziert, dass es Lösungen für die Krise im Rahmen des Kapitalismus gibt. Wir müssen die Kapitalismuskrise aber als Metakrise verstehen, die alle gesellschaftlichen Lebensbereiche erfasst hat: Demokratie, Ökologie, Ökonomie. Diese Metakrise kann deshalb nur überwunden werden, wenn der Kapitalismus überwunden wird.

Individuelle Lebensentscheidungen?

Das bestehende System trägt ganz bestimmte Erwartungen an uns heran und lässt uns für die Gestaltung unseres Lebens nur wenig Spielraum, auch wenn uns permanent etwas anderes suggeriert wird. Uns stehen alle Möglichkeiten offen: Es liegt an uns, diese Chancen zu ergreifen. Tun wir dies nicht, ist das Versagen auch unsere eigene, individuelle Schuld. Die Angst vor dem Versagen, sowie die Unsicherheit unserer Zeit macht uns dabei gefügig. Erfolg zu haben, ist an bestimmte Bedingungen geknüpft. Eine davon ist es, zu akzeptieren, dass der eigene Erfolg immer zugleich der Misserfolg anderer ist. Denn es ist nicht genug Platz für alle an der Spitze. Um da hin zu kommen, braucht es deshalb Zielstrebigkeit, Disziplin, Bereitschaft zu Mobilität und Flexibilität.

Diese Zauberworte des Neoliberalismus lassen sich vor allem übersetzen mit „Druck und Konkurrenz“, mit denen schon Kinder und Jugendliche heute sehr früh in Berührung kommen. Neben Englischunterricht im Kindergarten, Nachhilfe für Grundschüler*innen, G8 oder dem Aneinanderreihen unbezahlter Praktika gibt es noch unzählige weitere Beispiele dafür, welche absurden Formen heute die “Bildung” und “Freizeitgestaltung” von Kindern und Jugendlichen angenommen hat. All dies dient allein dem Zweck, besser zu sein als die anderen, um sich später auf dem Arbeitsmarkt durchsetzen zu können. Bildung wird allein darauf reduziert, solche Fähigkeiten und Fertigkeiten zu erlernen und zu trainieren, die später zum gewünschten Erfolg führen, bzw., und das ist in der heutigen Zeit vielleicht noch bestimmender, vor dem Misserfolg bewahren. Kapitalistische Verwertungslogik ist der Herausbildung von Individualität und Persönlichkeit schon lange vorne angestellt. Ein Garant für die Vermeidung des Misserfolgs ist das erfolgreiche Durchlaufen dieses Bildungssystem trotzdem nicht. Ulrich Beck nennt es „extrafunktionale Hintergrundkriterien“ – Auftreten, Beziehungen, Sprachfähigkeit und Loyalität – womit der Fahrstuhl-Effekt nach unten verhindert werden soll.

An dieser Stelle spannt sich ein dem Neoliberalismus sehr eigener Widerspruch auf, nämlich der zwischen Individualität und individueller Verantwortung. Individualität ist in genau dem Maße erwünscht, wie es dem wirtschaftlichen Handeln zugutekommt. Individualität im Lebenslauf bedeutet die Einzigartigkeit der Zusatzqualifikationen, Praktika oder Auslandsaufenthalte. Auch Individualität im Konsum ist etwas, das vom System durchaus erwünscht ist. Individualität, die darüber hinaus aber in Konflikt tritt mit den Erwartungen von Wirtschaft und Arbeitswelt, wird zum Problem und ist deshalb unerwünscht. Es liegt also in unserer individuellen Verantwortung, unsere Individualität in dem Maße zu gestalten, dass die Wirtschaft uns in die Stelle einpassen kann, wo wir ihr nützlich sind.

Das wiederum hat verehrende Konsequenzen für unser gesamtes gesellschaftliches Zusammenleben. Dass Unterschiede nur in einer gewissen Spannbreite akzeptiert werden und dass die existierenden Unterschiede dann auch in irgendeiner Weise nützlich sein müssen, gipfelt in der Konsequenz in Ab- und Ausgrenzung, Mobbing bis hin zu Fremdenfeindlichkeit.

Für eine emanzipatorische Kinder- und Jugendbildung

Der Einfluss dieses gesellschaftlichen Denkens hat bereits entscheidende Auswirkungen auf das Leben von Kindern und Jugendlichen, die früh an die kapitalistische Verwertungslogik gewöhnt werden. In dieser werden Menschen entsprechend ihrer Leistungsfähigkeit eingeteilt, gelten dann als mehr oder weniger wertvoll für die Gesellschaft. In der Regel bekommen Kinder das bereits bei der Entscheidung für die weiterführende Schule das erste Mal deutlich zu spüren. Die Ausrichtung des Bildungssystems auf neoliberale Bedürfnisse zeigt sich aber auch darüber hinaus. Die Verkürzung der Schulzeit und des Studiums gehen einher mit dem Zuschnitt der dort vermittelten Inhalte auf solche, die in der Wirtschaft gebraucht werden. Dies geschieht unter enormen Leistungs- und auch Zeitdruck, was dazu führt, dass Kindern und Jugendlichen zunehmend die zeitlichen Freiräume genommen werden, die sie brauchen, um sich selbst kennen zu lernen und zu entdecken. Selbst über das zu entscheiden, was man lernen, wie man leben und seine Zeit verbringen will, ist für Kinder und Jugendliche heute keine einfache Aufgabe.

Dabei sind Bildung und Aufklärung doch ursozialdemokratische Ideale. Sie sollten allerdings nicht allein dem Zwecke wirtschaftlichen Aufstiegs dienen sollten, sondern immer mit emanzipatorischem Anspruch verbunden sein, die Ausbildung von Persönlichkeit und Individualität zu ermöglichen, aber auch zum solidarischen Gemeinschaftswesen und kritischem Kopf zu erziehen. Der Ellenbogen-Mentalität unserer Gesellschaft muss entgegen gehalten werden. Eine Bildung, die Persönlichkeitsentwicklung ermöglichen will, braucht Freiräume, in denen es möglich ist, sich frei von Druck auszuprobieren, um die eigenen Stärken und Schwächen zu erkennen und Wege zu finden, mit ihnen umzugehen.

Die Gruppe macht’s

Es braucht solche Freiräume auch, um in der Gemeinschaft Solidarität zu lernen, indem Solidarität gelebt wird. In einer zunehmend individualisierten Welt, in der Flexibilität und Mobilität die Schlagwörter der modernen Arbeits- und Lebenswelt sind, ist es kein einfaches Unterfangen dauerhaft feste freundschaftliche aber auch familiäre Beziehungen aufzubauen und zu halten.

Der Kinder- und Jugendverband der „Sozialistischen Jugend Deutschlands – Die Falken“ blickt bereits auf eine über hundertjährige Tradition zurück und hat dieser Vereinzelung etwas entgegen zu setzen: Die Arbeit in Gruppen ist von Beginn an zentrales Organisationselement für alle Altersgruppen im Verband. Wie wertvoll die Gemeinschaft der Gruppe ist, lässt sich gerade vor dem hier skizzierten Hintergrund leicht erkennen. Die Gruppe dient als Bezug, als Raum zum Austausch, als Freiraum zum Entdecken. In der Gruppe übernehmen alle Verantwortung – für die Gruppe und füreinander. In der Gruppe kann voneinander und gemeinsam gelernt werden – miteinander, nicht gegeneinander. Im konservativen Diskurs werden solche Ansätze, die die Gemeinschaft auf diese Weise betonen, gerne mit ‚Gleichmacherei‘ abgetan. Und auch hier zeigt sich wieder, wie durch sprachliche Umdeutung negative Assoziationen erzeugt werden, indem wichtige Kernideen einfach ignoriert werden. Stattdessen stellt sich die Gruppe zwar dem Einzelkämpfer*innentum entgegen, ermöglicht gleichzeitig aber eben auch die individuelle Entwicklung mit dem Erkennen von Stärken und Schwächen, die ihren Platz in und für die Gruppe finden. Gemeinschaftlich kann in der Gruppe auch erkannt werden, wie stark sich die Lebenssituationen aufgrund der gesellschaftlichen Umstände doch ähneln. In der Gruppe wird es möglich zu erkennen, dass die äußeren Umstände der kapitalistischen Gesellschaft auf unser aller Leben ähnlich wirken und dass die uns so oft suggerierte individuelle Verantwortung beim Ergreifen oder Verpassen von Chancen eben gar nicht so individuell ist, sondern immanent für ein System, welches darauf beruht, dass es nur wenige geben kann, die entsprechend dieses Denkens, alles richtig machen und es “nach oben“ schaffen.

Bei den Falken hat sich der Begriff der Gegenwelterfahrung zusammen mit der Idee der Gruppe entwickelt, um zu beschreiben, welchen Zweck der Zusammenschluss in der Gruppe hat. In der Gruppe soll es möglich sein, zu erfahren, dass es eben auch anders geht. Dass es so etwas wie Alternativlosigkeit nicht gibt und dass Freundschaft besser ist als Konkurrenz. Dass es kein richtiges Leben im Falschen geben kann, mag stimmen. Aber auch das richtige Leben muss gelernt werden. Damit können wir schon mal anfangen. In der Gruppe. Gemeinsam. Freundschaftlich. Solidarisch.

 

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3 Responses to Gegenwelt

  1. Tim O. says:

    „Neben […] gibt es noch unzählige weitere Beispiele dafür, welche absurden Formen heute die “Bildung” und “Freizeitgestaltung” von Kindern und Jugendlichen angenommen hat.“

    Da muss unbedingt mehr drüber diskutiert werden. Ich weiß momentan nicht genau, wie die Bildungslandschaft in BaWü aussieht, doch gerade in NRW sterben mittlerweile die Anbieter von Freizeitmöglichkeiten für Kinder und Jugendliche weg. Kinder und Jugendliche haben aufgrund G8 keine Möglichkeit mehr die Angebote wahrzunehmen. Die Sportvereine, Jugendgruppen, etc sind es jedoch, die Werte vermitteln. Werte, die dringend wieder mehr vermittelt werden müssen, in einer Ellenbogengesellschaft wie unsrer.

    Fragen, die wir uns stellen müssen, sind unter anderem: Wie kann Freizeitgestaltung Jugendlicher in Zeiten von G8 fortgeführt werden? Wie können Verbindungen zwischen Vereinen und Schulen gebunden werden? Wenn ich mir das ansonsten asoziale Bildungssystem der USA ansehe, dann sitzen die SchülerInnen da auch den ganzen Tag in der Schule(wie mittlerweile bei uns auch), jedoch gibt es da AGs, in denen sie sich körperlich und seelisch beschäftigen können.

    Da ist nämlich der Haken. Die SchülerInnen werden auf Leistung gedrillt, doch immer mehr Unternehmen erwarten gesellschaftliches Engagement, Austausche, … . Da können nur die Kinder von wohlhabenden Eltern mitmischen. Gesellschaftliches Engagement jedoch. muss allen zur Verfügung stehen.

    Rise Up!

  2. Hannes Keune says:

    Liebe Genoss*innen!

    Erst einmal vielen Dank für euren Blog, den ich bisher sehr gelungen finde. Am obrigen Beitrag muss ich dennoch etwas herummäkeln. Nicht der Neoliberalismus, sondern der Kapitalismus in seiner Totalität besorgt die vollendete Systemintegration des Individuums. Es sind die ureigensten Zwänge der bürgerlichen Gesellschaft – Zwang zur Kapitalakkumulation/Profitmaximierung, Arbeitszwang usw. -, die den psychischen Apparat des Individuums so zurichten, dass es sich reibungslos in den Gesamtzusammenhang „Kapitalismus“ einfügt. Der Neoliberalismus ist da bestenfalls eine bestimmte Form oder Weise der Integration des Einzelnen ins Kollektiv. In Anlehnung an ein Zitat von Max Horkheimer: „Wer vom Kapitalismus nicht sprechen will, soll vom Neoliberalismus schweigen.“

    Viel Erfolg weiterhin,

    Hannes aus Göttingen

  3. Julia Lück says:

    Lieber Hannes,
    vielen Dank für deinen Beitrag, auch wenn ich deine Anlehnung an das Originalzitat von Horkheimer “Wer vom Kapitalismus nicht sprechen will, soll vom Faschismus schweigen.” eher kritisch hinterfragen würde.
    Aber natürlich ist der Kapitalismus das zugrunde liegenden Übel, darin stimme ich dir völlig zu. Dennoch benutze ich den Begriff des Neoliberalismus in dem Zusammenhang meines Artikels durchaus bewusst und nicht nur als verschleierndes Synonym oder schnell daher gesagten Kampfbegriff, wie das ja tatsächlich häufiger zu beobachten ist. Durch die Verwendung des Begriffs Neoliberalismus möchte ich insbesondere auf Entwicklungen der letzten Jahrzehnte hinweisen, die sich im Zuge ausgeweiteter Deregulierungs- und Liberalisierungspolitik verstärkt auf die allmächtigen Kräfte des Marktes konzentrierten und gesellschaftliche Steuerungs- und Sicherungsmechanismen immer weiter einschränkten. Für das Individuum bedeutet das das natürlich immernoch genauso, dass es seine Arbeitskraft verkaufen muss, um zu überleben. Allerdings unter veränderten Vorzeichen, denn es ist nicht mehr Teil einer in der Fabrik arbeitenden Masse, sondern muss sich vielmehr als Einzelkämper*in durch „Flexibilität und Mobilität“ gegen alle anderen durchsetzen. Der Druck dazu hat enorme Konsequenzen auf unser Zusammenleben, worauf ich mit meinem Beitrag hinweisen wollte.
    Sozialistische Grüße
    Julia

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