Finanzmarktregulierung und dann ist alles gut?

In Zeiten der Finanzkrise, zusammenbrechender Banken und Rezessionen ist es schwierig, die Alternativlosigkeit des kapitalistischen Systems zu rechtfertigen. Doch eine drastische Kritik am Kapitalismus selbst ist parlamentarisch (inkl. der sogenannten „Linkspartei“) wie massenmedial nur eine kurzzeitige Tendenz gewesen. Zwei Entwicklungen sind in der öffentlichen Debatte zur Vermeidung von Kritik am Kapitalismus zu beobachten. Einerseits wird relativ offen über die Probleme des Finanzkapitalismus gesprochen. Andererseits ist nach dem Aufbrechen der Finanzkrise nun eine Verschiebung des Diskussionsfokus hin zu einer sogenannten Schuldenkrise von Staaten zu beobachten. Beide Ansätze kritisieren nicht das kapitalistische System an sich, sondern wollen die Krise als entsprechende Fehlentwicklungen innerhalb einer an sich funktionierenden Wirtschaftsordnung debattieren.

Eine besonders interessante Entwicklung ist es, die derzeitige Krise des Kapitalismus in einem Kontext außerhalb umfassender Kapitalismuskritik zu diskutieren und von einer Krise des „Finanz“-kapitalismus zu sprechen. Dieses Hinzufügen des Suffix „Finanz“ suggeriert, dass die derzeitigen Probleme „nur“ auf eine bestimme Form des Kapitalismus zutreffen. Damit einher gehen Kritiken an gierigen Banken, Hedgefonds und teilweise sogar an Deregulierungspolitik im Rahmen neoliberaler Konzeptionen in den letzten 20 Jahren. Zwei Hauptthesen werden in diesem Argumentationskontext artikuliert.

 I          Der Finanzkapitalismus ist eine neue Entwicklungsstufe des kapitalistischen Systems.

II         Die derzeitige Krise hätte mit einer strengen Regulierung der Finanzmärkte verhindert werden können und würde mit einer Umsetzung von Regulierungskonzepten in Zukunft vermeidbar sein.

 Beide Thesen sind falsch. Vielmehr haben wir es derzeit weder mit einer noch nie da gewesenen Krise zu tun noch mit einer neuen Entwicklung innerhalb des kapitalistischen Produktionsprozesses. Sie sind notwendiger Bestandteil des Kapitalismus selbst.
Wird die einfache wie populäre Kritik am „Finanz“-kapitalismus geäußert, dass Finanzspekulationen entkoppelt von der Realwirtschaft existieren, so wird den Finanzprodukten unterstellt, dass ihnen keine solche reale Produktion gegenübersteht. Aber eine Beschaffung von Geldkapital zu einem Zins für Unternehmungen, die letztlich immer irgendwie spekulativ auf die Zukunft ausgerichtet sind, war schon zu und auch deutlich vor Marx‘ Zeiten völlig normal. Der entwickelte Kapitalismus muss auf Geldkapital und „Spekulation“ zurückgreifen, denn schon allein durch die Notwendigkeit immer größerer Investitionen in kostenintensive Produktionsmittel besteht wiederumder Zwang zur Kooperation verschiedener Kapitaleigner*innen.

Grundsätzlich gilt, dem einzelnen Geldkapitalisten mag es noch von Bedeutung und Interesse sein, wo sein Kapital angelegt und verzinst wird. Dem Geldkapital selbst ist es in seiner gesellschaftlichen Funktion nicht mehr. Hier spielt allein die erreichte Verzinsung eine Rolle. Es kommt zu einer Entwicklung der Verselbstständigung des Kapitals in der Produktion, in der die Rolle eines „aktiv“ in das Geschehen eingreifenden Kapitalisten nicht mehr notwendig ist. Das „Management“ übernimmt stattdessen die Funktion der Direktion der Produktionsabläufe vollständig.[1] Aus der Kombination dieses Prozesses und der Notwendigkeit des Einsatzes immer größerer Kapitalmengen im fortgeschrittenen Produktionsprozess ist es ein logischer Schritt, dass auch die Fondsverwaltung von Geldkapital erfolgt. Der Geldkapitalist muss die Entscheidung seiner Investitionslage nicht mehr selbst treffen. Diese Form der Anlage von Geldkapital wird im Investmentfonds verwirklicht. Marx Ausführungen zu den Geschäften der Banken und die Nutzung von Fondsgeldern für Großanlagen, bzw. Spekulationsobjekten wie den Panamakanal[2] sind direkte Vorstufen von Investment- und Hedgefonds.

Der entscheidende Punkt ist hier aber nicht die Gleichheit der Benennung und Ausgestaltung der Finanzprodukte. Entscheidend bleibt das Prinzip des Geldkapitals, quasi aus der Luft Geld direkt in mehr Geld zu verwandeln. Wie geht das? Die Möglichkeit Kreditgeschäfte und Geldverleihung zu tätigen ermöglicht es aus derselben Geldmenge eine ganze Kette von Schuldverhältnissen aufzubauen.[3] Das Leihen von Geld und Bezahlen einer Schuld mit ihm, woraufhin das gezahlte Geld wieder eine weitere Schuld begleicht usw., führt zu einer Vervielfachung der einzelnen Geldmenge, ohne dass es tatsächlich mehr werden würde. Aber die Geldmenge vervielfacht sich nur fiktiv. Die Zerbrechlichkeit dieses Konstruktes ist offensichtlich. Fällt ein(e) Schuldner*in aus, so muss es zu einer Kettenreaktion kommen und eine entsprechende Krise wird ausgelöst. Dazu kommen fiktive Geldwerte auf dem Aktienmarkt, z.B. durch den Handel der Aktien nach der eigentlichen Ausgabe der Aktien zur Gewinnung von Kapital für Investitionen. Es kommt zu einer Trennung von Geldkapital und wirklichem Kapital.[4] Die an der Börse gehandelten Aktien sind zwar Titel auf in der Produktion angelegtes Kapital (und unter Umständen der daraus zu erwartenden Dividende, also Mehrwertabschöpfung).

Aber als Duplikate, die selbst als Waren verhandelbar sind und daher selbst als Kapitalwerte zirkulieren, sind sie illusorisch, und ihr Wertbetrag kann fallen und steigen ganz unabhängig von der Wertbewegung des wirklichen Kapitals, auf das sie Titel sind.[5]

Vermeintlichte Sicherheiten und Geldkapital sind nun abhängig von Marktschwankungen, wie eine normale Ware. Krisenzeiten entstehen immer dann, wenn tatsächlich Geld benötigt wird und fast alle Anleger*innen dieses Geld auf einmal bekommen müssen und/oder wollen. Dies erfolgt aus dem Grund, weil ihnen die Fiktivität ihrer Wertpapiere plötzlich bewusst wird oder Schuldnerausfälle zu Problemen auf dem Kreditmarkt führen und es nun entsprechend zu Kettenreaktionen und Misstrauen kommt.

Hört sich alles etwas nach Schneeballsystem an? Ist es teilweise auch. Das Gesamtsystem wird vor allem durch Überproduktion und Schwindel auf den Finanzmärkten erreicht.[6] Diese Krisen auf den Aktienmärkten und der Abkopplung der realen Märkte von Spekulationen mit den daraus resultierenden Folgen ist z.B. bei den Immobilienblasen vor der Finanzkrise offensichtlich. Es mussten Waren abgesetzt werden, für die es keine KäuferInnen gab. Dies wurde über Kredit finanziert. Irgendwann musste dieses Konstrukt aufgrund ausbleibender Rückzahlungen zusammenbrechen. Was bis 2009 über den Finanzmarkt durch Immobilienspekulationen und Konsumkreditvergaben versucht wurde, nämlich die Überproduktion abzufangen und das System weiterhin am Laufen zu halten, verursachte in Marx‘ Beispiel von 1847 „die kolossale Marktüberführung und der grenzenlose Schwindel im ostindischen Warengeschäft“.

Marx‘ grundsätzliche Haltung zu diesen spekulativen Entwicklungen im Kapitalismus und ihre Eindämmbarkeit war dabei recht eindeutig, „Unwissende und verkehrte Bankgesetzgebung […] kann diese Geldkrise erschweren. Aber keine Art Bankgesetztgebung kann die Krise beseitigen.“ Warum sollte das so sein? Einfach Antwort: Diese Krisen durch Überproduktionen, Spekulationen und mangelnden Anlagemöglichkeiten von Geldkapital (zu einem entsprechenden Zinssatz auf Basis realer Produktion) führen zwingend zu einer notwendigen Krisenhaftigkeit des kapitalistischen Systems, die von ihm nicht zu lösen ist. Kapitalbeschaffung wäre überhaupt nicht mehr so möglich, wie es für einen entwickelten Kapitalismus notwendig angelegt ist, wenn diese Entwicklungen abgeschafft werden sollten.

Denn der Ruf nach einem regulierten Kapitalismus gleicht unter diesen Bedingungen dem Ruf nach dem Rückschritt in andere Produktionsformen, die schlicht nicht mehr der Zeit entsprechen. Die Deckung jedes Geschäftes durch „realen Geldwert“ (den es schon gar nicht gibt, aber das ist ein anderes Thema), käme dem Zins- und damit Finanzspekulationsverbot des Mittelalters gleich. Ohne diese Spekulationen funktioniert aber kein entwickelter Kapitalismus. Die Verwerfungen und Krisen des Kapitalismus sind diesem System durch das Gesetz der zunehmenden Kapitalakkumulation selbst immanent. Es gibt damit keinen „guten“ oder „regulierten“ Kapitalismus, in dem solche Probleme keine Rolle mehr spielen.

Die Notwendigkeit der Anlage von Geldkapital, die Möglichkeit von Kredit und die Problematik von Überproduktion führen notwendig immer wieder zu einer Spirale von Verwerfungen. Der Zyklus Aufschwung – Überhitzung – Krise beginnt immer wieder von vorn und fordert die entsprechenden Opfer. Zwar mögen Regulierungen und soziale Abfederungen als Anpassungsmaßnahmen innerhalb des Kapitalismus stattfinden. Die Grundprobleme bleiben aber bestehen und werden entweder vertagt (USA) oder regional auf Kosten der Nachbarn und „KonkurrentInnen“ im internationalen „Wettbewerb“ weitergereicht (Deutschland). Die Lösung des Krisenproblems kann nicht in regulierenden Eingriffen am kapitalistischen System liegen. Allenfalls ein „auf Anfang setzen“ durch drastische Entschuldung ist möglich. Doch sind (Finanz-)Krisen und Kapitalismus insgesamt nicht zu trennen. Eine Aufhebung der Finanzkrisenproblematik kann notwendig, ob gewollt oder nicht, nur mit dem viel verrufenen Angehen der „Systemfrage“ einhergehen.


[1] Marx, Karl: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Hrsg.: Friedrich Engels,  Dietz Verlag Berlin (3 Auflage, 1953), Band III, S.422.

[2] vgl. Marx: Das Kapital III S.480.

[3] vgl. Marx: Das Kapital III S.515ff.

[4] Marx: Das Kapital III S.520.

[5] Marx: Das Kapital III S.521.

[6] Marx: Das Kapital III S.532ff..

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One Response to Finanzmarktregulierung und dann ist alles gut?

  1. Klaus-Henning Kluge says:

    Lieber Mark,

    wie die Fußnoten und deine Wortwahl offenbaren, hast du dich reichlich bei Karl Marx bedient. Und innerhalb dieses unbeschreiblich anspruchsvollen Kosmos umschreibst du die Probleme eines kapitalistischen Systems und seine konsequenten Folgen. Nur eigentlich hätte ich mir mehr erwartet als gelehrte Reflektion des Kapitals. Das ist schön, gut und in manchen Kreisen sicher nützlich. Aber es fehlt die Punchline.
    Du stellst die provokante Frage „Finanzmarktregulierung und dann ist alles gut?“ und beantwortest sie mit marxscher Analyse. Dabei wäre diese nicht nötig; nicht in dieser Form. Einfache Fragen wie „Gibt es ein unendliches Wachstum?“, oder besser noch: „Kann es immer mehr geben?“ würden genügen, die Irrsinnigkeit dieses Systems klarzmuachen. Du gelangst sodann als konsequenter Marxist an die Systemfrage, bleibst die Beantwortung aber an dieser Stelle schuldig. Und diese Antwort findet sich auch nicht bei Marx. Sie liegt vor uns, nicht hinter uns. Und auch wenn Strukturmerkmale und damit die marxsche Analyse heute wie damals stimmen mögen, ist die Antwort damals wie heute falsch.

    Politischer Dissens kann sich nur bei der Systemfrage bilden. Es kann in unserer heutigen Zeit keiner ernsthaft die negativen Folgen des Kapitalismus verneinen: Ungleicher Wohlstand, mehr noch: Armut als Strukturmerkmal des Kapitalismus: als notwendige Bedingung; Umweltzerstörung; ganz zu schweigen von den Folgen der Geisteshaltung des Kapitalismus, die absurde Idee Reichtum anzuhäufen, die Idee vom undendlichen Mehr, die Verneinung von Genügsamkeit.

    Nur die Alternative ist vollkommen unklar. Welches System soll die Gier des Menschen befrieden? Kann es Gleichheit geben ohne Zwang? Welches System sorgt für Wohlstand? Wohin können wir gehen ohne alles Erreichte über den Haufen zu werfen? Oder müssen wir das?

    Diese Welt steht mit Sicherheit an einem Scheidepunkt. Sie wird früher oder später den Neustart wagen. Die Annulierung von Guthaben und Schulden wird kommen. Sie ist, wie du richtig ausführst, die natürliche Regel des Systems. Aber welcher Anreiz sollte da sein es hinterher besser zu machen? Oder überhaupt anders? Dazu gehört ein anderes Denken. Es gehörte dazu das Gefühl von der einen Menschheit. Es benötigte das Bewusstsein, dass Ausbeutung von Mensch und Natur keinen letztlichen Profit bergen. Es bräuchte das Ende der dunklen Triebe, die den Einzelnen stets dazu bringen zunächst an sich selbst zu denken. Es verlangte also Selbstlosigkeit, vielleicht sogar Selbstaufgabe. Wer ist dazu bereit?

    Systeme sind Ausfluss einzelner Handlungen von Akteuren und deren Vorstellungen. Deren Wirkmächtigkeit ist, das sei Marx zugestanden, abhängig von ihren Resourcen. Nimmt man also den eigennutzmaximierenden Menschen wird er in diesem Sinne handeln. Der einfachste Weg wäre es also den Eigennutz dem Allgemeinnutz anzugleichen. Von diesem Punkt aus muss es mehr als eine Denkrichtung geben können.

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