Die Situation in Korea – Warum man trotzdem noch ins „hermit kingdom“ kommen kann

Ein Gastbeitrag von Julian Wiedmann

Kampfhubschrauberstaffel über Seoul
(Bild: Julian Wiedmann)

Die Situation in Ostasien ist zurzeit sehr angespannt. Militärmanöver, Raketentests und die Erhöhung von Gefährdungspotentialen sorgen dafür, dass man durchaus von einer Krise sprechen kann.

Die Menschen in Seoul verhalten sich wie immer ganz gelassen und ruhig und niemand hat angefangen Hamsterkäufe zu machen, oder nervös zu werden. Nichts desto trotz lässt es sich nicht von der Hand weisen, dass sich im Moment auf der koreanischen Halbinsel große Spannungen vorzuzeigen sind.

Diese werden zwar in der bundesrepublikanischen Presse übertrieben dargestellt, aber sie sind vorhanden. Auch in US Medien hat man festgestellt, dass die Bedrohung als umso größer empfunden wird, je weiter sich die Menschen von dem „Konfliktherd“ entfernt befinden.

Allenthalben sollte man aber auch den Koreakonflikt nicht untertreiben. Ich möchte kurz versuchen darzulegen wie hier im Moment die Problemlage ist.

Status quo

Nordkorea befindet sich seit Jahren in einer starken Isolation. Nicht nur in der Region, sondern auch in der Weltgemeinschaft. Einzige substantielle Unterstützung ist China, während alle anderen Länder versuchen es mehr oder weniger zu ignorieren. Nachdem G. W. Bush das Land zum Schurkenstaat erklärt hatte, wurde es diesen Ruf (mehr oder weniger) nicht mehr los. Als dann Nordkorea schließlich nukleare Kapazitäten erlangt hatte, veränderte sich diese Situation grundsätzlich nicht.

Dies hatte zur Folge, dass auch die USA einen Kurs der Nichtbeachtung fuhren. Wie in den meisten Ländern der Welt geht man schließlich davon aus, dass es sich bei diesem Land um ein Königreich der Spinner handelt, in dem der dickliche Spross der Herrscherfamilie in der dritten Generation seine Untertanen unterjocht.

Auch im „befreundeten“ China ist man sich nicht sicher, was man nun mit dem doch eher kleinen Territorium an der Grenze anfangen soll. Nur eins ist klar. Man möchte jedenfalls noch einen Puffer zu Südkorea haben, dass schließlich auch, neben Japan, als eine der Heimstätten der Amerikaner/-innen gilt.

Da es sich aber bei Nordkorea mitnichten um ein Land voller Verrückter handelt und hier doch eher ein Medienmythos zugeschlagen hat, muss man die Situation anders betrachten.

Worum geht‘s eigentlich?

Nun, zuallererst muss man davon ausgehen, dass die entscheidenden Akteure rational handeln. Das bedeutet, sie sind nicht irgendwelche „crazies“, sondern sie haben eine Agenda. Nordkorea ist de facto seit einigen Jahre Atommacht und möchte auch als solche behandelt werden. Weil aber die meisten Länder es aber weder ernst nehmen, sich die Gesellschaften insbesondere im Westen sogar lustig machen, kann das kein Zustand aus Sicht des Regimes sein.

Zudem kann davon ausgegangen werden, dass die Nordkoreaner/-innen den Chines/-innen nicht trauen und sich daher von ihnen strategisch lösen möchten um einem anderen Schutzbündnis beizutreten. Dies gestaltet sich aber deshalb sehr schwierig, weil niemand mit ihnen redet oder Verhandlungen führt. Also versucht Pjöngjang Aufmerksamkeit zu bekommen um die wichtigen Akteure an den Verhandlungstisch zu bekommen. Diese sind deren Sicht übrigens nicht die Regierung in Seoul, sondern die amerikanische Regierung.

Wenn man sich dies zu Grunde legt, dann lässt sich auch die derzeitige verbale Eskalation rational erklären. Der Zeitpunkt ist aus zweierlei Hinsicht auch „passend“, weil zum einen die amerikanischen Streitkräfte um Ostern gemeinsam mit ihren koreanischen Verbündeten von März bis April zusammen Militärmanöver durchführen, und zum anderen sich mitte April der Geburtstag des ewigen Führers Kim Il-sung feiern lässt. Also zwei Großereignisse aus nordkoreanischer Sicht, die es Wert sind eine kleine internationale Krise herbeizuführen.

Doch zu welchem Zweck?

Zwei Gründe können hier entscheidend sein:

1.      Washington soll an den Verhandlungstisch gezwungen werden, um die Schaffung eines Friedenszustandes, was gleichzeitig auch der Sicherung der eigenen Macht gleichkommt, zu ermöglichen. Seoul wird von Pjöngjang als Verhandlungspartner nicht ernstgenommen.

2.      In Nordkorea gibt es zurzeit große innenpolitische Probleme, weil Kim Jong-un wahrscheinlich von den vielen Machtfraktionen nicht als oberster Mann im Staate anerkannt wird. Es handelt sich bei ihm um einen sehr jungen Mann der bisher noch nicht zeigen konnte, dass er seiner Rolle als „Führer“ würdig ist. Anscheinend gab es im letzten Jahr sogar einen Anschlag auf ihn. Somit könnten die aktuellen Manöver der Stärkung seiner Position im Lande dienen. Zeitgleich zum Beginn der Krise fand der Kongress der Arbeiterpartei Nordkoreas statt.

Die Kosten zur Erreichung dieses Zieles sind für Pjöngjang im    Weiteren sehr überschaubar. Während Mobilisierungen in Japan, Südkorea und auch von Seiten der USA stattgefunden haben, lassen sich im Norden zwar die „Übungen“ mit der Zivilbevölkerung feststellen, eine richtige Mobilisierung der Armee allerdings nicht. Jüngsten Berichten zu Folge sind viele Armeeangehörige inzwischen sogar zum Arbeitsdienst auf den Feldern abgeordnet, weil nun die Zeit für die Aussaat ist.

Sogar die südkoreanischen Präsidentin Park Geun-hye, die erst anderthalb Monate vor der Krise inauguriert wurde, hat sich zur verbalen Eskalation hinreißen lassen. So hat sie nach den dauernden Ankündigungen des Nordens sich von dem ehemaligen Konzept der beschränkten Eskalation abgewandt und dem Militär mitgeteilt es möge vollständig zurückschlagen, falls etwas geschehen sollte.

Und jetzt?

Für den Führer des Landes ist die Situation relativ einfach.
Sich vor die Weltöffentlichkeit zu stellen und mit nuklearen Angriffen, totaler Vernichtung und Krieg zu drohen ist zunächst ein Mal kostenlos. Mit diesem Mittel hat es Kim Jong-un jetzt geschafft die Aufmerksamkeit zu bekommen die er wollte. John Kerry ist auf dem Weg in die Region und wird mit den Anrainerländern Gespräche führen, die UNO will vermitteln und alle sind der Meinung, dass jetzt irgendwie entspannt werden muss und dies funktioniert in der Regel nur durch Dialog.

Dieser wurde übrigens inzwischen vom Minister für Vereinigung der südkoreanischen Regierung angeboten. Wahrscheinlich auch, weil man den ökonomischen Druck spürt die Industrie- und Produktionsstätten in dem gemeinsamen Projekt Kaesong wieder anlaufen zu lassen.

Nachdem auch Washington angefangen hat zu deeskalieren, indem es zum Beispiel einen vollkommen von den Ereignissen losgelösten Raketentest abgesagt hat und nun auch mit Kerry einen hochrangigen Verhandler in die Region entsandt hat, wird sich im Gegensatz zu vorher (B52 Bomber, Stealth Fighter) keine weitere Eskalation von deren Seite her ergeben. Auch der Geburtstag ist inzwischen sehr nahe, die gemeinsamen Manöver des Militärs fast vorüber und die Weltgemeinschaft hat realisiert, dass man mit Kim Jong-un sprechen muss.

All dies deutet darauf hin, dass der Spuk, der Ostasien nun einige Zeit in Atem gehalten hat in den kommenden Wochen zunächst ein Mal vorbei sein wird. Im besten Falle wird sich nun ein Dialog entfalten aus dem eine längerfristige Entspannung entstehen wird. Im schlimmsten Fall wird sich eine dauerhafte Spannung insbesondere mit den USA entwickeln, die Probleme mit einem Nordkorea hat, das Langstreckenraketen besitzt mit denen es nukleare Sprengköpfe auf das amerikanische Festland schicken könnte.

Persönlich ist es natürlich eine, nicht im positiven Sinne, spannende Erfahrung hier zu sein, während sich all diese Entwicklungen abspielen. Man macht sich Gedanken darüber, wie im Krisenfall gehandelt werden soll, bleibt permanent Up-to-date mit der Hilfe verschiedener Medien und ist auch informiert was die eigenen Regierungsinstitutionen dazu meinen.

Bisher musste ich es nicht bereuen trotz der Spannungen hier her gekommen zu sein und ich hoffe die Lage wird sich, wie ich vermute, entsprechend entspannen.

Wer sich zu diesem Thema auf dem Laufenden halten möchte kann ab und zu bei Yonhap

(dem koreanischen Reuters) reinschauen. Dort kann man die aktuellsten Entwicklungen auf Englisch nachlesen.

This entry was posted in Allgemein, Europa / Internationales. Bookmark the permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.