Die Sache mit dem Elfenbeinturm

Sie gehört inzwischen fast zum guten Ton in der SPD. Die Akademiker*innenverdrossenheit. Und in der Tat muss darauf hingewiesen werden, dass sich ein Großteil der Mandatsträger*innen aus dem akademischen Milieu speist. Auch bei den Jusos, insbesondere in städtischen Kreisverbänden und Unterbezirken, gibt es viel mehr Studierende und Akademiker*innen als Schüler*innen oder Azubis. Das alleine ist allerdings kein Indikator dafür, dass Menschen mit akademischer Bildung nicht in der Lange sind, Empathie – also Einfühulungsvermögen – und Solidarität für Menschen aus anderen sozialen Schichten oder Milieus aufzubringen.

Sigmar Gabriel behauptet augenscheinlich etwas anderes und steigt unverhohlen in das Akademiker*innenbashing ein: „Als wieder einmal einer Widerworte in den Saal ruft, es geht um Tarifverträge, kontert Gabriel: „Das kann man als Student vielleicht sagen, dass das anders ist!“ (Quelle: Artikel der ZEIT http://mobil.zeit.de/politik/deutschland/2013-12/gabriel-jusos-streit). Es ist nicht nur frech, dass der Parteivorsitzende der SPD seiner Jugendorganisation vorwirft, nichts über die Lebensrealitäten „der Menschen da draußen“ zu wissen. Es ist auch schlichtweg falsch.

Und diese Sache mit dem akademischen Elfenbeinturm nervt mich tierisch.

Es ist und war stets (oder zumindest seitdem man sich darauf verständigt hat, dass die Sache mit der Revolution vielleicht nicht so klappt) Auftrag der Jusos und der SPD Bildungsarbeit zu leisten und so dafür zu sorgen, dass Bildungsaufstieg gelingen kann. Die SPD blickt auf eine 150-jährige Geschichte zurück, in der Arbeiterbildungsvereine eine zentrale Rolle eingenommen haben, denn es waren die Bildungsvereine, die die Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeiterbildungsvereins (ADAV) und damit der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands letztlich – zumindest ideologisch – vorbereiteten. Heute wird jungen, politischen und engagierten Menschen vorgeworfen, sie verlören sich in Systemfragen, in der Kapitalismuskritik und der Forderung nach dem demokratischen Sozialismus, weil sie keine Ahnung davon haben, was Menschen brauchen und wollen. Das müssen wir uns nun auch von Sigmar Gabriel vorwerfen lassen. Sigmar Gabriel, der seit 1990 im Landtag oder Bundestag sitzt, der Ministerpräsident und Bundesumweltminister war und nun seit 2009 der SPD vorsitzt, erklärt den Jusos, dass sie nichts vom Alltag verstehen. Ich frage mich schon, wer täglich mehr Menschen trifft, die sich weder politisch noch sonstig ehrenamtlich engagieren und wer mit mehr alltäglichen Problem zu kämpfen hat. Mit Problemen keine Wohnung zu finden, das BAföG wegen langer Bearbeitung zu spät oder gar nicht zu bekommen, für 6€ in einem Café hinter der Bar zu stehen, am Anfang des Monats nicht zu wissen, ob der Vertrag, der am Ende des Montas ausläuft, verlängert wird oder auch am Ende des Monats mal mit Pfandflaschen einkaufen zu gehen. Da bin ich mir eben nicht sicher, ob Sigmar da so Recht hat.

Es stört mich (vor allem den Jusos) vorzuwerfen, man wüsste nicht um die Situation anderer Menschen in diesem Land. Ich halte das für pauschal und einfach unpassend. Meine Großmutter hatte 6 Kinder und 16 Enkelkinder. Ich bin der einzige, der studiert hat. Evtl. kommt noch mein kleiner Brunder irgendwann mal dazu. Ich habe in meiner Familie eine Friseurin, eine Reinigungskraft, zwei Verwaltungsbeschäftigte, einen Maurer, der als Hausmeister arbeitet, zwei Maler, Auszubildende, eine Einzelhandelskauffrau, zwei Arbeitslose und einen in einer Umschulung vom Arbeitsamt. Mein Vater ist Anlagenbediener in der Autoindustrie meine Mutter hat Verkäuferin gelernt, hat in diversen Berufsfeldern gearbeitet und zwischendurch drei Kinder zur Welt gebracht. Sie war zwischendurch selbständig und ist nun auf Grund einer Erkrankung arbeitsunfähig und plagt sich mit einer Rente, die sie aufstocken lassen muss, weil sie zum Leben nicht reicht. Klar, man kann jetzt sagen: Extremes Einzelfallbeispiel. Das mag sogar stimmen. Aber ich glaube, dass es viele junge engagierte Menschen, wie mich gibt, die solche Geschichten haben und sich denken: Ich will mir nicht andauernd anhören müssen, dass ich nicht wüsste, wie es Menschen geht, die nicht studiert haben.

Jetzt aber allen Unmut auf Sigmar Gabriel zu schieben ist falsch. Er spricht nur das aus, was sich selbst Jusos von der einen Strömung zur anderen Strömung vorwerfen: „Ihr da, ihr Akademiker*innen. Ihr sitzt in einem Elfenbeinturm. Abgeschottet. Ohne Bezug zur Wirklichkeit und ohne Kenntnis der wirklichen Probleme.“

Ja, wir haben zu wenig soziale Empathie in diesem Land. Ja, auch die SPD und die Jusos haben das Problem durch ihre Debattenkultur (Streitkultur wäre hier zu viel gesagt) Azubis und Arbeitnehmer*innen ohne akademische Ausbildung nicht an sich zu binden und aktiv in die Partei- und Verbandsstrukturen einzubringen. Und ja, wir müssen etwas dagegen tun.
Meiner Meinung nach sind die Probleme vor allem vieler junger Menschen ähnlich. Und diese Probleme sind größtenteils unabhängig von ihrem Bildungsabschluss. Wenn auch auf anderem Niveau, sind Akademiker*innen unserer Generation doch einem ähnlichen Prekariat ausgesetzt. Selbstverständlich; die Arbeitslosenzahlen von Akademiker*innen sind weitaus geringer. Aber im Erwerbsleben haben wir dennoch die gleichen Probleme. So finden auch wir keine Vollzeitstellen oder überhaupt keine passenden Jobs. Auch unsere Arbeit wird nicht angemessen entlohnt und auch wir werden sachgrundlos befristet. Prekäre Beschäftigung ist für uns alle Alltag. Sie raubt uns die Zeit, uns für etwas einzusetzen, und sie raubt uns die Kraft, die wir bräuchten, um uns für eine Änderung der Verhältnisse stark zu machen. Für mich heißt das: Den vielbeschworenen Elfenbeinturm gibt es in der propagierten Form nicht.

Es lässt sich hier, wie so oft bei der Analyse gesellschaftlicher Realitäten, festhalten, dass es letztlich um den Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit, also darum, dass auch „wir“ Akademiker*innen weiterhin dazu gezwungen sind, unsere Arbeitskraft zu verkaufen und ebenfalls von Lohnarbeit abhängig sind, und um kapitalistische Herrschaftsstrukturen geht. Aus einem Verteilungskampf zwischen reich und arm wird eine verquere Debatte darüber, dass sich politische Akteur*innen nicht in die (soziale) Situation anderer Menschen einfühlen können. Es wird argumentiert, dass eine Vision nichts mit dem Leben gemein hat. Und hier schlägt sich die Brücke zum Juso-Bundeskongress und der Kritik an den Jusos im Allgemeinen: Die Missverhältnisse der Gesellschaft mit Systemfragen, der Kapitalismuskritik und der Forderung nach dem demokratischen Sozialismus zu verbinden, ist nicht realitätsfern. Es ist eine Vision für eine bessere und gerechte Gesellschaft. Unsere Forderung nach Arbeitsmarkt- und sozialpolitischen Reformen, wie einem Ende der Leiharbeit, einem Mindestlohn, einer Mindestausbildungsvergütung, dem Verbot von Praktika nach einem Hochschulabschluss, ein elternunabhängiges BAföG oder einer Mindestrente sind konkrete realpolitische Konzepte zur Umverteilung und zur Überwindung des kapitalistischen Systems. Linke Realpolitik kann damit Kapitalismuskritik sein. Das Kind wird aus Angst nur zu selten beim Namen genannt.

Die Prekarisierung einer ganzen Gesellschaft ist letztlich auch ein Grund dafür, warum Auszubildende und junge Arbeitnehmer*innen den Weg nicht zu den Jusos und in die SPD finden. Nicht Visionen sind das Problem, sondern die Realität.

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13 Responses to Die Sache mit dem Elfenbeinturm

  1. Robin says:

    Ich glaube weniger, dass es der Fakt ist, dass man Akademikern abspricht reale Probleme zu haben. Der Punkt ist jedoch, dass Akademiker, auf Grund von höherer Allgemeinbildung durch Abitur und Studium (der qualitative Unterschied gesellschaftspolitischer Debatten ist auf dem Gymnasium ein ganz anderer wie auf der Realschule!) viel verkopfter sind. Man kann über Sozialismus viel diskutieren und ein heller, gebildeter Geist wird wohl auch in der Lage sein differenziert mit den Begrifflichkeiten umzugehen. Nur die meisten Menschen, die, mit der mittleren Reife und der Ausbildung, werden in der Regel nichts damit anfangen können, weil sie die Debatten in der Oberstufe und im Studium nicht kennengelernt haben. Das ist die Realitätsfremde, die den Akademikern zugeschrieben wird. Man redet konstant an anderen Menschen vorbei. Die wollen die konkreten Lösungen sehen, nicht die großen Kapitalismusdebatten.

    • Christian Dristram says:

      Ja, aber wir kommunizieren diese Sachen doch gar nicht nach außen. Intern muss das als Leitgedanke für konkrete Politik eine Rolle spielen. Nach außen kommunizieren wir konkrete Forderungen an die Politik.
      Meinst du nicht, dass dann die Kritik an den Diskussionen über unser Ziel etwas überzogen ist? Ist ja nicht so, dass wir überall alle Leute damit bombadieren.

      • Robin says:

        Weisst du, wenn mich Kommilitonen auf den Bundeskongress der Jusos ansprechen, weil sie die Resonanz in der Presse (die leider oft treffend war) aufgeschnappt haben, und sie mir mehr oder minder vorhalten wie schwachsinnig wir sind, dann muss ich ihnen oft recht geben. Das sind junge, kluge Jungs (und leider nur ein Mädchen), deren Vorurteile wir mit diesen internen Debatten nur bestärken! Und wenn die Presse da ist, ist es sowieso nicht mehr intern.

  2. Rüdiger Kladt says:

    Zunächst einmal die Frage, was ein Akademiker denn heute so ist. Im Gegensatz zu früher, als der Akademikernachwuchs quasi von Akademikern nachgezüchtet wurde, ist der akademische Abschluss heutzutage das Ergebnis einer ganz normalen Ausbildung. Die Abschlüsse mit irgendwelchen akademischen Titeln zu versehen, entspringt nicht zuletzt dem in historischen Zeiten entwickelten Bedürfnis den anfangs genannten Zuchtprodukten ebenbürtig zu sein. So erklärt sich die Vielfalt an „akademischen“ Titeln, die für viele Tätigkeiten schlichtweg Voraussetzung sind. Diese führen heute nicht mehr nahezu zwingend im Spurt in gehobene Führungsebenen, sondern über diverse Nebenjobs, die dem Lebensunterhalt dienen, über divers Praktika und befristete Anstellungen zum krönenden Abschluss – einer Festanstellung; wenn man Glück hat. Und auch da ist man zunächst nur ein Lohnsklave. Während früher der einfache Lohnarbeiter nach erfolgreicher Ausbildung auf ein lebenslanges Beschäftigungsverhältnis hoffen konnte, muss sich der Akademiker von heute auf ein von regelmäßiger Arbeitslosigkeit gezeichnetes Erwerbsleben einrichten. Über die Erfahrungen mit den Tiefen der Arbeitswelt können Unmengen akademisch gebildeter Taxifahrer sicherlich berichten.

    Den Elfenbeinturm gibt es nur noch für die oberen Zehntausend. Der Rest erkämpft sich schwer eine Position am Arbeitsmarkt, zeichnet sich durch ein hohes Maß an Selbstausbeutung aus, nimmt dabei alle Höhen und Tiefen mit, arbeitet oft völlig unterbezahlt und kennt sich sehr wohl aus.

  3. http://www./ says:

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  4. http://www./ says:

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