Die OECD-Studie oder warum wir noch einen langen Weg vor uns haben

Vielen, die Feminismus mit Ablehnung begegnen, ist oft nicht bewusst, was die feministische Bewegung bereits erkämpft hat: das Wahlrecht für Frauen, den Zugang zu höheren Schulen und Universitäten, die Möglichkeit (auch ohne Erlaubnis des Ehemannes) berufstätig zu sein, das Recht, Verträge einzugehen, zu erben, die Strafbarkeit von Vergewaltigung und anderen Formen sexueller Gewalt, die Straffreiheit von Abtreibungen – you name it.

Alles schon erreicht? Von wegen. Jüngstes Beispiel ist die OECD-Studie, die Deutschland in Bezug auf Geschlechtergerechtigkeit auf den hinterletzten Platz verweist. Das Ergebnis ist nicht überraschend, aber es schmerzt doch ein bisschen. Nur in Südkorea und Japan sind die Gehaltsunterschiede zwischen Frauen und Männer noch größer, nirgendwo arbeiten so viele Frauen Teilzeit, und in Sachen Altersarmut von Frauen liegt Deutschland sogar auf dem allerletzten Platz.

Selbst schuld? Immer diese Frauen, die alles haben wollen und nichts auf die Reihe bekommen. Wenn sie sich doch nur ein bisschen mehr anstrengen, nur noch ein bisschen mehr an die Männerwelt anpassen würden, dann wäre doch alles kein Problem.

Das Problem liegt jedoch nicht bei den Frauen, sondern an der absolut ungleichen Verteilung der Erziehungs- und Hausarbeit. Schließlich tragen Frauen immer noch überwiegend allein die Verantwortung für Kindererziehung, Haushalt, Alten- und Krankenpflege und sind nebenbei noch berufstätig. Doppelbelastung nennt sich dieses Phänomen.

Renommierte Soziologen wie Paul Kershaw und Kevin Olson sprechen in diesem Zusammenhang vom Trittbrettfahrerverhalten der Männer, von denen viele die Sorgearbeit komplett auf Frauen abwälzen (vielleicht eine Referenz als Fußnote zum Nachschlagen). Diese Wahrnehmung von Kindern als „Frauensache“ ist der Dreh- und Angelpunkt des heutigen Dilemmas, der Ungleichbehandlung von Frauen.

Die Diskriminierung beginnt früh. Von Kindesbeinen an werden kleine Mädchen in Vorbereitung auf ihre Mutterrolle dazu angehalten, ihre „weiblichen“ Eigenschaften zu pflegen – fürsorglich und nett zu sein und bitte immer die Bedürfnisse von anderen über ihre eigenen zu stellen. Auch der Berufseinstieg gestaltet sich mitunter schwierig: Einigen Arbeitgebern sind junge Frauen ein Graus, weil sie durch eine potentielle Schwangerschaft ein Ausfallrisiko darstellen könnten, zumindest aber werden viele Frauen aufgrund der „Kinderproblematik“ nicht für Führungspositionen in Betracht gezogen. Viele Frauen nehmen sich auch tatsächlich eine kinderbedingte Auszeit und arbeiten danach in Teilzeit weiter. Allerdings nicht immer ganz freiwillig. Wo Betreuungsplätze Mangelware sind und zudem für viele schlicht nicht erschwinglich, wo das Bild der berufstätigen Rabenmutter weiterhin omnipräsent ist, haben viele schlicht keine andere Wahl, als ihre Kinder persönlich zu betreuen.

Häufig lassen es zudem traditionelle Rollenbilder und die sehr reale Lohndiskriminierung von 22% sinnvoll erscheinen, dass die Partnerin ihren Job (zumindest vorübergehend) aufgibt, schließlich bräuchten Kinder ihre Mutter, und zudem sei der Einkommensverlust besser zu verschmerzen.

Leider bedeutet eine längere Elternzeit oder eine Rückkehr in Teilzeit nach wie vor das Aus für die Karriere. Die Arbeitswelt ist nach wie vor am Bild des männlichen Alleinverdieners orientiert, der  100% seiner Zeit der Firma widmen kann, weil ihm zuhause die Frau den Rücken freihält. Alles andere als ständige Verfügbarkeit und lange im Büro verbrachte Stunden wirken vor diesem Hintergrund extrem karriereschädigend.

Halten wir also fest: Frauen sollen den Fortbestand der Gesellschaft sichern, ihre Kinder zu wertvollen Staatsbürger*innen erziehen und niemand dankt es ihnen. Zunächst werden sie mit einem Karriereknick bestraft. Dieser zieht nicht nur mangelnde Aufstiegschancen nach sich, er bedeutet konkret ein geringeres Gehalt und damit auch eine kleinere Rente im Alter – unser Wohlfahrtsstaat ist ja bekanntlich nur an der Erwerbsarbeit orientiert, und den Frauen, die eine Familienpause nehmen, fehlen wichtige Beitragsjahre. Kinderbetreuungszeiten fallen nämlich bei der Vergabe der Rentenpunkte nur lächerlich gering ins Gewicht, und für Frauen, die ihre vor 1992 geborenen Kinder in Vollzeit aufgezogen haben, erfolgt überhaupt keine Anrechnung auf die Rente.

Es scheint, Frauen können nur verlieren. Denn auch diejenigen Frauen, die entweder auf Kinder verzichten oder ihre Kinder in einer schier übermenschlichen Anstrengung parallel zum Beruf aufziehen, stoßen an ihre Grenzen. Irgendwann kommt die gläserne Decke, wo weder Qualifikation, Erfahrung noch Engagement weiterhelfen. Frauen sind, wie wir alle wissen, in den Schaltzentralen der Macht eine Randerscheinung. Aus verschiedensten Gründen sind sie in wirklich wichtigen Führungspositionen nicht erwünscht. Sicher, es gibt Ausnahmen, aber Ausnahmen bestätigen die Regel.

Woran liegt das? Wieso beißen Frauen in puncto gerechter Verteilung der Kindererziehung und beruflicher Aufstiegsmöglichkeiten auch im 21. Jahrhundert auf Granit? Hierauf gibt es eine einfache und eine komplizierte Antwort. Zunächst die einfache: Es ist ein offenes Geheimnis, dass es an (staatlichen) Betreuungseinrichtungen mangelt und die Familien alleine gelassen werden. Kinder gelten als Privatsache, ganz gleich wie verzweifelt der Staat und unsere Sozialsysteme auf die Beitragszahler*innen von morgen angewiesen sind und sich auch die Arbeitswelt schrecklich vor dem Fachkräftemangel fürchtet.

Es  müssen also massiv mehr Betreuungsplätze her, und zwar sofort. Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Jetzt zur komplizierteren Antwort: die traditionellen Rollenbilder mit ihrer Gleichsetzung von Frau-Kind und Mann-Beruf müssen endlich überwunden werden. Wir wissen alle, dass diese geschlechtsspezifische Arbeitsteilung kein Naturgesetz ist. Warum wickeln dann viele Männer ihre Kinder immer noch höchstens mal am Wochenende? Weil uns von konservativer Seite immer noch der Mythos verkauft wird, dass arbeitende Mütter schlecht für die Entwicklung des Kindes sind. Weil nach wie vor behauptet wird, dass Frauen mit ihrem vermeintlich angeborenen Mutterinstinkt einfach besser als alle anderen wissen, was gut ist für das Kind.

Und weil die Strukturen diese Rollenverteilung weiter befeuern, hier verstärken sich Ideologie und Struktur gegenseitig. Weil der Staat im Steuersystem und in der Krankenversicherung falsche Anreize setzt, die nur eine Lebensform begünstigen, nämlich die Hausfrauenehe. Weil die Arbeitswelt mit ihrer unflexiblen Anwesenheitskultur eine Balance zwischen Beruf und Familie schier unmöglich macht. Weil viele Unternehmenskulturen männlich geprägt sind und Frauen das Nachsehen haben.

Was tun? Erstens müssen wir dahin kommen, dass Männer durch Übernahme von Erziehungsverantwortung genauso zum „Ausfallrisiko“ werden wie Frauen, sie genauso häufig Elternzeit nehmen. Im nächsten Schritt muss sich die Arbeitswelt den Bedürfnissen der Beschäftigten anpassen und flexibler werden, Telearbeit und fließende Arbeitszeiten ermöglichen. Mehr Kinderbetreuung erwähnte ich bereits.

Die Lösungen sind altbekannt, doch seit mehr als 30 Jahren treten wir auf der Stelle. Schlimmer noch, CDU/CSU wollen mit ihrem Betreuungsgeld das Rad sogar noch zurückdrehen. Es muss endlich ein gesamtgesellschaftliches Umdenken einsetzen und vor allem ein Regierungswechsel – denn wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Und diesen Willen hat die Politik bislang vermissen lassen.

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