Die Jusos Baden-Württemberg brauchen endlich ein Awareness Team!

Ein Gastbeitrag von Aisha Fahir.

Warum das neue System einer Ombudsperson als Ansprechpartner*in bei Sexismus und Übergriffen nicht hilft.

Am 08. Oktober fand in Villingen-Schwenningen der Landesausschuss der Jusos Baden-Württemberg statt, bei dem es unter anderem über die Bundestagswahlen und um den Erneuerungsprozess der SPD ging. Es wurde auch eine Ombudsperson gewählt. Diese soll künftig Ansprechpartner*in bei Problemen mit Sexismus und anderen Formen der Diskriminierung sein. Ein Geschäftsordnungsantrag, dass es drei solcher Personen geben sollte (Eine Frau, ein Mann und ein Queerer Mensch) wurde ohne inhaltliche Begründung abgelehnt, genauso wie der Antrag überhaupt darüber zu diskutieren.

Es ist schade, dass in diesem Landesverband nicht auf die Sorgen aller Rücksicht genommen wird. Vor allem wenn es um ein so wichtiges Thema, wie die Hilfe und Unterstützung – überwiegend von Frauen*- bei Problemen mit Sexismus geht.

Nicht jede*r findet Jede*n sympathisch und fasst in oder nach kritischen Situation Vertrauen zu jede*r Person. Eine Auswahl ermöglicht es, unterschiedlichen Menschen und Charakteren die Möglichkeit zu geben, unter verschiedenen Ansprechpartner*innen zu wählen. Mit der Entscheidung des letzten LAs auf Basis der Beschlusslage der LDK gibt es bei den Jusos Baden-Württemberg explizit keine Auswahl an Menschen, zu denen gegangen werden kann, wenn Diskriminierung erfahren wird.

Ein weiteres Problem besteht, falls die Ombudsperson einmal krank sein sollte, oder aus anderen Gründen verhindert ist. Dann macht sich die fehlende Breite der Aufstellung natürlich auch bemerkbar. Wie auf dem letzten Neumitgliederseminar der Jusos BW geschehen, gibt es unter Umständen nach wie vor nicht einmal eine Person vor Ort, die im Falle von Belästigungen oder Übergriffen explizite Ansprechpartner*in ist. Von einer Verbesserung der Situation durch die Wahl einer Ombudsperson kann auf diese Weise keine Rede sein.

Ein Argument gegen eine solche Sichtweise kam (nach dem Landesausschuss) vom Juso-Landesvorsitzenden Leon Hahn: Es bestehe weiterhin die Möglichkeit, zum Landesvorstand bei Problemen zu kommen, falls sich jemand nicht an diese eine gewählte Ombudsperson wenden möchte oder diese eben nicht da ist.

Tatsache ist jedoch, dass es auch durch den Landesvorstand zu sexistischen Angriffen und anderen Diskriminierungen kommen kann. Außerdem sind die Mitglieder des Landesvorstandes keine neutralen Ansprechpartner*innen und deswegen nicht unabhängig. Das reale Machtgefälle innerhalb von Verbandsstrukturen wird hier nicht berücksichtigt und in den Blick genommen. Doch spätestens seit „me too“ sollten wir wissen, dass es gerade darauf ankommt.

Deshalb ist ein gravierender Kritikpunkt an bisherigen Regelung zur Aufstellung einer Ombudsperson, dass die Menschen, welche auf den Veranstaltungen teilnehmen, gar nicht über diese Person(en) abstimmen können. Das heißt, dass eben diese Personen, für die eine solche Ombudsperson da ist, nicht an der Wahl dieser teilhaben und mitbestimmen können. – Basisdemokratie und emanzipatorische Selbstbestimmung sehen anders aus!

Bei einer nächsten Wahl könnte es außerdem sein, dass ein Mann zur Ombudsperson gewählt wird. Es besteht die Möglichkeit, dass die gefühlte Verbesserung zum Schutz für Frauen* durch eine Ansprechperson dadurch gegen null geht.

Deshalb: Ein Awareness Team und weitere Maßnahmen sind jetzt nötig!

Ein alternatives bzw. zusätzliches Konzept dazu wäre ein Awareness-Team. Dieses Team besteht aus mehreren Menschen und kann sich von Veranstaltung zu Veranstaltung unterscheiden. Es erfährt seine Legitimation durch die Zustimmung der Teilnehmenden vor Ort.

Außerdem könnte ein weiteres Instrument, um gegen Sexismus zu sensibilisieren, ein Schutzraum für Frauen* zu schaffen sein und um eigenes potentielles diskriminierendes und verletzendes Verhalten zu hinterfragen, Geschlechterplena sein. Dabei soll in getrennten Gruppen (also Frauen*, Männer* und Menschen die sich keinem Geschlecht zuordnen wollen) über Sexismus diskutiert werden und Frauen* die Möglichkeit geben, über Diskriminierung zu sprechen, ohne dass sich Männer* einmischen.

Es gibt Stimmen im Landesverband, die behaupten, die Jusos Baden-Württemberg bräuchten etwas in dieser Art nicht. Das ist falsch!

Überall findet Sexismus und andere Formen der Diskriminierung statt, auch bei den Jusos Baden-Württemberg! Sexismus ist ein strukturelles und gesellschaftliches Problem. Wenn es der Juso-Landesverband ernst mit der Bekämpfung von Sexismus meint, dann ist es nur konsequent, solche Instrumente einzusetzen. Das Wunschdenken, der Juso-Landesverband hätte dies nicht nötig, ist dabei kontraproduktiv. Wenn wir es nicht einmal schaffen, in unserem eigenen Landesverband dagegen anzukämpfen, wie sollen wir das dann außerhalb der Jusos schaffen. Deshalb plädiere ich dafür, endlich das Thema Sexismus ernst zu nehmen und hilfreiche Mittel für die Bekämpfung von Sexismus einzusetzen.

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