Die Armee in der Schule der Nation- Ein Angriff auf die Zivilgesellschaft!

Im Jahre 2009 trat die CDU/CSU mit dem Versprechen zur Wahl an, die Wehrpflicht mit aller Gewalt gegen alle wie auch immer gearteten Abschaffungsversuche zu verteidigen. Anderthalb Jahre nach dem Regierungsantritt wurde die Wehrpflicht abgeschafft. Während tausende junge Männer darüber frohlockten, nun doch nicht mehr in ungemütliche Kasernen geschleppt oder in Krankenhäusern mit dem echten Leben konfrontiert zu werden, brach bei der Bundeswehrführung nackte Panik aus. Denn die logische Folge einer solchen Entscheidung wurde ziemlich schnell erkannt: Wenn keiner mehr zum Militär muss, dann kommt auch niemand mehr. Vor allem keine Leute mit hohen Bildungsabschlüssen, die eine moderne Hightech-Armee ziemlich dringend bräuchte. Um das Austrocknen der Lebensreserve für Auslandseinsätze zu verhindern, hat die „Truppe“ eine gigantische Werbeoffensive gestartet. Und gefährdet damit nicht nur den guten Geschmack sondern wichtige Errungenschaften der Zivilgesellschaft.

Verzerrte Gitarren. Ein Kampfflugzeug startet und überschlägt sich. Schnitt. In schnellen Schnitten fliegen Hubschrauber um Frachtschiffe und schießen Schlauchboote übers Meer. Szenerie wechselt, ein Panzer durchquert dynamisch ein Wasserloch. Wieder Flugmaschinen, Pilot*innen und Insass*innen die sich kumpelhaft abklatschen. Wechsel: Zum Klang der Nationalhymne stolziert eine Frau in Offiziersuniform unterm Brandenburger Tor durch. Es werden Berge und Brunnen eingeblendet. Auf diese Weise geht das berühmt-berüchtigte „Werbevideo“ der Bundeswehr noch gut anderthalb Minuten weiter.

http://www.youtube.com/watch?v=yUvUmTssYcU

Im linken Lager löste der Film einen Sturm der Entrüstung aus. Die Grüne Agnieszka Malczak stellt empört fest:

„Bilder und Musik gleichen teilweise einem „Killerspiel“ und entwerfen so ein Zerrbild des Dienstes bei der Bundeswehr.“

Laut dem SPD-Abgeordneten Rainer Arnold schadet das Video

massiv dem Ansehen und dem guten Ruf der Bundeswehr. Es wird eine Klientel angesprochen, die anfällig für Gewaltbereitschaft ist, und sich nicht um die besondere Bedeutung der Bundeswehr in der Gesellschaft kümmert.“

Schließlich gab die Regierung dem öffentlichen Druck nach und nahm das Video aus dem Netz.

Dass so etwas kommen wird, war im Grunde seit der Abschaffung der Wehrpflicht abzusehen. In eigentlich allen Ländern mit Freiwilligenheeren sind solche Filmchen Standard, den sie sprechen praktischerweise genau das von Rainer Arnold angesprochene Klientel an. Warum auch nicht, das ist genau die Gruppe Menschen, aus denen Armeen schon immer ihre Truppen geholt haben. Dass die Bundeswehr auf martialische Weise ihren Nachwuchs nun über inhaltsleere, archaische Videos rekrutiert, ist zwar zynisch, aber nun wirklich nicht das Problem.

Das Problem liegt eher darin, dass sich die Armee eben nicht nur ihr übliches Soldatenklientel bewirbt, sondern auch vermehrt in öffentlichen Einrichtungen, wie Schulen, anzutreffen ist.

Junge, sympathische Offizier*innen besuchen Schulklassen, halten coole Powerpointvorträge und erzählen von ihren Erfahrungen bei der Bundeswehr und betonen die Wichtigkeit der Bundeswehr für unsere Gesellschaft. Dann verteilen sie Hochglanzbroschüren, in denen ganz viel von Chancen, Qualifikation, Studium und Weiterbildung steht. Dass sie ganz nebenbei noch beigebracht bekommen, wie man möglichst effizient andere Menschen umbringt, sagen die Jungoffizier*innen nicht. In den wenigsten Fällen wird der Vortrag anschließend kritisch reflektiert, hauptsächlich wird vermittelt, dass das Militär ein ganz normaler Arbeitgeber ist, vergleichbar mit einem Industrieunternehmen.

„Werbung in der Schule“ ist ein sehr dehnbarer Begriff, dachten wohl einige Offizier*innen, und schickten ihre Leute auf Anregung einer Lehrerin und mit freundlicher Unterstützung des lokalen CDU-Abgeordneten in eine vierte Klasse im oberbergischen Bernbach:

(http://www.rundschau-online.de/oberberg/bunte-feldpost-engel–fuer-die-soldaten-in-afghanistan,15185498,15268514.html ). Dass sich die Bundeswehr an andere Staaten im negativen angleicht, ist ja noch einigermaßen erträglich. Aber dass sich die Armeeführung mit Unterstützung von Unionspolitiker*innen nicht einmal zu schade ist, mit NS-Methoden die Akzeptanz der Armee im Krieg zu steigern, offenbart nur, wie tief manche Kader dieser beiden Organisationen schon gesunken sind. NS-Methoden? Nein, das ist nicht übertrieben oder unverhältnismäßig: Die Nazis haben Kinder Raupen sammeln lassen, aus denen man theoretisch Seide für Fallschirme herstellen hätte können. Diese sinnlose Arbeit wurde zur stärkeren Identifizierung der Kinder mit der Wehrmacht in Auftrag gegeben, wo der tatsächliche Unterschied zum Engelchenbasteln nun liegt., weiß ich auch nicht.

Wer nun aber denkt, am Boden des Niveaus angekommen zu sein, kennt diesen kleinen Film noch nicht:

http://www.youtube.com/watch?v=O16zilBNBsE&feature=related

Das Jugendmagazin Bravo macht für die Bundeswehr die Beine breit und stellt die „Truppe“ als riesigen Abenteuerspielplatz dar. Jugendliche werden in Camps gelockt, wo sie vier Tage lang indoktriniert werden und lernen können, wie großartig unsere große Armee doch ist.

Unterdessen behält Verteidigungsminister De Maizière das große Ganze im Blick: Öffentlichkeitswirksame Militärparaden, Vorschläge für Veteranentage und ein ständiges Geheule über die mangelnde Akzeptanz der Bundeswehr in der Bevölkerung prägen das Auftreten des Ministers. Wer ihm zuhört, könnte schon fast den Eindruck erhalten, dass Soldaten, wenn sie sich mal ohne Papiertüte aus dem Haus trauen, mit faulen Tomaten beworfen und beschimpft werden. Das Regierungslager, allen voran die Junge Union laufen dem Minister währenddessen begeistert hinterher, um die Gesellschaft endlich auf den Pfad der Disziplin zurück zu bringen. Wirklich schräg daran ist, dass das Ziel, nämlich die Vorbereitung auf neue Kriege dabei nicht einmal kaschiert wird. Ganz offen geben die Spitzen der Regierung zu, dass in ihren Augen in Deutschland zu wenig Unterstützung für Auslandseinsätze herrscht und dass sich daran dringend was ändern muss.

Fassen wir also zusammen: Die Regierung treibt die Remilitarisierung der Gesellschaft mit aller Gewalt voran, um den Widerstand gegen neue Auslandseinsätze, deren Erfolgsaussichten nicht gerade sonderlich hoch erscheinen, zu minimieren. Um dieses Ziel durchzusetzen, beginnt die Propaganda schon bei den Kleinsten. Bundestagsabgeordnete wollen, dass Kinder in dem Bewusstsein aufwachsen, Auslandseinsätze seien etwas völlig Normales und deutsche Soldat*innen würden durch die Welt reisen, um der Welt ewige Glückseligkeit zu schenken. Und der Widerstand dagegen: Bislang nur, wenn die Chefpropagandist*innen es übertrieben oder engagierte Lehrer*innen von der GEW in Einzelfällen. Was wir aber brauchen, ist eine breite, gesamtgesellschaftliche Diskussion darüber, ob eine Organisation, die Menschen zum Dienst an der Waffe und damit zum Töten ausbildet, wirklich etwas an Schulen und in Kinderzimmern verloren hat.

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