Die Amazon-Doku mag in Teilen fingiert sein – die Arbeitsbedingungen bei dem Konzern sind es nicht!

Anfang Februar hat eine ARD-Dokumentation über die Arbeitsbedingungen der Leiharbeiter*innen in den deutschen Amazon-Standorten weltweit für Aufregung gesorgt. Unmenschliche Arbeitsbedingungen, Hungerlöhne und Unterbringung der Beschäftigten auf engstem Raum,  nichtexistenter Kündigungsschutz und Wachdienste in Thor-Steinar-Kluft. Heute berichtet die Online-Ausgabe des „Focus“ von Manipulationsvorwürfen gegenüber dem Hessischen Rundfunk: eine Protagonistin in der Dokumentation sei frei erfunden gewesen. Auch andere Details, so Focus Online, seien eher der Kreativität der Redakteur*innen entsprungen als Realität. Die Anwälte des HR räumen Teile der Vorwürfe ein, von einer fingierten E-Mail, die als „Beweis“ im Film gezeigt wurde ist die Rede. Auch dass eine der Protagonist*innen erfunden sei, wird zugestanden. Dies alles ist eine riesen Sauerei.

Das Reporter*innen-Team des HR ist dankenswerterweise auf das Thema aufmerksam geworden und hat in langen und intensiven Recherchen Arbeits- und Lebensbedingungen aufdecken können, die menschenunwürdig sind. Es hat sich damit, dem Auftrag des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks entsprechend, gesellschaftspolitisch relevanter journalistischer Arbeit gewidmet, die sonst eher, zumindest aus meiner Sicht, zu kurz kommt. Durch „dramaturgische“ Spitzen und handwerklichen Dilettantismus gerät das ganze Projekt nun in Gefahr, diskreditiert zu werden. Und damit den Veränderungsprozess, der bei Amazon Deutschland ausgelöst wurde, schon nach knapp zwei Monaten wieder zum Erliegen zu bringen.

Denn fingiert waren nicht die harten Fakten, wie die Unterbringung der Beschäftigten in Camps, ihre Bewachung durch mögliche Nazis, ihre saumäßige Bezahlung und ihr fehlender Kündigungsschutz. Erfunden wurde vor allem eine Protagonistin, die offensichtlich stellvertretend für andere Leiharbeiter*innen bei Amazon stehen sollte. Ich bin mir sicher, die Zuschauer*innen hätten verstanden, wenn der HR den Hinweis eingebaut hätte, dass zum Schutz der Mitarbeiter*innen niemand mit Klarnamen vor die Kamera treten möchte. Und auch der Einsatz von Schauspieler*innen zur dramaturgischen Zuspitzung mag im Fernsehen seine Berechtigung haben – wenn dies klar gekennzeichnet ist. Aber Dinge abzubilden, die es so nicht gibt – dies schadet eher, als dass es nutzt. Denn wenn die Dokumentation an einer Stelle angreifbar ist, dann mag sie das auch an anderen Stellen sein.

In der öffentlichen Debatte besteht nun die Gefahr, dass journalistischer Dilettantismus die Sachfragen überlagert. Natürlich kann niemand außer Amazon selbst genau sagen, wie sich die Dokumentation in den Verkaufszahlen niedergeschlagen hat. Aber in meinem Bekanntenkreis gibt es so viele Menschen, die beschlossen haben, einstweilen nichts mehr bei dem Konzern zu kaufen, dass dies auf Deutschland umgeschlagen sicherlich signifikant sein dürfte. Wenn nun die Grundlage für dieses Konsumverhalten ein Glaubwürdigkeitsproblem hat – dann wird sich diese „Delle“ in der Bilanz von Amazon bald wieder ausgleichen. Dabei kann es mittelfristig nur gesellschaftlicher Druck sein, der an der Geschäftspolitik von Amazon etwas ändert.

Nicht, dass ein Boykott das Mittel der Wahl wäre. Ich halte es da ganz mit ver.di – es muss die Politik sein, die die gesetzlichen Grundlagen für die von Amazon betrieben Geschäftspolitik entzieht. Es mag sicherlich gute Gründe für den saisonalen Einsatz von Leiharbeiter*innen geben, aber das Beispiel von Amazon zeigt, dass die Unternehmen den gesetzlichen Rahmen zu ihren Gunsten ausnutzen, wenn nicht überreizen. Dies ist ein Missstand, der behoben werden muss. Und an allererster Stelle muss hier ein Mindestlohn her, der eben auch für Leiharbeiter*innen angewendet wird. Außerdem muss es klare Regelungen in Bezug auf Kündigungsschutz und Freizeit geben. Ansonsten wird dem System Amazon auch in anderen Betrieben Tür und Tor geöffnet.

In diesem Sinne – Solidarität mit den streikenden Beschäftigten von Amazon in Leipzig und anderswo. Guter Lohn für gute Arbeit!

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