Burschenschaften die Stirn bieten – für eine offene, tolerante Gesellschaft

Von Tim Baltruschat, Landeskoordinator der Juso-Hochschulgruppen Baden-Württemberg

Erich Westendarp / pixelio.de

Am vergangenen Wochenende tagte die Deutsche Burschenschaft in Stuttgart für einen Sonder-Burschentag. Es ging um die in letzter Zeit vorherrschende Diskussion unter den Burschenschaften, wie der Verband in Zukunft ausgerichtet sein soll.  Auswahl bestand zwischen den – angeblich gemäßigten – „national-liberalen“ und den ultrakonservativen, rechtsradikalen Burschenschaften.

 

 

Zwar haben die Burschenschaften ihren rechtsradikalen „Schriftenleiter“ Norbert Weidner abgesetzt, aber dies ist weniger ein Erfolg der „national-liberalen“ Burschenschaften. Vielmehr ist es ein strategischer Schritt, um Mitgliedsburschenschaften im Verband zu halten und weiteren Schaden am Ruf der DB abzuwenden. Eindeutig wird die rechte Tendenz mit der Wahl der rassistischen Teutonia Wien als Vorsitzende Burschenschaft. Somit ist die DB durch die rechten Idiotien –  ähm –  Ideologien der Burschenschaftlichen Gemeinschaft (BG), der rassistischen Strömung innerhalb der DB, geprägt. Von der Alten Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn, ebenfalls in der Burschenschaftlichen Gemeinschaft organisiert, kam der vor über einem Jahr veröffentlichte Antrag für einen „Ariernachweis“, der nur „urdeutschen“ Studenten die Mitgliedschaft in den Burschenschaften erlaube. Nur „bei vollendeter Assimilation an das deutsche Volk“ dürfe ein Student Burschenschafter werden. Wer hier den puren Rassismus nicht erkennt, dem*der ist auch nicht mehr zu helfen. Wo wir gerade bei den Raczeks sind: Diese waren auch Thema des Burschentages, da diese aus der DB ausgeschlossen werden sollten. Und – oh welche Überraschung- der Antrag scheiterte und zwar schon vor einer Abstimmung, da der Antrag nicht formgemäß sei. Ein anderer Antrag war darauf gerichtet, dass Burschenschafter nicht Mitglied einer verfassungswidrigen Organisation sein dürfen. Dies ging aber den Rechten wohl zu weit, sodass sie kurzerhand die verfassungswidrigen Organisationen durch „nationalsozialistische“ Organisationen ersetzt wurden. Beweismöglichkeit für einen solchen Ausschlussantrag? Gleich null!

Was ist also festzuhalten? Das was schon vorher ein offenes Geheimnis war: Die Burschenschaften werden zu Brutkästen für rechte Meinungen und Stimmungsführer. Als angebliche „Eliten“ kämpfen sie gegen die Demokratie und wollen „echte Volksherrschaft“ – natürlich ohne Menschen mit Migrationshintergrund.

Burschenschaften – keine Randgruppen

 Jetzt werden bestimmt Stimmen laut: „Ach, die paar Burschenschafter, lasst die doch auf deren Häusern ihre kruden Parolen singen. Das ist ja kein großer Teil der Gesellschaft.“ Aber wer so denkt, irrt! Unabhängig von den Mensuren und den Trinkgelagen wirken die Burschenschaften nämlich auch öffentlich in den Hochschulorten. So locken sie Erstsemester durch extrem günstige Zimmer in ihre Häuser, die sich meist sehr zentral bei den Hochschulen befinden. Gerade in Zeiten der momentan herrschenden Wohnungsnot ist es verlockend, für knapp 100€ im Monat eine Unterkunft zu finden. Weitere Werbemaßnahmen nutzen die Burschenschaften, wenn sie sich auf den offiziellen Informationsveranstaltungen präsentieren, die speziell für Erstis und Studienortwechsler*innen ausgerichtet werden. Dort treten sie dann als „erstklassige Patrioten“ auf und bieten eine Gemeinschaft für die oftmals gerade aus der Familienwohnung ausgezogenen Studenten. Hinzu kommen die Veranstaltungen und Feiern der Burschenschaften. Unter dem Deckmantel der Wissenschaftlichkeit werden Menschen eingeladen, die klar dem rechten Spektrum einzuordnen sind. NPD-Funktionäre, Redakteure rechtsradikaler Zeitungen oder rechten „Denkfabriken“ wie dem Institut für Staatspolitik (IfS) sind hier nicht selten anzutreffen. Weniger klar ist die rechte Tendenz bei den Partys zu erkennen. Studierende werden mit harmlos wirkenden Flyern für Partys eingeladen, auf der die Burschenschaften ihren Gästen besondere Specials bieten, wie ein Limousinen-Service zur Party. Hier sind dann paarungswillige Studentinnen ausdrücklich von den Männerbünden erwünscht. Manche Burschis werden quasi zu Kuschel-Nazis von nebenan.Doch der Einfluss der Burschenschaften geht weit über den universitären Kontext hinaus. Denn aufgrund ihres „Lebensbundes“ sind die Burschenschafter generationsübergreifend vernetzt und können so ihren Zirkel der „Eliten“ hochtragen. Wichtige Kontakte in die Wirtschaft und der Politik sind nicht selten. Dies geben die Burschenschaften auch offen zu und es ist auf den jeweiligen Webseiten nachzulesen.Was also tun? Wie immer gibt es verschiedene Ebenen, die zusammenwirken müssen:

 

Verbot der Deutschen Burschenschaft 

Am weitesten geht die Forderung nach Verboten der Deutschen Burschenschaft und deren Mitgliedsverbände. Organisationen, die gegen die verfassungsmäßige Ordnung verstoßen, können in Deutschland verboten werden. Nach den jüngsten Beschlüssen in Eisenach 2011 und jetzt in Stuttgart muss ernsthaft geprüft werden, wie verfassungsgemäß die Burschenschaften überhaupt noch sind – wenn sie es jemals waren. Sie lassen weiterhin Mitglieder in ihren Reihen, die offensichtlich in verfassungswidrigen Organisationen unterwegs sind, und schützen diese durch ihren Bund. Die Burschenschaften stellen sich zwar immer als konservativ und patriotisch dar, aber letztlich vertreten sie eine „vaterländische“ Meinung, die nicht mehr nach Demokratie klingt, sondern Erinnerungen an ein Deutschland vor über 70 Jahren hervorruft. Klar, durch die Gleichschaltung der Burschenschaften und Verbindungen und der Eingliederung in den „Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund“ wurden den Burschenschaften der Boden entzogen. Aber diese zeigten weniger Widerstand gegen den Nationalsozialismus als solchen, sondern gegen die Veränderungen in ihren Verbänden, da diese von oben diktiert wurden. 1932 begrüßte die DB noch den Nationalsozialismus als „völkische Freiheitsbewegung“. Weiter ist auch fraglich, wie es die Burschenschaften mit den Menschenrechten halten. Mit Forderungen wie dem „Ariernachweis“ zeigen sie eindeutig ihre abschätzige Meinung gegenüber Migrantinnen und Migranten. Zudem ist das hier zutage tretende Familienverständnis mehr als problematisch. Klassische Rollenbilder werden gepflegt, Frauen in ihren Bünden (bis auf wenige Ausnahmen) nicht zugelassen. Vielmehr wird darüber gesprochen, wie sehr der Mann heutzutage unterdrückt werde. Auch sind homophobe Einstellungen in den Burschenschaften nicht unbekannt.

 

Die Parteien und die Burschenschaften

 Die demokratischen Parteien in Deutschland sollten ihre Einstellungen zu den Burschenschaften dringend überprüfen. Hierbei ist die SPD besonders in der Pflicht! Ein Unvereinbarkeitsbeschluss mit der Mitgliedschaft in einer Burschenschaft der Burschenschaftlichen Gemeinschaft reicht nicht mehr aus! Die Mitgliedschaft in der SPD sollte unvereinbar mit der Mitgliedschaft in einer Burschenschaft der DB sein! Die Sozialdemokratie ist unvereinbar mit rechtsradikalen Gedankengut und das muss klar praktiziert werden. Auch ist es wichtig, dass die Burschenschafter in den Parteien nicht größeren Einfluss bekommen und ihre Netzwerke wirken lassen können. Außerdem sollte eine Partei verboten werden, die oftmals in Kontakt zu Burschenschaften steht: die NPD.

 

Burschenschaften aus den Hochschulen verbannen

 Burschenschaften dürfen nicht noch weiter Platz in den Hochschulen bekommen. Das Tragen der Couleur auf Universitätsgelände bzw. bei Universitätsveranstaltungen sollte ebenso verboten sein, wie das Werben für Veranstaltungen der Burschenschaften. Außerdem sollten sie keine Plätze bei den „Ersti-Messen“ bekommen. Rechtsradikale Gruppen sollten nicht geduldet und universitäre Sprachrohre ihnen nicht zur Verfügung gestellt werden! Vielmehr muss aktive Aufklärungsarbeit über die Einstellungen der Burschenschaften gemacht werden. Hier sind die studentischen Selbstverwaltungen und die Universitäten selbst in der Pflicht! Wer meint, dass ein solches Vorgehen nicht zu deren Aufgaben zählt, verkennt die Verpflichtung der Universitäten und der Studierendenschaft zur Pflege unserer Demokratie. Außerdem sollte, wann immer es geht, der Widerstand gegenüber den Burschenschaften und rechtem Gedankengut deutlich werden! So haben in Stuttgart während des Burschentages viele Menschen während Demonstrationen gezeigt, dass rechte Ideologien nicht geduldet werden.

Die Gesellschaft ist daher aufgefordert, gegen Rechtsradikale vorzugehen – für eine offene und tolerante Gesellschaft!

 

Anmerkung:

Mir ist sehr wohl bekannt, dass es Burschenschafterinnen in gemischtgeschlechtlichen Burschenschaften gibt. Da letztere aber nicht Mitglied in der DB sind, habe ich nur die männliche Form benutzt.

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