Brauchen wir ein 1:12 in Deutschland?

Der ehemalige Sprecher der Jusos Emmendingen Raphael Pfaff schreibt in seinem Gastbeitrag über die bevorstehende Volksabstimmung zur Begrenzung der Lohnbandbreite und warum die Bundesrepublik eine solche Regelung ebenfalls dringend nötig hätte:

In der Schweiz wird am 24. November darüber abgestimmt, ob ein 1:12-System in die Verfassung aufgenommen wird. Diese Forderung unterstützen Schweizer Gewerkschaften sowie SP und Grünen. Die Jusos haben diese Idee ins Leben gerufen. Wäre es sinnvoll so ein System in Deutschland umzusetzen?
1:12 – was heißt das? Diese Forderung bedeutet, dass eine Person, die in einem Unternehmen eine Leistung über einen längeren Zeitraum erbringt, höchstens das Zwölffache verdienen darf, als die Person mit der geringsten Vergütung im Unternehmen. Ergo, mit dem Mindestlohn von 8,50 Euro die Stunde bekommt, sagen wir Robert, 1360,00 Euro im Monat. Das Führungspersonal dürfte somit höchstens 16.320 Euro im Monat verdienen. Zum Vergleich: Das Amtsgehalt der Bundeskanzlerin liegt derzeit bei 15.832,79 Euro monatlich.

Nun, den Mindestlohn haben wir ja aktuell noch nicht. Aktuell arbeitet dafür jede*r vierte Arbeitsnehmer*in im Niedriglohnsektor, 800.000 Menschen verdienen weniger als 6,00 Euro die Stunde und über 1,3 Millionen Menschen müssen trotz Vollzeitbeschäftigung ihr Gehalt mit Hartz-IV aufstocken.

Ist das fair? Regelt das der Markt schon? In Bezug auf die 1:12-Initiative wird oftmals von Sozialismus, Marxismus oder gar Kommunismus gesprochen. Ich rede von sozialer Marktwirtschaft. Denn dass die Gehälter so weit auseinander gehen, ist ein Phänomen der letzten Jahre – seit Einführung der sozialen Marktwirtschaft bis in die 90er war das Verdienstverhältnis von Spitzen zu einfachen Angestellten ungefähr konstant bei 1:10 bis 1:20. Es ist also keinesfalls sozialistisch, sondern war immer Teil unseres Wirtschaftssystems.

Leider hat unser Markt ein gesundes Maß verloren, sodass sich die Schere zwischen Arm und Reich immer schneller und weiter öffnet. Aktuell besitzen 10% der reichsten Deutschen 66% des Vermögens. Ist das Vermögen gerecht verteilt?

Peer Steinbrück sagte einmal: “Für ein rohstoffarmes Land wie Deutschland steckt das Wachstum in den Ideen und Anstrengungen von hoch gebildeten und gut bezahlten Arbeitnehmern. Das belebt auch die Kaufkraft und den Binnenmarkt.”

Aber warum gehen wir dann so fahrlässig mit dem um, was unser Land immer auszeichnet hat? Und was hat das mit der 1:12 Initiative zu tun?

Viele Unternehmen sind von der 1:12 Idee nicht betroffen (Vgl.: in der Schweiz ca. 0,3% der Unternehmen). Treffen würde es jedoch die wirklich großen mit Vorbildfunktion. Ein Unternehmer aus meinem Landkreis Emmendingen fand diese Initiative super. Er meinte allerdings, dass es nur die Topmanager*innen betrifft. Im Mittelstand könne mensch von einem 1:12 Verhältnis nur träumen – der Mittelstand stellt aber 57% der Arbeitsplätze. Laut einem Bericht der Welt vom Juni 2013 wird in Deutschland oftmals mit einem Verhältnis von mindestens 1:100 gerechnet! Roberts Chef*in würde demnach, wenn es einen Mindestlohn gäbe, 136.000 Euro im Monat verdienen. Nicht vergessen: Die Kanzlerin bekommt etwas über 15.000 Euro pro Monat.

Es geht nicht folglich um Neid, sondern um Wertschätzung.

Trägt ein*e Topmanager*in so viel Verantwortung und haftet er im Risikofall – oder wird er dann mit üppigen Abfindungen weitergeschickt? Welche Manager*innen der letzten 25 Jahre mussten für ihre Fehlentscheidungen in irgendeiner Form haften? Leistet diese Person das Hundertfache einer Reinigungskraft oder einer/eines Angestellten, z.B. am Schalter? Ist diese Verantwortung wirklich 8,5 fach höher als die der Bundeskanzlerin?  Für viele liegt die Antwort klar auf der Hand – Nein.

Die Politik muss handeln; in einigen Parteien (auch in der SPD) wird bereits offen über diverse Lohnobergrenzen diskutiert. Doch wo sollten wir eine ich die Grenze setzen?

Und da kommen wir wieder zur 1:12-Idee. Denn eine Führungskraft sollte im Monat nicht mehr verdienen dürfen, als die Person in  Vollzeit-Anstellung mit dem geringsten Gehalt. Dadurch wird sich eventuell auch wieder intensiver mit der Wertigkeit und der Leistung von Angestellten auseinander gesetzt und ins Bewusstsein gerufen.

Das Gehalt der “Oberen” bleibt flexibel. Wenn sie etwas mehr verdienen möchten, müssen sie davor an die Personengruppe im Unternehmen denken die weitaus weniger verdient wie sie.

Spätestens nach dem Erfolg des Bürgerentscheids in der Schweiz wird die Debatte auch in Deutschland entstehen – lasst uns mit einem Beschluss vorbereitet sein.

Wir haben schließlich die Chance in die Lohngerechtigkeit und vor allem die Lohnwertigkeit staatlich zu garantieren und dabei immer noch dem Markt die Chance geben, die Gehälter frei zu bestimmen.

Wir haben die Chance, etwas gegen die Missstände in unserer Gesellschaft zu unternehmen. Ohne gerechte Bezahlung, keine gesellschaftliche Teilhabe – ohne gesellschaftliche Teilhabe, keine Vielfalt!

Wir haben die Chance diese Idee weiterzutragen und Druck auf die Politik zu erhöhen.

Lasst uns diese Chancen nutzen, lasst uns für die Idee kämpfen! Wirbt im Freundeskreis, sozialen Netzwerken, Arbeit, Parteitagen, etc. für die 1:12-Initiative. Je mehr Freund*innen sich dieser Forderung anschließen, desto schwerer wird es sie zu umgehen! Es wird Zeit, dass sich unsere Politiker*innen ernsthaft damit auseinandersetzen. Es wird Zeit für ein Umdenken! Es wird Zeit so ein System in Deutschland einzuführen!

This entry was posted in Arbeit / Soziales, Europa / Internationales, Kapitalismus- / Gesellschaftskritik, Visionen / Utopien. Bookmark the permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.