„Bei uns gibt es sowas nicht“ – Sexismus in Parteien und was wir dagegen tun können

Foto der Verhaltensregeln der Jusos (Bund) und der Kontaktnummer des Awareness-Teams aus einem Veranstaltungsheft

Verhaltensregeln der Jusos (Bund) und der Kontaktnummer des Awareness-Teams aus einem Veranstaltungsheft, Bildquelle: eigenes Bild

von Torrent Balsamo (Freiburg) und Chiara Breiner (Heidelberg)

„Am Abend des Wahlsiegs schritt die Feier voran, es wurde getrunken und dann schließlich kam der Kerl […] zu mir, mit dem ich während der Wahlkampfzeit die meisten Auseinandersetzungen gehabt hatte. Als ich gerade am Laptop ein neues Lied für die Party anmachen wollte, beugte er sich über mich, sein Schritt an meinem Hintern, sein Kopf neben meinem über meiner Schulter. Er wolle mir angeblich zeigen, wie ich die Musik wechseln könne. Ein anderer von den Jusos fand das so lustig und machte erstmal ein Bild davon. Ich dagegen fand diese übergriffige Situation alles andere als angenehm.“

„Sexismus – ein CDU-Problem?“ Darüber schreibt beispielsweise Clara in einem online veröffentlichten, sehr lesenswerten Artikel, aus dem obiges Zitat stammt. Mit ,,CDU-Problem‘‘ spielt sie auf den zuvor veröffentlichten Blog-Beitrag von Jenna Behrends an, in dem sie ihre Erfahrungen in der Berliner CDU wiedergibt. Jenna sah sich mit Vorwürfen wie ,,karrieregeil‘‘ konfrontiert, ihr wurden diverse Affären nachgesagt u.a, nur, weil sie sich engagierte. Wer jedoch denkt, dass Sexismus lediglich ein CDU-Problem ist, irrt gewaltig, wie Claras Fall zeigt.

In Claras Blogeintrag geht es um fehlende Anerkennung und fehlende Vorbilder in einem überwiegend männlichen Parteiumfeld. Es geht um Situationen, in denen sie aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert wurde: Von herabwertenden Unterstellungen über ihr Sexleben, körperlicher Belästigung und dem Ausspielen von vertraulich mitgeteilten Missbrauchserfahrungen, um sie zu diskreditieren, ist die Rede. Bei Clara führten die sexistischen Vorfälle dazu, dass sie ihr Parteiengagement erst einmal auf Eis legte – ein Einzelfall?

Zu solch drastischen Fällen darf es nicht kommen. Es wäre jedoch verkehrt zu glauben, dass nur dies der Sexismus sei, den es zu verhindern gilt. Sexismus beginnt schon viel früher und ist vielen, Männern wie Frauen, vielleicht nicht einmal bewusst. Das ist keine Schuldzuweisung; niemand wird mit diesem Problembewusstsein geboren. Eine feministische Jugendorganisation muss aber gerade deswegen Aufklärungsarbeit leisten:
Was können wir tun, um zu verhindern, dass solche Situationen entstehen? Wie Clara in ihrem Blogeintrag betont, ist es ein Teil des Problems, dass ihre Erfahrungen nicht ernst genommen werden. Generell gehören eine anständige Fehlerkultur, gegenseitiges Zuhören und ein respektvoller Umgangston zu den Regeln, die sich jede politische Jugendorganisation auf die (roten) Fahnen schreiben sollte.

Diskriminierung, die sich auf Frauen und als Frauen gelesene Menschen bezieht, ist ein vielschichtiges Phänomen. Es beginnt z.B. damit, dass bei vielen Veranstaltungen Frauen* stark unterrepräsentiert sind, z.T. in Verhältnissen von 1:10! Von Bedeutung ist auch, welche Rollenverteilung bei der jeweiligen Veranstaltung herrscht: Ist das Präsidium oder die Diskussionsleitung rein oder mehrheitlich männlich? Sind bei (Podiums-)Diskussionen die Diskutierenden alle oder mehrheitlich Männer*, während Frauen* höchstens als Moderatorinnen oder Stichwortgeberinnen fungieren? Wird Männern* durchwegs die Rolle von „Experten“ zugeschrieben, während Frauen* nur als „Betroffene“ eingeladen sind? Auf diese und andere Weisen entsteht durch formale und informale Hierarchisierung ein ungleiches Machtverhältnis, das Frauen* benachteiligt. Und gerade bei extremen Machtgefällen, z.B. Männern* in höheren Ämtern, trauen sich Frauen* nicht, ihre Meinung geltend zu machen.

Abgesehen von den Rollenverteilungen der Geschlechter kann sich Sexismus im Diskussionsverhalten äußern: Frauen* werden auf respektloseste Weise unterbrochen – oder sie kommen gar nicht erst zu Wort. Quoten, die wichtige Instrumente zur Gleichstellung sind, werden destruktiv aufgeweicht oder schlechtgeredet, genauso wie abfällig von „Quotenfrauen“ gesprochen wird. Männlich sozialisiertes Gesprächsverhalten, also konkurrenzorientierte, auf Profilierung bedachte, „pöbelnde“ Kommunikation, wie es definiert ist, spielt hierbei eine wichtige Rolle. Zudem kommt es oft zum Mansplaining; einer Redeweise meist männlicher Personen, die typischerweise weiblichen oder nicht-männlichen Personen von oben herab belehren, wobei die Männer* stillschweigend fälschlicherweise annehmen, dass das Gegenüber weniger Kompetenz oder Wissen in Bezug auf das Gesprächsthema hat.
Weiche oder bestenfalls hart quotierte Redelisten können in manchen Fällen männlich-dominanter Redekultur Abhilfe schaffen, aber sie können gerade in informellen Gesprächen und anderen Situationen nicht angewendet werden. Was kann man tun?
Ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung sind „Unterstützungsteams“ und Schutzräume. Die Aufgaben eines solchen Teams sind für Sexismen zu sensibilisieren, das eigene Gesprächsverhalten zu reflektieren, sowie Konflikte möglichst im Einvernehmen zu schlichten. Dabei sollte das Verfahren so anonym und abgeschirmt wie möglich sein, damit betroffene Frauen* und sämtliche sich diskriminiert fühlende Personen auf Verbandsveranstaltungen, wo jede*r jede*n kennt, keinen schiefen Blicken oder Nachfragen ausgesetzt sind. Ebenso soll niemand als Täter*in angeprangert werden.

Foto der Verhaltensregeln der Jusos (Bund) und der Kontaktnummer des Awareness-Teams aus einem Veranstaltungsheft

Symbolbild Feminismus, Wortwolke in Form des Feminismus-Zeichens, Bildquelle: via pixabay.com, By John Hain (Own work) [CC0 Public Domain
(https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0)],

Dazu kommt, dass gerade junge oder neue Mitglieder vor dem Problem stehen, bei Sexismus keine Ansprechpersonen zu haben, gerade wenn der*die Kreisvorsitzende, Bekannte etc. gerade beschäftigt sind oder weil man wegen Abhängigkeiten bei Amtsträger*innen nicht negativ auffallen will. In solchen Situationen bieten sich außenstehende Vertrauenspersonen an, zu denen kein Machtgefälle vorhanden ist und die jederzeit zur Verfügung stehen, weil sie bei der Veranstaltung keine Aufgaben als Referierende oder Diskussionspartner*innen übernehmen. Gerade im Schutz der Masse bei einer größeren (Juso-)Veranstaltung gehen die Vorfälle sonst schnell unter. Und das führt im Extremfall dazu, dass sich Frauen* in einem solchen Klima unwohl fühlen und nicht wiederkommen, d.h. sie werden wegen Sexismus (oder sonstiger Diskriminierung) abgeschreckt und an der Partizipation gehindert.
Erste Priorität hat der Schutz der Betroffenen. Nicht Beschuldigungen von Einzelnen kann das Ziel sein, sondern Verhaltensänderungen bei Sexismus auf struktureller und persönlicher Ebene. Dazu ist es wichtig, dass die Aufgabe, Sexismus zu bekämpfen und Betroffenen zur Seite zu stehen, nicht auf die Unterstützungsteams abgewälzt werden darf, sondern bei allen Teilnehmer*innen der Veranstaltung liegt. Nicht „Wir wollen nicht beobachtet werden“, sondern „Wir wollen nicht diskriminiert werden“ ist die Devise.

Eine perfide Form von Diskriminierung ist es beispielsweise, wenn Frauen* die Fähigkeit abgesprochen wird, ihre Diskriminierung als solche zu erkennen und sich darüber zu äußern. Es darf besonders in linken Bewegungen nicht vorkommen, dass sich diskriminierte Frauen* erst die Deutungshoheit über ihre eigene Diskriminierung erkämpfen müssen, um sich Gehör zu verschaffen. Auch hier können Unterstützungsteams, breitere Öffentlichkeit und Respekt Abhilfe schaffen, indem sie die Berichte der Frauen* ernstnehmen, statt dagegen zu argumentieren oder sie in Frage zu stellen.

Auch kann ein Unterstützungsteam die Aufgabe übernehmen, mögliche Konsequenzen im Umgang mit Belästigung aufzuzeigen (in dieser Verantwortung befinden sich auch die jeweiligen Kreis-, Landes- und Bundesvorstände). In den Stunden nach einer übergriffigen oder diskriminierenden Situation sollten Betroffene nicht alleine über das weitere Vorgehen entscheiden müssen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, etwa ein Gespräch mit den Täter*innen durch Mitglieder des Unterstützungsteams. Des Weiteren kommen SPD-interne Maßnahmen in Frage, bspw. ein Parteiordnungsverfahren (Organisationsstatut § 35), dem in besonders schweren Fällen der Ausschluss aus der SPD folgen kann. Zuletzt ist auch der Gang zur Polizei möglich. Wichtig ist, dass jede Maßnahme dem Willen der betroffenen Person entsprechen muss, aber um diese Willensfreiheit zu ermöglichen, kann das Unterstützungsteam über die Möglichkeiten aufklären und beratend unterstützen, sodass die für das Individuum beste Entscheidung getroffen werden kann.

Neben Sexismus können die Teams auch Ansprechpartner*innen für Menschen sein, die von Rassismus, Homo- und Transphobie und Mobbing betroffenen sind. Es mag nicht allen auf den ersten Blick einleuchten, inwiefern eine Telefonnummer und eine kleine Gruppe von Unterstützer*innen in Bereitschaft einen Unterschied machen können – aber für alle, die Diskriminierungserfahrung haben, sind solche Teams Gold wert, gerade auch, weil sie jenseits der großen Verbandsveranstaltungen in den einzelnen Kreisverbänden Diskussionen über (strukturellen) Sexismus in Gang bringen und somit linke Verbände intern genau die feministischen Ansprüche verwirklichen, wie sie in Programmen und Anträgen immer gefordert werden.

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