Auch Aylan hat Rechte!

„Was, wenn nicht dieses erschütternde Bild, kann Europas Haltung in der Flüchtlingspolitik ändern?“ fragt die britische Tageszeitung „The Independent“ und präsentiert ihren Leser*innen das Bild des im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlingsjungen Aylan K. (3). Während in Großbritannien fast alle relevanten Zeitungen das Bild auf den Titelseiten publiziert haben, hat es in Deutschland bislang nur die BILD auf der letzten Seite veröffentlicht, während die meisten anderen Zeitungen ihre Gründe für eine Nichtveröffentlichung dargelegt haben. Dafür haben unglaublich viele Menschen die Bilder von Aylans totem Körper über soziale Medien weiter verbreitet. Auch wenn die Intention dahinter nachvollziehbar Wut darüber, dass Tag für Tag Menschen sterben, weil Europa fast jede sichere Einreisemöglichkeit für Notleidende gesperrt hat verständlich ist, gilt trotzdem:

Hört auf, Aylans toten Körper überall herumzuzeigen!

Abgesehen davon, dass es für viele Menschen emotional sehr belastend ist, Bilder von toten Kindern sehen zu müssen, gibt es eine ganze Reihe von guten Gründen, Aylans Foto nicht weiter zu verbreiten und es, falls schon geschehen, zu löschen.

Der erste scheint ganz banal: Es fehlt das Einverständnis von Aylans Eltern oder von ihm selbst, das Foto zu veröffentlichen. Aus gutem Grund gibt es ein Recht am eigenen Bild in Deutschland und das wird gerade vollkommen unbekümmert tausendfach verletzt. Wäre Aylan deutscher Staatsbürger, hätte der Fotograf vermutlich schon längst einen Prozess am Hals und die Angehörigen Anspruch auf einige Schadensersatzleistungen, da sich das Bild nicht mehr so einfach löschen lässt. Aber er ist ja „nur“ ein syrischer Bürgerkriegsflüchtling und daher scheinen seine Persönlichkeitsrechte erschreckend vielen egal zu sein.

Da Aylans Grundrechte von seinen Angehörigen erst mal nicht verteidigt werden können, ist es unglaublich einfach, Aylans Körper für die eigenen Ziele (so richtig sie auch sein mögen) zu missbrauchen. Niemand, der das Bild teilt, wird ihn gekannt haben, vermutlich wird auch niemand seine Angehörigen persönlich kennen lernen. Er wird für uns alle nur das tote Kind vom türkischen Strand bleiben, auch wenn mehrere Medien bereits einiges über seine Geschichte und seine Verwandtschaft in Erfahrung gebracht haben. Aylan wird zu einem Symbol gemacht und auf seinen toten Körper reduziert, während der Mensch hinter der Leiche vollkommen irrelevant bleibt.

Wie Aylan sterben Jahr für Jahr Tausende im kalten Massengrab Mittelmeer. Wenn ihre Leichen an Land gespült werden, werden sie normalerweise in anonymen Massengräbern verscharrt und dem Vergessen preisgegeben. Die Künstler*innengruppe „Zentrum für politische Schönheit“ hat im Frühjahr in einer viel beachteten Aktion auf diesen skandalösen Missstand aufmerksam gemacht und einen würdigen Umgang mit den Leichnamen toter Flüchtlinge eingefordert. Ein Anliegen, dass gerade heute brennend aktuell ist: Denn zu einem würdevollen Umgang gehört neben der Bestattung auch der Umgang mit dem Körper zwischen dem Tod und der Bestattung. Für das, was gerade mit Aylans Körper gemacht wird, gibt es viele Adjektive zur Beschreibung, aber eins gehört ganz bestimmt nicht dazu: „Würdevoll“!

Wenn die Zurschaustellung von Aylans Leichnam als der einzige Weg scheint, um Entsetzen über die Zustände an den europäischen Außengrenzen auszulösen, dann ist das weniger ein Grund, das Bild weiter zu verbreiten als viel mehr einer, jedes politische Engagement sofort einzustellen. Denn eine Gesellschaft, die nur noch auf derartige Schockbilder reagieren kann, hat ein derartiges Maß an Empathielosigkeit erreicht, dass jede Hoffnung auf positive Veränderung illusorisch wäre.

Und überhaupt: Wer garantiert denn, das es den noch lebenden Flüchtlingen hilft, dass Aylans Körper von der halben Welt begafft wird? Sein Tod und der der vielen Tausend anderen anonymen Flüchtlingen wird von den politisch Verantwortlichen bewusst in Kauf genommen, um der eigenen Wähler*innenschaft die Illusion von Sicherheit bieten zu können, die angeblich nur durch eine ethnisch homogene Nachbarschaft erhalten werden kann. Diese Verantwortlichen schummeln sich gerade mit schönen Worten bis zu dem Tag durch, an dem die neue Sau auftaucht, die dann durchs Dorf getrieben werden kann. Dann wird von Aylans Tod nur das Wissen übrig bleiben, dass eine weitere, vormals für unverletzlich gehaltene Grenze in der politischen Kommunikation überschritten und zerstört wurde: Dass niemals verletzte oder tote Kinder für die Durchsetzung einer politischen Agenda missbraucht werden dürfen. Der Fall dieser Grenze wirft eine Frage auf, deren Beantwortung einiges an Brechreizpotential bietet: Was kommt als nächstes? Bilder von kleinen Maserntoten, um für die Impfung zu werben? Oder von minderjährigen Verkehrsopfern, um mehr Vorsicht im Straßenverkehr anzumahnen? Der Fantasie sind hier keine Grenzen gesetzt und trotzdem hat die Realität das Potential, sie auch noch zu überholen.

Der Zweck heiligt niemals die Mittel und vor allem nicht solche Mittel! Bilder toter Kinder dürfen niemals ein Mittel der politischen Kommunikation sein. Wenn wir für eine menschliche Flüchtlingspolitik kämpfen, dürfen wir niemals diejenigen außer Acht lassen, für die wir uns einsetzen. Unser Ziel ist es, sichere Fluchtwege nach Europa zu schaffen, eine menschenwürdige Unterbringung zu erkämpfen und den geflohenen Menschen den Aufenthalt in unserem Land so angenehm wie möglich zu machen. Dafür kann mensch sich in zahlreichen Flüchtlingsinitiativen engagieren, mensch kann auf die Straße gehen oder versuchen, politische Akteur*innen direkt zu beeinflussen, aber toten Kindern eines ihrer letzten Besitztümer, das Recht am eigenen Bild zu stehlen, das geht gar nicht!

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