Anspruch und Realität

Wie es verunsicherte Clubbetreiber schaffen, meine Heimatstadt bundesweit so richtig scheiße dastehen zu lassen….

Ich mag Freiburg. Nicht in dem Sinne, dass ich glaube, dass Freiburg besser sei als jede andere Stadt in Deutschland oder Europa, aber in dem Sinne, dass ich glaube, dass sie grundsätzlich gut zu mir passt. Sei es der (teils schon etwas anstrengende) grüne Lebensstil, der Freiburg zu einer „green City“ macht, der aktiven und kreativen linken Szene, der Do-it-yourself-Attitüde der freiburger Studierendenschaft oder der symphatische Fußballclub mit einem kauzigen Historiker als Trainer. Freiburg ist bunt, progressiv, manchmal etwas arrogant und das linke Herz Südbadens. Ich fühle mich wohl hier.

Als sich die Geflüchtetensituation verschärfte blieb das auch in Freiburg nicht folgenlos. Mehr Menschen kamen, neue Einrichtungen wurden gebaut und nutzbar gemacht und es entwickelte sich ein starkes, milieuübergreifendes Engagement in der Geflüchtetenhilfe. Batik-Kurse, Fahrräder & Tofu. Alles war so typisch Freiburg. Und dann kamen ein paar Clubbesitzer*innen mutmaßlich auf die Idee, ein altes Problem mit einem neuen zu verknüpfen.

Und wer sei schuld? Natürlich die Ausländer!

Als öffentlich wurde, dass Freiburger Clubs Menschen ohne Aufenthaltserlaubnis nicht mehr rein lassen wollten, war das jeder Tageszeitung von ZEIT bis FAZ einen großen Artikel wert. Endlich! Nicht Offenbach, Bonn, Wiesbaden oder Berlin hatte Probleme, sondern Freiburg! Ein kleines Nest, provinziell und weit weg von den Brennpunkten Deutschlands. Wenn es da schon Probleme gab, wie sollte die Situation wohl in Frankfurt aussehen? Natürlich ließen viele Zeitungen durchblicken, dass die vorgesehenen Einlasskontrollen diskriminierend und illegal wären, und sich am Ende des Tages kein*e Clubbetreiber*in vor eine Kamera stellen wollten um diese Maßnahmen zu bestätigen oder zu rechtfertigen, doch da war das Thema schon auf dem Tisch.

Doch nun zur Problematik selbst. In Freiburger Clubs sei es zunehmend zu sexuellen Belästigungen und Diebstählen gekommen, mutmaßlich durch Menschen aus den Magrheb-Staaten. Angezeigt wurden kaum mehr Delikte als sonst. Clubs sind gerade im Bezug auf Sexualdelikte schwierige Räume. Viele Menschen, viel Körperkontakt, Intensität und Alkohol. Eine praktische Tarnung für Grapschereien und teilweise sogar mehr. Das Problem ist allerdings nicht gerade neu. Zu sagen, dass gerade die Ausländer da ein Risikofaktor wären ist das gedankenlose Abschieben eines hochkomplexen Problems an eine gesellschaftliche Minderheit. (Das ist übrigens eine gute Deutsche Tradition.) Um das klar zu machen: wer einen Menschen sexuell nötigt, belästigt oder vergewaltigt ist ein verachtenswertes Stück scheiße, Punkt. Er/Sie* gehört angezeigt und rausgeworfen. Aber seine/ihre* Herkunft ist dabei komplett irrelevant.

Die Clubs versagen bei einer ihrer Hauptaufgaben.

Gegen das Problem von sexuelle Gewalt in Clubs muss etwas getan werden und in erster Linie sind hier die Clubs selbst in der Pflicht. Es ist ihre Aufgabe, einen sicheren Raum zu gewährleisten in dem man sich entspannen und tanzen kann. Clubs haben dafür zu sorgen, dass Störer*innen rausgeworfen und Verbrecher*innen angezeigt werden. Natürlich müssen sie dafür auch mitbekommen, was in ihren Clubs vor sich geht. Dass das auf unübersichtlichen Partys durchaus schwierig sein kann liegt in der Natur der Sache, doch das entbindet die Clubs nicht davon, für Sicherheit zu sorgen. Und nein, zwei grimmige Gorillas an den Eingang zu stellen, die jeden ausländisch aussehenden Menschen abweisen reicht dafür nicht!

Es war für mich anfangs überraschend, welche Clubs hier mit dieser rassischtischen Maßnahme assoziiert wurden. Neben dem Wheit Rabbit waren auch El.Pi und Crash des öfteren in dieser Sache genannt worden. Um das den Nicht-Freiburger*innen kurz zu erklären: Das Crash ist ein Punk-/Metal-Schuppen mit einem roten Stern als Logo, das El.Pi die Studierendendisko schlechthin und das Wheit Rabbit ein Antifa-assoziierter Club der regelmäßig Soli-Konzerte für linke Projekte veranstaltet. Wäre diese Scheiße von den sowieso schon beschissen Proll-Clubs Freiburgs ausgegangen hätte mich diese Sache wohl weniger aufgeregt als so. Von manchen erwartet man ja auch keine sinnvollen Lösungen für wichtige Probleme. Dass allerdings genau diese mindestens links-assoziierten Clubs im Fokus stehen ist gerade so bitter, da sie es eigentlich besser wissen müssten. Als linker Club hat man eine Verantwortung! Die Verantwortung, Lösungen für Probleme zu entwickeln, die sich von denen der AFD unterscheiden!

Nachdem die Clubs für diese Idee aus fast jedem Lager Freiburgs Prügel bezogen haben und sich die angesprochenen Clubs inzwischen von der Berichterstattung distanzierten ist dieser Nonsens zumindest offiziell wieder erledigt, doch ein Imageschaden bleibt. Auch die Frage, inwieweit die zu politischem Blindflug neigende Badische Zeitung Einfluss auf die Berichterstattung hatte muss noch beantwortet werden.

Das Wheit Rabbit hat jetzt eine „Mitgliedskarte“, die jede*r bekommt, der/die sich gegen Sexismus positioniert. Das wird viel helfen. Da man Samstag nacht um eins in Angesicht des Türstehers ja auch unter Eid steht. Am Wochenende haben Björn Peng und SCHEISSEDIEBULLEN im Wheit Rabbit gespielt. Ob die diese Mitgliedskarte auch beantragen mussten?

Lasst uns hoffen, dass dies der Tiefpunkt einer unterirdischen Debatte war und Freiburg bald wieder in erster Linie für Hippies, Fahrräder und Tofu bekannt ist.

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