Angriffsziel Popmusik

Es ist wieder passiert. 22 Menschen starben, als sich gestern Nacht ein Attentäter nach einem Konzert der Popmusikerin Ariana Grande in Manchester in die Luft sprengte. Was als unterhaltender Abend begann wird nun in erster Linie als Ereignis von schwer vorstellbarer Grausamkeit in Erinnerung bleiben. Unter den 22 Toten  befinden sich Kinder, Jugendliche, Eltern. Musikfans, die eigentlich nur das Konzert einer Popkünstlerin besuchen wollten, lässt der Anschlag verletzt und traumatisiert zurück. Dabei ist es nicht der erste Anschlag auf ein Konzert in jüngster Vergangenheit und – so ist zu befürchten – es wird wohl nicht der letzte bleiben.

Fasst man den Anschlag auf das Eagles of Death Metal-Konzert in Paris und den aktuellen Anschlag zusammen, haben 111 Menschen seit 2015 ihr Leben durch Attentate auf Konzerte verloren. Die Beweggründe, Netzwerke und übergeordneten Handlungsmotive der Terrorzelle von Paris wurden im Nachgang der Attentate aufgearbeitet. Auch für den Angriff in Manchester wird es große Ermittlungsanstrengungen geben und mit hoher Wahrscheinlichkeit werden die Verantwortlichen identifiziert und gegebenenfalls auch gefasst werden. Der gesellschaftliche Schock sitzt jedoch tief. Das hat auch viel mit dem Anschlagsziel zu tun.

Terrorismus war im 20. Jahrhundert ein anderes politisches Phänomen als er es heute ist. Die Ziele von RAF, ETA und Konsorten waren klar politisch, aber ihre Feinde waren die Staatsapparate. Die Entführung von Hans-Martin Schleyer sollte beispielsweise die Bader-Ensslin-Zelle freipressen, der Anschlag auf Generalstaatsanwalt Buback war ein punktueller Angriff auf eine politische Figur. Die Terrororganisationen der Vergangenheit waren jedoch immer darauf bedacht, Unschuldige bei ihren Aktionen zu verschonen. Dieser „konventionelle“ Terrorismus war ein Kampf einer unterlegenen Gruppe gegen einen übermächtig scheinenden Staat. Dies legitimierte ihn jedoch nicht und macht ihn retrospektiv auch nicht zu einem unterstützenswerten Phänomen,  das Ziel eines solchen Kampfes war aber immer, die Zivilbevölkerung für die eigene Sache zu gewinnen. Was jedoch ist das Feindbild von jemandem, der auf das Konzert eines Popsternchens geht, um 22 Zivilist*innen zu töten?

Die Antwort ist so profan wie erschreckend: Der islamistische Terrorismus versteht nicht die Staatsapparate des Westens als Gegner in seinem Kampf, sondern die ganze westliche Gesellschaft. Die bürgerlich-pluralistische Demokratie ist das wahre Feindbild von IS, Al-Qaida und ähnlichen Terrornetzwerken. Dementsprechend ist es wenig zielführend, nur die Staatsmacht anzugreifen. Tötet ein islamistischer Attentäter ein Staatsoberhaupt, wählen wir eben ein Neues. Das klingt zynisch, ist aber eigentlich eine der großen Stärken des Westens. Es würde keinen Putsch geben, wenn Theresa May sterben sollte. Es gäbe kein Machtvakuum, das man eventuell mit einem gewogenerem Machthaber füllen könnte. Demokratische Prozesse sind kein aufgezwungenes Regime, sondern sie sind inzwischen Teil der gesellschaftlichen DNA.

So ist die Gesellschaft selbst der Angriffspunkt der Terrorzellen und  – als deren Essenz, die Kultur. Was repräsentiert den gesellschaftlichen Pluralismus besser als das Konzert einer Rockband in einem historischen Gebäude in Paris, oder der Auftritt einer 23-jährigen Sängerin, die durch den Unterhaltungssender Nickelodeon bekannt wurde? Die Symbolwirkung solcher Attacken ist enorm. Nicht nur unter dem Aspekt, dass Anschläge auf „weiche Ziele“ die gesellschaftliche Paranoia steigern und so großen Einfluss auf die politische Kultur nehmen, sondern auch um klar zu machen, wer hier der Feind ist: Wir.

Alle, die sich auch nur im Entferntesten mit der westlich-pluralistischen Kultur identifizieren können, gelten als Erzfeinde der islamistischen Sache und sind damit ein potentielles Ziel von Terrorismus. Das sollte man immer im Hinterkopf haben, wenn man glaubt, man müsse den Kampf der Amerikaner gegen den IS in Syrien in Frage stellen. Das sollte man immer im Kopf haben, wenn man Geschäfte mit Saudi-Arabien macht.

Der Attentäter von Manchester hat 22 Menschen umgebracht, weil diese Menschen ein Ariana Grande Konzert besucht haben. Für ihn hat das als Auswahlkriterium gereicht. Damit müssen wir uns auseinander setzen, auch damit, wie wir zulassen konnten, dass die Welt zu einem Ort wird, der Menschen mit einer solchen Ideologie hervor bringt.

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